01.12.2008: K.I.Z. - Köln - Live Music Hall

01.12.2008
 

 


K.I.Z. in Köln: Transpirierende Menschenmassen mit gestrickten Goldketten, feierwillige Musikhörer unterschiedlichster Couleur und der altbekannte Pimmelwitz, der manchmal unnötig in die Länge gezogen wird. Gute Entertainer sind die Berliner über weite Strecken trotzdem.

Der Auftritt beginnt nach langem Intro mit einer gewohnt abseitigen Frage: „Köln, seid ihr feucht – unter den Achseln?“ Wer darüber nicht zumindest ein wenig schmunzeln kann, ist hier in den nächsten zwei Stunden (plus) definitiv fehl am Platz. Getreu Nicos Part auf der aktuellen CALLEJON-Platte lautet das Motto einmal mehr: „Raus aus dem Körper, rein in den Club“. Und vorher schön artig das Großhirn an der Garderobe abgeben. Wobei das eigentlich nur für diejenigen gilt, die denken ironische Brechung sei gleichzusetzen mit so-tun-als-ob-Kotzen. K.I.Z. nehmen dann mit dem Opener 'Geld Essen' auch rasant Fahrt auf, lassen den saftig ausgebuhten hippen Trash-Support (DIE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM) schnell vergessen und machen die Marschroute unmissverständlich klar: Popkulturelle Referenzen noch und nöcher, Fäkalhumor 2.0, Cock Chic 3.0 und Euphorie auf allen Seiten. Ein wahnwitziger Mix aus Dschungelbuch, Wolle Petri und HipHop Kollegenverarsche mit SCOOTER-Ästhetik. Dass die vier Jungs dabei mehr als einmal über sich selber lachen und sie im Kern mehr sind als postmoderner Gynäkologen-HipHop für´s abgehängte Geschmacksprekariat, sollte klar sein. FRAUENARZT funktioniert anders. Dass das neuere Material nebst Stücken wie 'Die Elfte Plage', 'Pogen', 'Spast', 'Böses Mädchen' und dem vehement geforderten Rausschmeißer 'Neuruppin' (noch) etwas deplatziert wirkt und eine Menge potentieller Energie aus dem Auftritt nimmt, ist allerdings irgendwie recht ärgerlich. Auch der Versuch nach ohnehin überbordender Fotzen-Pimmel-Allesfresserrhetorik die Extreme des schlechten Geschmacks weiter künstlich auszuloten, indem man vermeintliche Tabus mit dem Vorschlaghammer bricht („tote Neugeborene in Blumenkästen“), stößt sauer auf. K.I.Z. sollten sich auf ihre Stärken besinnen, doppelbödig wie in vergangenen Zeiten performen und ihren Scooter-Kirmes-Techno-HipHop-Sound lieber mit weniger bemüht-kontroversen Zeitdiagnosen aufladen. Wie das funktioniert, beweist einer der neuen Tracks, der mit dem Bild der Finanzkrise aus Sicht der Bankmanager spielt und an den berühmten Hudsucker-Fenstersprung erinnert. Auch die Gastperformance von Olli Banjo, der sich tapfer den Weg aus dem hintersten Winkel der Halle bis auf die Bühne erkämpft, sowie diverse Spielereien in Form von Videoprojektionen, Bühnenbild und animierenden Wasserverteilern in Quarantäne-Uniform machen etwas her. Unterm Strich bleiben K.I.Z. – die Grobiane, die Silben manches Mal ein wenig zu übel akzentuieren – somit gute, über die Symptome des krankenden Patienten Deutschrap aufgeklärte Entertainer. Am Ende wird sich wohl so mancher euphorisierte Konzertbesucher ob des Fehlens der Garderobenmarke für sein Gehirn gewundert haben. Bis ihm aufgefallen ist: Er hatte es gar nicht abgegeben.