02.04.2017: REAL FRIENDS, MICROWAVE, HOLLY WOULD SURRENDER - Stuttgart - Keller Klub

 

Der Keller Klub ist klein und dunkel, ein bisschen in die Jahre gekommen, etwas abgenutzt. Böse Zungen nennen ihn eine Spelunke, andere feiern genau diesen Flair. Die Mini-Bühne ist nicht zu übersehen. Einen halben Meter hoch und schätzungsweise 10 Quadratmeter groß steht sie dort, wo sonst getanzt wird. Der Laden ist ausverkauft.

HOLLY WOULD SURRENDER, das sind vier Jungs aus dem hohen Norden, eröffnen den Abend. Mit ihrem pop-punkigen Sound und ihrer positiven Ausstrahlung erhellen sie den Raum. Ein paar Stuttgarter scheinen das Hamburger Quartett zu kennen, singen mit und klatschen kräftig. Der Rest hält sich wie meist bei unbekannteren Supportacts dezent zurück. HOLLY WOULD SURRENDER sorgen mit Witz und Charme zwischen den Songs für Erheiterung. Die Sympathie springt über. Ihre Spiellust, der Spaß am Auftritt, ist beinahe greifbar. Zum Pogen hinreißen lässt sich das Publikum dennoch nicht. Der Abschiedsapplaus ist aber passabel und die Stimmung danach gut.

MICROWAVE stehen nach einer blitzschnellen Umbaupause akkurat auf der Bühne. Sänger Nathan, Gitarrist Wesley und Bassist Tyler könnten Zwillinge sein. Alle haben sie dunkle kinnlange Haare und Bart. Nathan, in weißem Tanktop gekleidet, die Gitarre auf Bauchhöhe umgehängt, sieht gequält aus. Als laste der gesamte Weltschmerz auf seinen Schultern. Es ist das komplette Gegenteil der Lockerheit und Unbeschwertheit von HOLLY WOULD SURRENDER. MICROWAVE spielen aber auch keinen Pop-Punk. Nathans Stimme transportiert die äußerlichen Merkmale des Schmerzes nach außen. Zerbrechlich klingt sie, erdrückt, fast so als müsse sie eine Wand durchbrechen, um nach draußen zu dringen. Es tut weh ihm dabei zuzuschauen. Unweigerlich verzieht man auch das Gesicht, der Körper verkrampft. Diese Ernsthaftigkeit wirkt nach dem Start von HOLLY WOULD SURRENDER bedrückend. Als wäre man nach einer Kindergeburtstagsfeier direkt zu einer Beerdigung  gegangen. Die Musik ist natürlich nicht schlecht. Aber trägt eben nicht unbedingt zum Stimmungsbogenaufbau bei.

Als die REAL FRIENDS die Bühne betreten gibt es kein Halten mehr. Wirklich nicht. Der einzige Security-Mann hat sich am rechten Bühnenrand platziert. Was auch immer er von dem Konzert erwartet hat, es war nicht das. Mit dem ersten Ton starten die ständigen Stoßwellen in Richtung Bühne. Die Frontrow fällt regelmäßig auf die Selbige. Den ersten Crowdsurfer versucht der Sicherheitsmann noch aufzufangen. Aber bis er sich in die Mitte der ersten Reihe, zwischen Bühne und Menschen gequetscht hat, ist der Surfer schon auf dem Boden. Fortan bleibt der große Mann lieber am Rand stehen und beobachtet. Was er zu sehen bekommt, ist der Wahnsinn. Männer werden zu frenetischen Fanboys, singen teils lauter mit, als das Mikro Dans Stimme verstärken kann. Überhaupt wird immer mitgesungen. Bei allen Liedern – ausnahmslos. Viel Bewegungsfreiheit haben die fünf Amerikaner auf der Bühne nicht. Macht aber nichts. Dan singt oft ohne Mikro direkt ins Publikum rein. Leidenschaftlich, echt, nah. Die Menge ist ständig in Bewegung. Auch mit seinen Ansprachen kommt der Sänger gut an. „All that counts is this“, fasst er sein Plädoyer für Musik als verbindendes Element verschiedener Kulturen zusammen. Und dann spielt er auf die abgesagte Tour und seinen Gesundheitszustand an. Die Message: Wenn man psychische Probleme hat, solle man sich nicht scheuen Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er erntet frenetischen Applaus. Die Energie, welche sich bei den Stuttgarter Fans beim Mitsingen und Tanzen entlädt, ist so elektrisierend, wie es nur selten der Fall ist. Die Wehmut dafür umso größer, als die REAL FRIENDS die Bühne verlassen.