02.08.2012: Verse, Ritual, Soul Control, Anchor - Hafenklang, Hamburg

 




„Ein Jahr im Hardcore sind doch wie zwanzig Jahre im echten Leben.“ – so ähnlich formulierte es Clement gestern beim Allschools Birthday Bash. Am Anfang muss ich ein bisschen drüber grübeln, aber bezogen auf die Sommertour von Verse, Ritual und Soul Control macht diese Aussage sicherlich Sinn.
Schließlich waren Verse vor einem Jahr noch aufgelöst in der Versenkung verschwunden und fast keiner hätte damit gerechnet, dass er diese Band so schnell nochmal zu sehen bekommt. Ritual dagegen haben vor etwas mehr als einem Jahr erst ihr zweites Album veröffentlich, sich jedoch inzwischen traurigerweise dazu entschlossen, die Band an den Nagel zu hängen und auf Abschiedstour zu gehen. Mit Soul Control waren sie bereits letzten Sommer auf Tour, was einem auch schon wieder deutlich länger vorkommt als ein Jahr.

Doch den Anfang machen heute im Hafenklang die Schweden von ANCHOR. Eigentlich eine ziemlich undankbare Situation, den Opener abzugeben, wenn man von so weit her kommt, schon auf einige Releases zurückblicken kann und in der europäischen Hardcore-Landschaft inzwischen längst eine Bank geworden ist. Aber bei der Dichte an guten Bands am heutigen Abend kein Wunder. Und so schwer macht es ihnen Hamburg dann auch nicht: Pünktlich zum Beginn der Show um 21.30 ist das Hafenklang bereits sehr gut gefüllt und gleich zum ersten Song „Testament“ (auch der erste Song des neusten Albums) bewegen sich die Leute ausgiebig. ANCHOR machen auch heute wieder einen topfitten und maximal sympathischen Eindruck. An Aktion fehlt es weder auf Seiten der Band noch auf Seiten des Publikums. Von Beginn an kommt einem heute in Hamburg alles sehr familiär vor, alle vier Bands kennen sich untereinander sehr gut und jede Band wird freundlich von Hamburg in Empfang genommen. So wundert es nur ein kleines bisschen, als plötzlich Sean Murphy von Verse bei „No Love“ am Backing-Vocals-Mikrofon steht und seinen Gastpart auch live singt. Angesichts der baldigen Trennung von Ritual lassen ANCHOR sich ein paar warme Worte zu diesem Thema nicht nehmen: Die erste Tour der Schweden war mit Ritual, beide Bands starteten etwa zum gleichen Zeitpunkt und haben in den darauf folgenden Jahren immer wieder miteinander gespielt, der Höhepunkt war sicherlich die gemeinsame Tour mit Carpathian im Sommer 2009. Das letzte Aufeinandertreffen als Bands heute also. Obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass man da vielleicht ein bisschen mies drauf sein könnte geben ANCHOR Alles. Neben weiteren Songs des neuen Albums „Recovery“ werden aber auch wie gewohnt alte Perlen wie „Finding Home“ oder „Atlantis“ ausgegraben, sodass man nach 30 Minuten Konzertbesuch bereits gut auf seine Kosten kommt.

Anchor haben gut vorgelegt für SOUL CONTROL, die sich auf ihrer dritten Europa-Tour vielleicht endgültig beweisen können. Letztes Jahr habe ich fünf Dates der Tour gesehen und auf keiner Show war wirklich was los bei der Band aus Rhode Island. Auch heute ist das nicht anders. Ich glaube ich bin nicht der Einzige, bei dem da einfach kein Funken überspringt. Auch nicht bei den Songs der neuen EP „Bore Core“, die teils etwas schneller, teils etwas grungiger als die alten sind. Die Band um Sänger Rory punktet bei mir in musikalischer Weise auch heute eher wieder wenig, dafür aber umso mehr mit den Ansagen. Für mich einfach nur unterstreichenswert ist zum Beispiel Rory’s Ansicht, dass ein guter Freund jemand ist, der einen hinterfragt, anstatt einfach nur alles blind abzunicken, was man tut. Desweiteren werden viele Dinge über die Hardcore oder Punk-Szene im Allgemeinen gesagt, die Sinn machen. SOUL CONTROL machen sich nichts draus, dass die Leute ihr Tempo nicht recht mitgehen. Stattdessen sorgen sie mit Köpfchen dafür, dass der Auftritt nicht an den Leuten vorbei zieht, selbst wenn ihnen die Musik nicht zusagt. Ich persönlich finde es schade, dass man die Songs aus „Involution“-Zeiten nun komplett aus dem Set genommen hat. Letztes Jahr hatte man noch zwei davon gespielt. Irgendwo aber auch verständlich, schließlich hat zwischendrin ein Sängerwechsel statt gefunden und es macht jeder Band wohl ohne Frage auch mehr Spaß, neue Lieder zu spielen. Zum alten Eisen gehören heute also Songs wie „Cycles“ oder „Like Spiders“ vom zweiten Album der Band.

RITUAL sehe ich dann bei ihrem viertletzten Auftritt mit einem weinenden und einem lachendem Auge. Die in meinen Augen beste deutsche Hardcore-Band wird in weniger als zwei Monaten endgültig Geschichte sein. „Beneath Aging Flesh and Bone“ dürfte in Zukunft sowas wie die oberste Messlate für nationale Hardcore-Bands sein. Und daran wird sich nahezu jede die Zähne ausbeissen. RITUAL glänzten seit Bandgründung nicht nur durch präzises, durchdachtes Songwriting, sondern vor allem auch durch eine authentische, eigenständige Live-Performance. Am Auftreten der Band schieden sich oftmals die Geister – auch in den Shoutboxen unserer Homepage. Unbestreitbar ist jedoch, dass die Jungs einzigartig waren und immer ihr Ding durchgezogen haben. So auch auf dem letzten Album „Paper Skin“, das zwar live nie wirklich angekommen ist, aber differenziert betrachtet sowas wie die endgültige Soundnische der Münsteraner/Recklinghäuser ist. Ähnlich wie Soul Control lebte man Progression im Sound aus, egal was die Fans davon hielten. Dass es im Moshpit nicht mehr so abgehen würde, das dürfte den vier bereits im Studio klar gewesen sein. Umso mutiger, die Songs dann doch so straight mit klarer Rock-Kante und experimentellen Ausflügen umzusetzen. „White Caskets“ ist heute die erste Nummer, nur schwer kommt das Hafenklang in Gang. Mit „Nation of Flies“ und „Somewhere in the Rain“ ändert sich das aber schnell und die Masse macht mit wie in RITUAL‘s besten Tagen. Schön anzusehen, wenn man bedenkt wie verhalten die Reaktion der Menschen auf vielen Tourstops 2011 war. Der Auftritt macht wieder richtig Spaß, man will kaum glauben, dass die Musiker sowas aufgeben wollen. Aber es wird die Gründe dafür geben. Die Setlist ist gespickt mit den Hits der Band (wenn man diesen Begriff im Hardcore überhaupt verwenden sollte): „Clouds“, „The Dead in Disguise“, „Absolute Devotion“. Das Beste kommt jedoch wie gewohnt mit „Stone and Glass“ zum Schluss. RITUAL wirken sehr dankbar, reden jedoch auch zum heutigen Anlass (letzte Show in HH) nicht wirklich ausgiebig. Sänger Julian geht davon aus, dass die meisten Leute ohnehin wegen Verse gekommen sind. Betrachtet man die Menge an textsicheren Leuten und Stagedives, kommt einem das jedoch ganz schön untertrieben vor. Man wird ein Loch in der deutschen Hardcore-Szene hinterlassen. Bleibt zu hoffen, dass die neuen Projekte der vier Jungs das irgendwie zu füllen wissen: Drummer Philipp und Bassist Pascal sind schon seit längerer Zeit in Messer aktiv, Julian wird als Gitarrist noch dieses Jahr mit seiner neuen Band Orbit the Earth ins Studio gehen und auch Gitarrist Deni wird in Berlin ein neues Hardcore-Projekt starten. Ich bin mehr als gespannt.

Nach einem eher ernüchternden Auftritt von VERSE auf dem Groezrock warte ich mit gemischten Gefühlen auf den Headliner des Abends. „Tear Down These Walls“ bläst dann sofort alle Zweifel weg. Wahrscheinlich liegt es daran, dass solche Bands in einem Club einfach viel besser funktionieren als auf einem Festival mit fünfstelligen Besucherzahlen. Mit „The New Fury“ steigert sich die Intensität des Auftritts noch einmal, fast schon ins Unermessliche. Man merkt regelrecht, wie lange viele Leute darauf gewartet haben, die Band (wieder) live zu sehen. Während des gesamten Sets geht der Hafenklang mit, selbst während der drei neuen Songs „The Selfless of the Earth, „The Selfish of the Earth“ und „The Silver Spoon and the Empty Plate“ – vielleicht auch, weil dies noch die drei auf dem neuen Album sind, die sich am ehesten mitsingen und meiner Meinung nach auch anhören lassen. Von Enttäuschung scheint da zumindest in Hamburg auf Seiten der Fans keine Spur zu sein, obwohl „Bitter Clarity, Uncommon Grace“ ja durchaus vielerorts kritisiert worden ist. Sean Murphy lässt sich seine vielen und ausschweifenden Ansagen nicht nehmen. 2008 kam es mir noch nicht so vor, als würde dies dermaßen viel Platz im Set beanspruchen. Erinnert mich ein bisschen an Have Heart, kurz vor deren Auflösung. Durch jedes Konzert zog sich ein freundschaftliches Miteinander, ein kompromissloses Abfeiern der Band und das Äußern mehrerer Messages, die an das Innerste der Leute appellieren, zum nachdenken anregen und so auch einen guten Anklang finden. So ist es auch heute mit VERSE. Wer sich nun darüber aufregt, dass zu viel „gelabert“ wird, sollte liebend gerne bei zukünftigen Hardcore-Shows daheim bleiben. Genau das fehlt nämlich in den letzten Jahren zunehmend. Dürfte meiner Meinung der Hardcore-Szene (nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern überall) richtig gut tun, dass VERSE zurück sind. Nicht nur die Songs des in den Hardcore-Himmel gelobten „Aggression“ kommen unglaublich gut an („Suffering to Live, Scared of Love“, „Old Guards“, „New Methods“), sondern auch Lieder, die schon mehr als 5 Jahre auf dem Buckel haben („Lost“, „From Anger and Rage“). Dass selbst nach 40 Minuten noch lauthals um Zugabe gebeten wird, ist selbstverständlich. Die komplette „Story of a Free Man“ und „Start a Fire“ runden dann einen durchweg gelungenen Abend im Hamburger Hafenklang ab. VERSE retten den Hardcore 2012 mit ihrem Comeback nicht, aber es ist trotzdem nötig, dass sie wieder da sind.

Alte Kommentare

von Matti 06.08.2012 18:08

Ich habe den Text mal ebend inhaliert und kann nur nicken und sagen genau so war es und nicht anders! Sehr treffend! War ein Tolles Konzert mit viel Schweiß und Gänsehaut! Sowas gibt es leider viel zu selten!