03.09.2015: FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS, NORTH ALONE - KÖLN - UNDERGROUND

 

Eine Show (bzw. eine ganze Tour) binnen weniger Minuten nach Vorverkaufsstart auszuverkaufen, muss man erstmal schaffen. Vielleicht sollten hier aber auch die Umstände nicht außer Acht gelassen werden, denn ich bin mir sicher, dass der Großteil von Mr. Turners Anhängern es kaum noch zu hoffen gewagt hat, die Chance zu bekommen, ein Konzert des gegenwärtigen Vorzeigemannes der Folk-Rock-Szene während einer intimen Club-Tour besuchen werden zu können.

Ich war schon auf etlichen Konzerten im Underground, das dafür bekannt ist, dass sich dort die Großen und Kleinen der alternativen Szene regelmäßig die Klinke in die Hand geben, bis zum gestrigen Tag habe ich aber noch nicht miterlebt, wie sich noch vor Einlassbeginn eine lange Schlange (mitsamt immer noch verzweifelten Ticketsuchern) vor den Toren des Biergartens angesammelt hat.

Lange wurde der Support des Abends geheim gehalten, am Abend vor der Show gab dann Manuel Sieg aka NORTH ALONE aus Osnabrück, der (wie er seine Musik selber beschreibt) "Punk-based Songwriter Folk" spielt, die freudige Nachricht bekannt, in Begleitung des Geigers So-Kumneth Sim als Support auf der gesamten Tour dabei zu sein. Da mir ihr Debüt-Album "Cure & Disease" schon vorher ein Begriff war, konnte ich mich so auch gleich ihren Live-Qualitäten überzeugen lassen. Was ihnen auch geglückt ist: Handgemachter, ehrlicher Folk, der live genauso gut wie auf Platte funktioniert und stark an Chuck Ragans Solo-Projekt erinnert. Hatte ich davor immer ein bisschen an seiner Authentizität gezweifelt, wurde ich jetzt eines Besseren belehrt: Der Mann an der Gitarre steht hinter seiner Musik. Erkennt man vor allem daran, dass er so ziemlich den Inhalt jeder seiner Songs dem Publikum zu erklären versucht. Mit Betonung auf "versucht": Was ich schon immer nicht verstanden habe, sind Konzertbesucher, die sich das ganze Set über mit ihren Nachbarn unterhalten. Was auch Herrn Sieg zu nerven scheint, wie er vor seinem letzten Song "The Road Most Travelled" anmerkt. Zurzeit sei es ihm aber noch wichtiger, dass mehr Leute den Mund aufkriegen und sich gegen "besorgte Bürger" und "Asylkritiker" positionieren. Vorbildliche Einstellung, und für mich ein Support, der mehr Aufmerksamkeit vonseiten des Publikums verdient hätte.

Nach einer guten halben Stunde geht es dann in die Pause, die im Underground eigentlich sonst genutzt wird, um schnell vom Konzertraum in den Biergarten zu strömen. Heute bewegt sich komischerweise so gut wie niemand vom Fleck, jeder will den bestmöglichen Platz verteidigen, wahrscheinlich aus Angst, das Konzert nachher irgendwo von hinten an der Bar mitverfolgen zu müssen. Noch bevor Turners Set beginnt, ist also schon eine Runde Gruppenkuscheln im engen Publikumsraum angesagt.

War seine erste Show auf deutschem Boden am 10. Februar 2009 im Underground noch Solo als Support für The Gaslight Anthem, zählt er heute auch zu den ganz Großen des Genres. Dass das heute kein typisches Underground-Konzert ist, lässt sich schon an dem Wellenbrecher vor der Bühne erkennen. Schade. Denn als um Punkt 9 nach und nach die Mitglieder von den SLEEPING SOULS auf die Bühne kommen, und "Get Better" vom neuen Album "Positive Songs For Negative People" langsam eingeleitet wird, spürt man schon eine leichte Distanz zwischen Band und Publikum. Als Letztes betritt natürlich Mr. Turner höchstpersönlich die Bühne und, obwohl der Song meiner Meinung nach einer der besseren auf der neuen Platte ist, springt der Funke live leider nicht über. Das Ganze wirkt irgendwie druck- und lustlos. Vielleicht zünden die neuen Songs auch einfach besser in größeren Hallen, an die die Band ja aus den letzten Jahren eher gewöhnt ist. Wie es scheint, braucht das Publikum ein paar Minütchen, um sich an die Kombination FRANK TURNER + kleiner Club zu gewöhnen, aber spätestens beim älteren Klassiker "Long Live The Queen" tut sich was im Publikum und die Tanzfläche wird eröffnet. Dass die BesucherInnen eher für die älteren Stücke zu begeistern sind, wird auch dem Frontmann schnell klar. Es scheint fast so, als würde er sich für die Songs vom neuen Album entschuldigen, die die Mehrheit des Publikums, wie er es rüberbringt, schnell hinter sich bringen will. Da die Tour aber eben als Promo-Tour des neuen Releases gedacht ist, werden neun von zwölf Titel vom neuen Album zum Besten gegeben. Schön anzusehen ist im Vergleich dazu, wie das Publikum bei Klassikern wie "The Road", "Photosynthesis" oder auch "I Still Believe" schnell zu einem großen, grölenden und chaotischen Chor wird. Bei so einer Hit-Dichte wie der von FRANK TURNER ist es natürlich selbstverständlich, dass die persönlichen Geheimtipps mit jedem zusätzlichen Album in der Live-Situation zu kurz kommen. Trotzdem schafft es vor allem das neue "The Angel Islington" mich in seinen Bann zu ziehen. Für zwei Minuten wird es ganz still im Zuschauerraum und spätestens jetzt kommt eine richtig intime Club-Atmosphäre auf.

Nach anderthalb Stunden ist der ganze Zauber auch leider schon wieder vorbei und die Band verabschiedet sich mit dem typischen "Four Simple Words", bei dem die Stimmung wie gewöhnlich nochmal so richtig aufkocht und es sich Frank auch nicht nehmen lässt, einen kleinen Stage-Dive-Ausflug zu unternehmen. Ein krönender Abschluss für die (wie er immer schön brav bei jedem seiner Konzerte mitzählt) 1721. Show seiner Karriere, mit einer beachtlichen Anzahl an Sing- und Dance-Alongs. Und noch ein kleiner Trost für alle, die keine Karte für diese Tour bekommen konnten: Anscheinend gegen den Willen seines Managements verkündet Turner, dass es ganz bald wieder nach Deutschland gehen soll. Hoffentlich wieder in die kleineren Clubs, die ihm auch wirklich gut zu Gesicht stehen.