04.07.2012: Wolfmother, The Sun and the Wolf - Capitol, Offenbach

 




Das bewegte Leben von Rockstars - WOLFMOTHER kommen schon ganz schön rum. Bei der diesjährigen Europatour wird wie auch schon letztes Jahr an Festivals einiges mitgenommen, ansonsten spielt man sich durch die Metropolen des Kontinents: Dass da neben London und Wien eine der 2 Deutschlandshows in Offenbach stattfindet (die andere in Köln), mag vielleicht ein wenig aus dem Raster fallen.

Doch geeignet ist das Capitol in der Stadt am Main als Location für dieses Spektakel allemal – viele hundert Leute finden nicht nur im Innenraum, sondern optional auch in der Galerie Platz. Von dort aus kann man, wenn man so will, sogar im sitzen das Geschehen betrachten. Erinnert sehr an einen Kinosaal (gepolsterte Sitze!) und ist natürlich besonders für kleine Leute geeignet. Als THE SUN AND THE WOLF um kurz nach sieben den Abend musikalisch eröffnen, haben sich beide Bereiche bereits sehr gut gefüllt. Die Zuschauer sind heute bunt durchgemischt, von sehr jung bis sehr alt, von Metaller bis Familienvater. Trotz der Unbekanntheit besticht die Band auf der Bühne durch fein ausgeklügelte Arrangements, die mal atmosphärisch, mal ansatzweise psychedelisch angehaucht sind und durch einen glasklaren Sound. Zum Sound des Headliners passt es auch ganz gut – ein nettes Warm-Up also. Und da Wolfmother ihr komplettes Merch bereits verkauft haben (entweder scheinen die Herren nicht gut kalkuliert zu haben oder auf den Festivals ging viel mehr weg als gedacht), dürften THE SUN AND THE WOLF heute einige Shirts und CD’s los werden. Jüngst veröffentlichte die Band ihr Debütalbum namens „White Buffalo“, über dessen Kauf ich nach dem heutigen Auftritt stark nachdenken muss. Als vorletztes Lied gibt es „Mountains“ auf die Ohren, der einzige Song, den die Band im Internet zum kostenlosen Download angeboten hat. Anhören kann man sich das Album aber auch vollständig. Abschließend kann man guten Gewissens sagen, dass dieses total unbeschriebene Blatt sich nicht mit dem Support für Wolfmother überhoben hat und eine gute Live-Figur macht.

Für fast jeden lässt der Anreisegrund jedoch noch auf sich warten. Wie sich das gehört gibt es eine extrem lange Umbaupause, bevor die Australier um Andrew Stockdale die Bretter betreten. Nach den letztjährigen Auftritten bei Rock am Ring und Rock im Park spielten WOLFMOTHER 2012 unter anderem auf dem Hurricane und Southside Festival, dem St. Gallen Open Air und dem Rock Werchter. Das Sonisphere Festival in Frankreich und dass Bosspop Festival in Holland sollen noch folgen. Im Frühjahr tourte man mit Lenny Kravitz und den Cranberries durch heimische Gefilde, da dürfte der Gig heute in Offenbach nicht wirklich nervös machen. Dennoch lässt die Band nichts anbrennen und sorgt bereits mit dem Eröffnungssong „Woman“ dafür, dass die Hütte bebt. Leider kommt auf der Galerie soundmässig nicht sonderlich viel an, Gitarren und Schlagzeug sind deutlich zu leise, sobald Stockdale auf sein Effektboard tritt, wird es jedoch viel zu laut. Glücklicherweise bekommen WOLFMOTHER dies nach 2 weiteren Songs („California Queen“ und „Dimension“) selbst mit und drehen noch ein bisschen auf. Sehr früh zeichnet sich ab, dass man heute fast mehr Improvisation zu hören bekommt als das, was man von den Alben kennt. Sicherlich etwas, dass einen Künstler auszeichnet und vielleicht im modernen Rock auch ein Stück weit ein Alleinstellungsmerkmal. Viele Songs werden verlängert, sodass man das man nach Belieben Soli und Jams einbauen kann. Das macht man jedoch dermaßen gekonnt, dass einem Songs wie „New Moon Rising“ kein Stück länger vorkommen. Im-Takt-klatschen gestaltet sich hier lustigerweise etwas unprofessionell (seitens der Zuschauer), als der Schlagzeuger alleine mit Basedrum und Hi-Hat den Takt hält. Andrew Stockdale bekommt währenddessen eine Zigarettenpackung gereicht, was ihn sichtlich erfreut. Als er wieder spielen muss, steckt er sich in lässiger Manier einfach eine Kippe auf die abgeschnittenen Gitarrensaiten. Generell wirkt der Frontmann und das einzige Gründungsmitglied der Band auf mich fast wie ausgewechselt. Mit modifizierter Frisur (nun gescheitelt), neuem Bart (ein waschechter Schnorres!) und irgendwie auch nicht mehr so blass wie früher geht er in seiner Rolle sehr gut auf. Bei der Leistung von Aiden Nemeth (Gitarre), Ian Peres (Bass und Keyboard) und Will Rockwell-Scott (Drums) fällt es leicht zu vergessen, dass WOLFMOTHER mal aus komplett anderen Leuten bestand. Diesen Unterschied hört man zwar auf den Alben heraus, für mich sind aber beide absolute Klasse und so freut es mich, dass beide auch zu etwa gleichen Anteilen in die Setlist einfließen. Auf dieser Tour ist allerdings auch ein fünftes Bandmitglied mit dabei, das zum Beispiel die Mundharmonika oder die Bongo-Trommeln übernimmt und ansonsten mit einer Rassel herumtanzt. Könnte verstehen, wenn das manchen zeitweise ein Dorn im Auge ist. Die Doppelhals-Gitarre, die nach Meinung einiger Leute nur Jimmy Page spielen darf, wird rausgeholt und es wird erstmal gezeigt, dass man sie beherrscht. Ohne Song. Mit Song dann in „White Unicorn“. Stockdale lässt sich die nächste Gitarre anreichen, dann wird mit „Keep Moving“ ein komplett neuer Song präsentiert. Nicht nur der Titel ist irgendwie ungewöhnlich, der Song geht auch befremdlich gerade vorwärts. Da kann man zumindest richtig gespannt auf das nächste Album sein. Um die Zuschauer zu überraschen, hat man aber ansonsten nichts Neues im Gepäck. Zumindest auf der Setlist. Die Ideen auf der Bühne sind sicherlich trotzdem innovativ. So spielt Ian Peres den Anfang vom „Phantom der Oper“ auf dem Keyboard, um dann im darauf folgenden „Cosmic Egg“ an beiden seiner Instrumente total auszurasten. Wirklich eindrucksvoll. Das fünfte Bandmitglied hat dann die Ehre, „Love Train“ mit den Bongos einzuläuten – die Masse bejubelt das natürlich. Im Jam des darauf folgenden Songs „Apple Tree“ hat WOLFMOTHER erstmals Probleme mit dem Zusammenspiel, was aber nicht weiter auffällt und auch das einzige Mal bleiben sollte. Mit „Mind’s Eye“ und „Vagabond“ wird es dann deutlich ruhiger, bis mit „White Feather“ wieder ordentlich Bewegung im Innenraum angesagt ist. Bei den Temperaturen auf der Galerie bin ich für meinen Teil sehr froh, dass ich mich nicht zwischen verschwitzten Körpern herumpressen muss. Nähe zur Bühne hätte heute aber sicherlich auch seinen Reiz. Ein eher unspektakuläres Ende findet der reguläre Auftritt nach mehr als einer Stunde dann mit „In the Castle“. Ist das Taktik? Die Musiker verlassen die Bühne. Der Raum fordert natürlich konform Zugabe. Die Lautstärke ist annähernd mit einer Fluglandebahn vergleichbar. Dass man nach einem der schwächeren Songs nach Hause gehen soll, sieht niemand ein. Wieder verstreicht viel Zeit, aber als WOLFMOTHER dann zum zweiten Mal die Bühne betreten, ist die Reaktion noch eine viel lautere. Mit „Colossal“ kommt Offenbach dann abschließend nochmal richtig in Fahrt. Um dann – wer hätte es gedacht – mit „Joker & The Thief“ die absolute Krönung serviert zu bekommen. Das zu beschreiben fällt schwer. Viel zu schnell gehen die Minuten vorüber, bis die fünf Männer dann Arm in Arm vor der Menschenmasse stehen und sich unter tosendem Applaus verbeugen. Ein Auftritt ohne viel Geschnörkel und heiße Luft und mit einem Können, das andere populäre Acts vor Neid verblassen lassen sollte geht zu Ende. Ich bin froh, dass es WOLFMOTHER gibt und ich sie live sehen durfte. Sie erinnern mich an eine Zeit, in der weltberühmte Künstler noch zu recht da standen, wo sie standen (60er, 70er, als der Classic Rock allgegenwärtig war) – abseits von Autotune, 3-Chord-Songs und den immer wiederkehrenden gleichen, langweiligen Discobeats. Eine Zeit, die ich leider nicht miterleben durfte. Ich kann nur spekulieren, dass die Australier zumindest ein Stück davon ins neue Jahrtausend getragen haben und damit relativ alleine stehen.


Setlist:

Woman
California Queen
Dimension
New Moon Rising
White Unicorn
Keep Moving
Cosmic Egg
Love Train
Apple Tree
Mind’s Eye
Vagabond
White Feather
In the Castle
Colossal
Joker & the Thief