04.12.2009: Isis, Keelhaul, Circle - Karlsruhe - Substage

 


Das Substage ist beänstigend. Eine Treppe führt hinab, unter einer zentralen Straßenkreuzung fräst sich schlauchartig ein weiter Weg Richtung Bühne. Sie liegt unter Zweimeterachtzig hohen Betondecken begraben. Das letzte Mal sah ich Isis im Bochumer Bahnhof Langendreer, der mit seinen hohen und hellen Decken vielmehr zu bestuhlter Lesereise gepasst hätte als zu Doom und Drone. Hier unten ist ein passender Ort.

KEELHAUL spielen extrem tighten und harten Blues, mal vertrackt, auf’s Nötigste reduziert, kantig und funktional. Vier Männer über 40 die Spaß haben, die dies nicht für andere tun. Trendfrei und traditionsbewusst ohne altbacken zu sein. Sie kommen gut an. Ein Dank an ISIS für diese Reise und ein Ausblick auf die folgende Band: „They will blow your mind“.

Schätzungsweise zwanzig Bands weltweit dürften mit dem Namen CIRCLE in hanebüchensten Ausführungen mit einer Seite bei myspace zu finden sein. Diese CIRCLE aus Finnland überfordern mich. Meine Grenzen scheinen erreicht: Gebetsmühlen, Koranverse, Russische Volkslieder, Freddie Mercury an der Doors-Orgel? Könnte das finnisch sein? Wann hat man zu applaudieren? Wo ist das Ende? Nach dem ersten „Song“ wird das Publikum unruhig. Fiebrig, in rotes Licht getaucht schluckt der Soundtrack jede Störung, als hätte er es so gewollt, der Zuschauer als Bestandteil der Aufführung. Sänger und Bassist wrestlen, Gitarre und Drums zimmern ihnen einen verqueren Ring. Plötzlich ein Punksong, ein Cover, denke ich. Ich erkenne den Song nicht, bin versucht meinen Nachbarn zu fragen. Der Sänger marschiert, reckt die Faust, blickt in Stummfilmtheatralik in die Ferne. Irgendetwas geht hier vor. Die vertonte Verschwörungstheorie. Wie im Fiebertraum. Der Sänger spricht einzelne Hörer/Seher an, in finnisch. Einigen wird es zu viel. CIRCLE treiben sie an die Theke, raus, auf die Straße. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Hier geht es um mehr als die nackte Musik.

ISIS konzentrieren sich wie in Bochum auf die Songs der neuen Platte „Wavering Radiant“. Diese enttäuscht mich noch immer. Aber bei diesem zweiten Mal taste ich mich offener heran, aus Stückwerk wird vielerorts Verbundenes, „Hall of the Dead“ und „Threshold of Transformation“ eröffnen und beschließen das Set. Dutzende Körper wogen, Dulcinea gesteht zunächst seine heimliche Liebe zu Tool um sich dann in gleisendem Licht mit Wänden von knochentrockenen Gitarren einzumauern. ISIS lassen den Besucher im Glauben, sie spielten diese Songs nicht 200 mal im Jahr, sondern gerade hier und jetzt. Als wären sie ein wenig freudig überrascht, was da gerade passiert. Der Soundmann beschenkt alle an seinem Geburtstag mit grandiosem Klang in einer unwirklichen Umgebung. ISIS schöpfen neben allem handwerklichen und ästhetischen Perfektionismus keine routinierte Verpflichtung oder bloße Technik. Mancher nennt das „sympathische Liveband“ und malt mir mit dieser Sprachlosigkeit Fragezeichen auf die Stirn. ISIS fehlt glücklicherweise häufiger die Bodenhaftung, weil sie die Katharsis nicht in dreieinhalb Minuten finden. „Altered Course“ beschließt die Zugabe. Die Brillanz liegt im Detail, die denkbar vitalste Schlagzeugakzentuierung wird von immer drängenderen Gitarren überboten. Die Blaupause metallischen Postrocks erzwingt die Frage: Wie wäre das mit einem kompletten Panopticon-Set erst gewesen. Auch dem restlichen Publikum erscheint das eine überflüssige Frage zu sein.

ISIS sprengen ihren eigenen musikalischen Kosmos, sie bewegen sich mit den wenigen echten Avantgardisten vermeintlicher Popkultur wie Patton und Reznor in einem Stadium zumindest scheinbarer Autonomie: Und diese tragen sie unters Volk, lassen CIRCLE nach KEELHAUL auf die Bühne, zerpflücken genüsslich das Streben nach Konzertuniform und Einheitlichkeit. Selbst wenn ISIS den Status höchster Innovation verloren haben, weil sie Krone und Zepter in einem längst erkundeten Reich tragen - ein solches Konzertpaket kann beweisen, wie kompromisslos sie die Destruktion alter Rockmythen vorantreiben. Es gibt eine Welt fernab von uns, führen sie vor. Ihr Turm ist aus Elfenbein.

Alte Kommentare

von Chichi 08.12.2009 12:11

anstrengend zu lesen. waren circle denn jetzt gut oder nicht? ;)

von Alex G. 08.12.2009 14:20

Gefällt mir, das Review. Beschreibt den Abend sicherlich schön. Wär gerne da gewesen!

von TOM 08.12.2009 15:56

naja,ISIS und Avantgarde,ich weiss nich...ich finde sie wurden mit jeder platte berechenbarer und monotoner,und dass der beginn von wavering radiants genauso auf celestial hätte stehen können,is schon irgendwie traurig.Und zudem sollten sie eine intrumentalband werden.weder der cleangesang noch das gebrüll überzeugen,sonderen nerven einfach nur...sollen sich mal ein beispiel an neurosis nehmen ;-) CIRCLE ham mich echt umgehauen mit ihrem aberwitzigen stil und der show.. Bathory trifft eagles of death metal?!?Krautrock auf Turbonegro?!?Mr.Bungle meets DArk Throne?!?Krautrock meets The Devils Blood...keine ahnung,unmöglich die band zu beschreiben!

von Arndt 24.12.2009 01:04

sehr schönes review :)