04.12.2017: CLOUD NOTHINGS, THE HOTELIER - Köln - Gebäude 9

 

Die Jahreszeit mit dem beschissenen Wetter hat längst begonnen, trotzdem müssen viele Menschen morgens früh zur Arbeit. Unverschämtheit. Umso größer ist da die Freude und der Trost, den ein sehr kurzweiliger Montagabend mit Cloud Nothings und The Hotelier im Kölner Gebäude 9 verspricht.

 

Ohne Vorband, die die hohe musikalische Qualität dieses Abends torpedieren könnte, stehen THE HOTELIER um Punkt halb neun auf den Brettern, die für sie die Welt bedeuten. Nach eigener Aussage habe die Band jedes ihrer bisherigen Konzerte in Köln im Gebäude 9 gespielt. Die Venue ist gut, aber noch längst nicht ganz gefüllt als der Abend mit dem wunderbar einprägsamen Titel "N 43° 33' 55.676" W 72° 45' 11.914" eingeläutet wird. Erst im Sommer war Christian Holden, Sänger, Bassist und sicherlich auch die zentrale Figur von THE HOTELIER, alleine und nur mit Akustikgitarre bewaffnet hierzulande unterwegs gewesen. Auf der Wiese vor dem Karlsruhe NCO-Club konnte er im Rahmen des New Noise Festivals die Besucher unter anderem mit einem Cover von Avril Lavigne’s „I’m With You“ begeistern und natürlich zum bedingungslosen Mitgröhlen animieren. Schon ein Kauz, dieser Christian Holden. Sieht aus wie ein Pfadfinder mit autistisch anmutenden Spezialinteressen, hat aber als Musiker eine dermaßen positive Ausstrahlung, dass man ihm eigentlich nur gerne zuschauen kann. Während er gekonnt Songs der beiden Alben „Home, Like No Place is There“ und „Goodness“ runtersäuselt, ist das Gebäude 9 in warme, gemütliche Farbtöne getaucht. Highlights sind bei den Fans ganz klar „Your Deep Rest“ und das finale „An Introduction to the Album“, deren Gesangsmelodien sich nach wenigen Durchgängen ins Gehör einnisten, ohne dass man etwas dagegen tun könnte. Aber auch die neuen Stücke wie beispielsweise „Sun“ wissen angesichts der technischen Finesse im Songwriting-Prozess zu überzeugen. Fest steht, dass THE HOTELIER winzige Unsicherheiten gekonnt weglächeln und ein so sauberes Set hinlegen, dass der Headliner ordentlich zu springen haben wird. Auch ein so klarer und guter Sound ist im Gebäude 9 alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

 

CLOUD NOTHINGS sind für mich im Gegensatz zu ihrer Support-Band für mich noch in vielerlei Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt: Weder habe ich sie schon mal live gesehen, noch hätte ich sie sehr viel zuhause gehört oder mir bereits eine gefestigte Meinung über die Kapelle aus Cleveland. Das vor kurzem erschienene „Life Without Sound“ war jedoch bereits nach einigen Malen durchspielen ein Anwärter für einen Platz in meiner „Alben des Jahres“-Liste, denn der punkige und angenehm unbeeindruckte Indie-Sound der CLOUD NOTHINGS kamen für mich wie eine frische Überraschung, die einen Gegensatz zu den vielen zu sehr glattpolierten Rockalben unserer Zeit darstellen. Schön, dass man auch mit sowas noch so erfolgreich werden kann. Das Gebäude 9 kratzt an der Grenze zum Ausverkauftsein, denn die Band hat sich rar gemacht: In Köln spielt sie heute eines von nur zwei Deutschland-Konzerten. Eröffnet wird das Ganze mit „Stay Useless“ und dem neuen Hit „Internal World“. Der Kontrast zu The Hotelier wird gleich ersichtlich: Der Sound ist wesentlich rauer und unperfekter die Lightshow dunkler und schmoddriger, die Band performt wesentlich abgefuckter. In den ersten Reihen, die bei der Vorband noch gebannt zugeschaut hatten, wird jetzt mit Bierflaschen nach allerfeinster Manier Schweinepogo veranstaltet, dass man sich wieder an den Anfang der 2000er Jahre zurückversetzt fühlt, als Punkrock noch das Coolste unter Jugendlichen war. CLOUD NOTHINGS wechseln oft das Tempo und fordern ihr Publikum. Stets bleibt der Gesang von Dylan Baldi spektakulär unspektakulär, er legt definitiv weniger Wert aufs Tönetreffen als Christian Holden – falls es da überhaupt was zu treffen gibt. Der Stimmung tut das keinen Abbruch, sondern es befördert sie eher. Später im Verlauf des Sets bemerke ich, dass zwei der Songs von CLOUD NOTHINGS („Fall In“, „I’m Not Part of Me“) so einen Instant-Earworm-Charakter haben, dass ich sie sofort wiedererkenne. Und das, ohne dass ich rekonstruieren kann, wo ich sie schon mal gehört haben könnte (Sampler? Videospiel? Werbung? Früher doch schon mal ausgecheckt?). In Songs wie dem fantastischen neuen „Darkened Rings“ oder dem als Finale angesetzten 9 Minuten langen „Wasted Days“ zeigen CLOUD NOTHINGS ihr Talent für jam-artige, überfordernd ekstatische Strukturlosigkeiten. Das Gebäude 9 ist nach der fulminanten Darbietung so begeistert, dass es nicht müde wird, nach einer Zugabe zu rufen. So kommt es, wie es (eigentlich) kommen muss: CLOUD NOTHINGS – und das tun sie laut Baldi normalerweise nicht – spielen mit „Now Hear In“ eine vom Publikum wohlverdiente Zugabe.