05.10.2006: Heaven Shall Burn, Cataract, Maroon, God Forbid, Purified in Blood, A Perfect Murder - Hell On Earth - Hannover

 

Wie schön, dass Hamburg bei der Planung der Hell On Earth Tour in diesem Jahr nicht in die Fahrtroute reingepasst hat. Genau das müssen sich gestern ungefähr 200-300 Menschen im Musikzentrum in Hannover gedacht haben. Da Hannover auf der Tour besser gelegen war, entschied man sich, dass Konzert von Hamburg dorthin zu verlegen. Ansonsten wäre es für die meisten der zahlenden Gäste gestern ein schnöder Fernsehabend geworden. Doch so gab es ein wahres Spektakel, wie man es in „Hangover-City“ selten gesehen hat. Und es war auch für jeden Geschmack etwas dabei: Punker pogten vor sich hin, gleich neben den kickboxenden Downbeat-Typen, umzingelt von rotierenden Metaler-Haaren und tanzenden Mädchen, gekrönt von unendlich vielen Stage Dives. Natürlich gab es dann hier und dort auch mal Differenzen in der Art und Weise wie die einzelnen Bands abgefeiert wurden, aber eine unkontrollierte Massenschlägerei bleibt da anderen größeren Städten oder Regionen mit weniger gemischtem Klientel vorbehalten.

Schon um 18 Uhr öffneten sich dann die Türen des Musikzentrums und um diese Uhrzeit hatte man die erste Band bereits verpasst. Eine aus Merchandise-Leuten und Tourhelfern zusammengewürfelte Band, die am selbigen Tag überhaupt das erste Mal miteinander probten war eine wohl sehr spontane Idee war. Lustig oder merkwürdig war dann auch der Bandname: „Fotzenkotze“. Da nun aber eigentlich fast niemand die Band außer den anderen Bands hat spielen sehn, muss ich mich auf die Aussage des HEAVEN SHALL BURN Sängers verlassen, der mit einem Schmunzeln auf den Lippen noch mal einen Applaus an „Fotzenkotze“ und ihre Professionalität rausschickte.

Nun aber zur ersten „richtigen“ Band des Abends: um halb sieben enterten A PERFECT MURDER die Bühne und hatten erst mal ihre Schwierigkeiten mit dem anscheinend mental noch nicht so vollständig angekommenen Publikum. Den Aufforderungen des Sängers, das große Loch in der Mitte zu füllen wurde nicht nachgekommen. Auch das Klatschen fiel den bis dahin circa 150 Anwesenden noch etwas schwer. Man merkte der Band ihre Enttäuschung auch zuerst etwas an, aber sie spielten ihr Set professionell und mit einem 1a-Sound runter und nach und nach sprang der Funke auch zu den noch von Arbeit oder Schule oder Alltag gestressten Zuschauern über. A PERFECT MURDER lieferten einen schönen Mix aus HC und Metal mit auffallend vielen Gitarrensolis. An sich wären sie beim Publikum auch bestimmt besser angekommen, wäre es etwas später am Abend gewesen. Hannover heißt ja nicht um sonst „Hangover-City“. Die Jungs haben aber versucht das Beste daraus zu machen und können sich bei weitem keine schlechte Leistung vorwerfen – im Gegenteil.

Da wie immer beim Hell On Earth der Zeitplan sehr eng bemessen ist, war nach einer guten halben Stunde Schluss, man beeilte sich mit dem Umbau und schon ging es mit PURIFIED IN BLOOD weiter, die bereits mit großem Jubel empfangen wurden und bei denen vor allem die Mosher die Müdigkeit aus ihren Knochen schüttelten um mal ordentlich einen Pit zu starten. Da war der Weg zur „Hölle“ dann schon mal bereitet, die Glieder aufgewärmt und die Band nahm dies als Anlass gleich eine unglaublich energetische Show hinzulegen, bei dem Schweiß und Wasser flossen. Ich hatte PURIFIED IN BLOOD schon vor ein oder zwei Jahren zusammen mit UNDYING gesehen und bereits damals überzeugten sie mich, doch was die Norweger gestern präsentierten, lebten, schwitzten, musizierten, das verzauberte den ganzen Raum und überzeugte auch viele, die sich erst einmal fragend umschauten, wer denn diese Band überhaupt sein sollte. Nach PURIFIED IN BLOOD leerte sich dann auch pünktlich zu den Umbaupausen immer der Raum, da die Temperatur um circa 10 (höllische) Grad pro Band anstieg und der Sauerstoffgehalt abnahm.

Hannover kam in Gang und jeder im Saal bekam es zu spüren. Nachdem die Meisten sich halbwegs erholt hatten und das Schlagzeug um eine Bassdrum erweitert wurde, machten die Mosher erst mal Pause und die Metalheads bekamen ihr Fest mit GOD FORBID. Einfach nur kraftvoll, was die amerikanische Band um Frontmann Negrodamus zu bieten hatte und so werden viele am nächsten Tag mit starkem Nackenmuskelkater aufgewacht sein. Für meinen Geschmack eine Top-Metal-Band mit latentem Hang zu etwas zu langen Songs.

Die Hölle brach jedoch erst richtig bei MAROON los, so dass Sänger Andre dazu aufrief, doch ein wenig mehr nach rechts und links zu schauen und auf seine Mitmenschen zu achten, nachdem während des PURIFIED IN BLOOD Gigs es für seinen Geschmack etwas zu unkontrolliert zur Sache ging. Da war allerdings nicht viel zu machen: die Menge tobte. Das war wahrlich Hölle auf Erden – in ihrer spaßigen Form und vor allem musikalisch unterstrichen von MAROON’s „Wake Up In Hell“. Man merkte, dass die meisten der anwesenden Zuschauer (hier auch vor allem wieder die Mosher) die Songs genau kannten und besonders von „älteren“ Sachen wie „Endorsed By Hate“ begeistert waren.

Nach noch mehr Schweiß, noch weniger Sauerstoff, noch mehr Mosh und Circle Pit enterten CATARACT die Bühne um das Publikum scheinbar doch zu überraschen, denn um mich herum hörte ich Töne wie: „Ich wusste gar nicht, dass die noch so gut sind“, oder „Ich hab die schon mal live gesehen und da fand ich sie nicht gut. Aber DAS hier ist super!“ Ich selber fand die letzte Platte von CATARACT auch nicht wirklich berauschend, aber die Schweizer haben mich von ihren Live-Qualitäten überzeugt. Energetisch, auf den Punkt, und noch mehr „tanzbares“ Material für die Zuschauer. Und noch mehr Stage Diving. Letzteres ist auch prägendstes Erlebnis des Abends, denn ich habe selten so viele Menschen nacheinander und über Stunden hinweg Diven sehen wie gestern. Man könnte es fast mit den berühmten Lemmingen, die von der Klippe springen, vergleichen.

Und vor allem beim Haupt-Act HEAVEN SHALL BURN wurde das Ganze noch gleich einmal um das zehnfache gesteigert und das Musikzentrum in Hannover verwandelte sich in einen wahren Hexenkessel aus Moshern, Mit-Singern, Divern, rotierenden Metalheads und „Hörner“- zeigenden Menschen. Die Band selbst war absolut begeistert und vor allem auch überrascht, da sie schon einmal in Hannover gespielt hatten und anscheinend nicht so gute Erfahrungen mit dem Publikum und ihrer Begeisterungsbereitschaft gemacht hatten. Ich dachte eigentlich noch energetischer könnte es an Bandperformance diesen Abend nicht mehr werden, aber HEAVEN SHALL BURN haben das Gegenteil bewiesen. Eigentlich ja wie immer: denn es war bestimmt das zehnte oder zwölfte mal, dass ich die Jungs live gesehen habe und jedes Mal springt der Funke von Band auf Publikum über. Mit Songs von ihrer neuen Platte „Deaf To Our Prayers“ tat sich die Meute vor der Bühne noch etwas schwer, aber mit Krachern wie „Voice Of The Voiceless “ oder „The Weapon They Fear“ von ihrer Erfolgsscheibe „Antigone“ war dann vollends die Hölle auf Erden losgebrochen. Um halb eins, nach drei Zugaben wurden dann alle mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause entlassen und „Hangover-City“ hat den fast sechsstündigen Höllensturm erfolgreich und mit Begeisterung überlebt.