05.12.2013: Every Time I Die, Letlive., Code Orange Kids - Chain Reaction - Anaheim, CA

 

Lieber Nikolaus: dieses Jahr war ich besonders brav: Nicht nur das Lyricssheet von "The Blackest Beatiful" habe ich nächtelang in Feinarbeit studiert, auch Keith Buckley und seinem Mob stehe ich hundert Prozent textsicher gegenüber. Bitte mach, dass ich heute stets in Bühnennähe umherfliegen und ausrasten bzw. schwitzen und tanzen darf und mit meinen zweihundert noch jungen, aber überambitionierten Freunden einen Abriss der Extraklasse feiern kann. Ich verspreche auch nicht über die zwanzig Dollar für ein Bandshirt zu schimpfen und niemandem von den sarkastischen bis völlig durchgeknallten Merch-Grafiken zu erzählen - wenn Du mir nur ein Ticket für den heutigen ausverkauften Abend in den Stiefel steckst. Danke, lieber guter Nikolaus!

Dein Anaheim


Um alle Hoffnungen zu unterstreichen, tauscht Orange County Sporthose und Air Max gegen Röhrenjeans zu Workerboots, erscheint pünktlich und zollt den eröffnenden CODE ORANGE KIDS aus Pittsburgh bereits zu früher Stunde den nötigen Respekt. Leider gelingt es der Band um Gitarristin Reba und den singenden Schlagzeuger Jami nur bedingt, ihren schleppenden und teils in sich gekehrten Hardcore aus der Versenkung ins rechte Licht zu rücken. Ein Großteil der intensiven und emotionalen dreißig Minuten (inklusive Guestspot von Andy Williams am Mikro) bleibt so eher auf Distanz.




Das gut gefüllte Chain Reaction drückt sich in Richtung Bühne und wird erheblich nervöser, als Loniel Robinson als erstes LETLIVE.-Mitglied die überschaubare Bühne betritt. "We're letlive. from down the street" grüßt Jason Butler in Richtung Moshpit, aus dem ihm sogar einige weibliche Aufschreie als Antwort entgegenschallen. Mit "Banshee" und "The Sick, Sick 6.8 Billion" legt der Frontmann direkt jegliche Berechenbarkeit ab und kreischt, singt und rotiert wie am Spieß, während Gitarrist Jean Nascimento neben ihm beinahe gelangweilt konzentriert scheint . Neuzugang Robinson geleitet die Kalifornier mit feinsten technischen Details durch das vertrackte "That Fear Fever", bei "Muther" wird Anaheim selbst zum Hauptdarsteller und schafft mit ohrenbetäubenden Chören wahnsinnig intensive Minuten. LETLIVE. servieren BLACK FLAGs "Fix Me", drohen mit einem Aerosmith-Cover und sorgen für endlosen Applaus, nachdem sich Butler (dem vorübergehend auch ein verlorener Stiefel aus dem Publikum als Mikrofonersatz ausreicht) ausführlich bei seinen Langzeitfreunden für ihren stetigen Support bedankt. "Renegade 86'" bestreitet das Finale der "Soul Punx"-Show, die mit Schlagworten wie "Leidenschaft" oder "explosiv" kaum im Ansatz wiedergegeben werden kann.




Der junge Mann mit der blutüberströmten Gesichtshälfte, der nach 2/3 des LETLIVE.-Sets aus dem Club begleitet wurde kann bereits wieder lachen und genießt mit Klammerpflaster an der Schläfe aus sicherer Entfernung "After One Quarter Of A Revolution", bevor das Chain Reaction unter den "I want to be dead with my friends"-Chören von "Underwater Bimbos From Outer Space" explodiert. EVERY TIME I DIE setzen dem Chaos die Krone auf, "Bored Stiff" formt einen clubweiten monströsen Circlepit, bei "Romeo A-Gogo" wirkt die vorweihnachtliche Stimmung vor der Tür wie wegradiert. Die Buckleybrüder sind bereits bei "The New Black" klitschnass, Gitarrist Andy Williams tropft der Schweiss pausenlos vom Schirm seiner Kappe. Dass die Band aus Buffalo ihren schizophrenen Southernrock-Core auch live umzusetzen weiß, müssen EVERY TIME I DIE längst nicht mehr beweisen. "Wir freuen uns immer ganz besonders auf dieses Venue, und - heilige Scheisse - hier gibts ja nicht mal Alkohol!" gesteht Sänger Keith. Mit "No Son Of Mine" und "Wanderlust" folgen weitere präzise vorgetragene Highlights des gut einstündigen Sets, zu dessen Ende man dem Fünfer auf der Bühne deutlich die Erschöpfung anmerkt. Trotz der grenzwertigen Lautstärke im Club basteln Handwerk und Bandgefüge stets kontrolliert die Songs aus beinahe der kompletten Discographie. Überschattet von einem offenbar ernsthaft verletzten Besucher, der mit achtköpfiger Hilfe in Sicherheit gebracht werden muss, beendet der Cowbellauftakt von "We'rewolf" den Auftritt EVERY TIME I DIEs und vervollständigt die Liste aller Erwartungen, die man an ein Lineup wie das heutige überhaupt nur stellen kann. Drei Stunden Hardcore unterschiedlichster Machart, feinster Güteklasse und sympathischster Präsentation - der Typ im roten Kostüm mit dem weißen Rauschebart sollte sich einfach wieder hinlegen.



(Bilder stammen aus dem allschools-Archiv!)