06.05.2016: Trapped Under Ice, No Turning Back, Empowerment, Strength Approach, World Eater, Redemption Denied

 

TRAPPED UNDER ICE sind nach drei Jahren Pause zurück in Europa. Das wird natürlich gebührend zelebriert, mit fünf namhaften Supports und einer riesigen Venue, in der sich heute 700 (!!) Leute einfinden. Im NCO Club in Karlsruhe findet heute eine von zwei Deutschland-Shows und eine von vier Europa-Shows statt.

 

Vom Vortag hatte man Negatives vernommen: Im niederländischen Tilburg hatten scheinbar eine Absperrung und eine seltsame Light-Show den Auftritt von Trapped Under Ice zu einem weniger denkwürdigen Spektakel gemacht. Doch das würde heute in Karlsruhe nicht passieren, dessen bin ich mir bereits beim Betreten des NCO Clubs sicher. Drinnen Distros und eine relativ hohe Bühne ohne Absperrung, draußen tolles Wetter, was viele Leute zum Sonnetanken am Skatepark nutzen. Drinnen spielen gerade STRENGTH APPROACH, die eher wenig beachtet werden. Obwohl es allen Grund zum Feiern gibt: 20 Jahre spielt die Band aus Rom nun schon ihren schnörkellosen Oldschool-Hardcore. In der Tat sind einige Konzertbesucher am heutigen Abend jünger. Doch Aufmerksamkeit wird den Italienern kaum entgegengebracht. Was ich für meinen Teil verstehen kann, denn so tight die Songs auch vorgetragen werden, spannend ist etwas Anderes. Daher widme ich nach drei Liedern den Distros und einem Rundgang. Draußen wurde veganes Thai Curry angeboten, das zum Auftritt von STRENGTH APPROACH bereits leider vergriffen ist. Bleiben noch Salat und die Variante des Thai Currys mit Fleisch. Die Getränkepreise haben es in sich (3 Euro) und ich vernehme nicht gerade wenige Stimmen, die sich über das zur Verfügung gestellte Bier beschweren. Nunja. An manchen Ecken kommen schon Zweifel daran auf, ob man das noch als DIY-Hardcore-Show verbuchen kann. Der VVK wurde ebenfalls ordentlich hochgebauscht und lief über Impericon, was Kritik hervorruf. Doch verübeln will ich es den örtlichen Veranstaltern aus Karlsruhe nicht, denn ich weiß, dass die Einnahmen in weitere Shows und eines der besten, wenn nicht das beste landesweite Ein-Tages-Festival fließen (New Noise Festival). Und wie sich später herausstellen sollte, waren diejenigen, die ihre Tickets aufgrund der Hochverlegung in eine größere Venue verscherbelt hatten, selbst daran schuld.

 

Bereits bei EMPOWERMENT erahnt man das Potenzial dieses Abends. Denn wie die Stuttgarter mal wieder abgefeiert werden, ist für eine deutsche Band alles andere als normal. Fast-Heimvorteil hin oder her, gerade die älteren Kaliber stagediven und singen mit, als wären sie nochmal 16. Auch für einige Features wird das Mikro spontan abgegeben, das Set wirkt für mich mal wieder sehr familiär. Irgendwie eine Eigenart von EMPOWERMENT, so kommt es mir vor. Denn jedes Mal wenn ich diese Band sehe, denke ich mir, dass sie eine sehr eigene, eingeschworene Anhängerschaft hat, was bei ihren Auftritten einfach Spaß beim Zusehen macht. Sicherlich profitiert man dabei von der Vorerfahrung der Bandmitglieder (z.B. bei Teamkiller) und von der ganz eigenen Nische, die man da gefunden hat. Für mich klingen EMPOWERMENT einfach wie Agnostic Front, mit deutschen Texten und in noch relevant. Frontmann Jogges ist sicherlich auch einer der markantesten und sympathischsten Sänger des Landes. Während des ganzen Sets bleibt die Energie seitens des Publikums und der Band weit oben, doch „Demaskierung“, „Blanker Hass“ und „Stuttgart Asozial“ stechen sicherlich noch einmal heraus. Wie immer nutzt Jogges die Gelegenheit, Partei gegen Nazis und Faschos zu ergreifen so deutlich es nur geht. Da reiht sich das Slime-Cover „Bullenschweine“ nur konsequent in die Haltung der Band ein.

 

Wenn es eine europäische Band gibt, über die man eigentlich keine Worte mehr verlieren muss, dann ist es NO TURNING BACK. Sage und schreibe 8 Studioalben haben die Niederländer schon hingelegt, die 20 Jahre Bandgeschichte sind auch fast vollgemacht. Und trotzdem knickt die Popularität nicht ein, nach wie vor touren Martijn und Kollegen um die ganze Welt und verbreiten ihre Ansicht über unsere Szene und die Art und Weise, wie man ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Das kann man als Hardcore-Band nur, wenn man derart authentisch und passioniert an die Sache rangeht. Eigeninitiative als Booker (Stronger Bookings), Texte und enge Verbundenheit mit der Szene gehen da Hand in Hand. So kommt es, dass nun der NCO Club wirklich kocht und der Platz vor dem Mischpult gut gefüllt ist. Ich selbst, als jemand der die Band nun schon um die 20 Mal gesehen und die letzten Alben einfach zu gleichförmig fand, kann trotzdem nur nach wie vor meinen Hut vor der Live-Präsenz von NO TURNING BACK ziehen. Klassiker wie „Do You Care?“, „Go Away“, „I Rise“ oder „Take Your Guilt“ reihen sich nahtlos an neuere Stücke wie „Destination Unknown“ oder „You Can’t Keep Me Down“ (okay, auch schon 4 Jahre alt). Mitgesungen wird hier permanent und obwohl die Besetzung der holländischen Band ständig zu wechseln scheint, hat sich an der Intensität des Live-Sets nicht viel getan, seit ich sie 2008 zum ersten Mal gesehen habe. Doch all das ist natürlich nicht mehr als ein Vorgeschmack auf das, was nun folgt.

 

 

Allein das Andeuten von „Pleased to Meet You“ mit Schlagzeug und Rückkopplung genügt, dass die Leute völlig ausrasten und die ersten Stagedives zum Besten geben. Die Pause, das war zu vermuten und lässt sich nun auch bestätigten, hat TRAPPED UNDER ICE einfach nur „gut getan“, fast schon zu einer Art Legendenbildung geführt. Denn viele der Anwesenden sehen die Jungs aus Baltimore heute zum ersten Mal und haben darauf mehrere Jahre gewartet (für den schnelllebigen Hardcore-Kosmos sind das Jahrzehnte). Der Auftritt wird daher zu einem geschätzt vierzigminütigen Fest. Während die meisten anderen Bands in ihrem Set irgendwann mal Highlights haben, auf die die Leute warten, ist die Show von TRAPPED UNDER ICE ein konstantes, anhaltendes Highlight. Nicht bei einem einzigen Song gönnt die Menge sich eine Verschnaufpause. Allerdings ist anzumerken, dass fast alle Song der „Stay Cold“ EP gezockt werden und diese wahrscheinlich auch am besten ankommen. Seien wir ehrlich, sie sind auch einfach die besten. „Half a Person“, „Stay Cold“, „Streetlights“, „Skeleton Heads“, bei all diesen Songs MUSS man einfach mitschreien. Aus den beiden nachfolgenden Alben picken TRAPPED UNDER ICE sich die Schmankerl heraus („Believe“, „See God“, „True Love“, „Born to Die“). Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert in den letzten 3 Jahren. Freaky Franz legt einem immer noch am Merchstand die Shirts über die Schulter und legt das beste Live-Feature hin. Brendan Yates ist immer noch ein verdammt guter Drummer, der nichtmal auf Daniel Fang neidisch sein muss. Und auch der Rest der TUI-Bande reisst live nicht nur ab, sondern bleibt dabei tight. Justice Tripp wird vermutlich auch mit fünfzig noch cool sein, während er so mit seinen jährlich wechselnden Outfits auf der Bühne rumhüpft, als sei TRAPPED UNDER ICE eine Pop-Band. Über den Fakt, dass sein Live-Gesang besser sein könnte (gilt auch für die Shouts) kann man hinwegsehen oder es lassen. Fest steht, dass er zurecht einer der gefeiertsten Frontmänner der Hardcore-Szene ist und sein Charisma auch in jeder Ansage zum Vorschein kommt. Heute in erster Linie die Themen „Fuck Trump!“, die Gleichberechtigung von Mädels auf Hardcore-Shows und Respekt für das 20-jährige Bandbestehen von Strength Approach. Bei so viel Charme hat Hardcore-Deutschland Tripp längst verziehen, dass er vor einigen Jahren einem Fan den Kiefer brach. Man könnte fast meinen, die Band hat davon eventuell sogar profitiert, weil die Aktion zum Badboy-Image beigetragen hat. Das Beste sparen TRAPPED UNDER ICE sich klugerweise bis zum Schluss: Nach einem Bad Brains Cover „The Regulator“ verlangen „Soul Vice“ und „Reality Unfolds“ dem Karlsruher Publikum noch einmal alles ab und runden einen Auftritt ab, über den man wahrscheinlich noch lange reden wird. Auch wenn ich diese Meinung nicht teile, reden vielerorts die Leute schon einige Tage später von dem besten Konzert, auf dem sie je waren.