07.08.2011: Youth of Today, No Turning Back, The Carrier, Ritual, Soul Control, All Teeth, Landscapes, Promises Kept - Ex-Haus, Trier

 



Bereits drei Wochen nach dem Summerblast Festival gibt es im Trierer Ex-Haus wieder ordentlich was auf die Ohren. „Never Abandon Hope“: 8 Bands an einem Sonntagabend und der Headliner ist kein geringerer als Youth of Today. Muss man sich da durchkämpfen? Nicht bei diesem Line-Up.

Solider Opener sind wie schon bei der Defeater/Carpathian Tour PROMISES KEPT, dieses Mal mit einem neuen Gitarristen an Bord. Ansonsten ist eigentlich alles beim Alten geblieben, man spielt schnellen und punkigen Hardcore und beglückt damit alle, die das Gefühl haben, dass in dieser Sparte die Nachwuchsbands zu knapp bemessen sind. Im Balkensaal haben sich vielleicht 30 Leute versammelt, sodass Frontmann Sebastian mehr als genug Platz hat, um sich zu bewegen (wovon auch Gebrauch gemacht wird). Obligatorisch werden die Anwesenden höflichst gebeten, ein paar Schritte nach vorn zu machen. Aber als Support-Act für solche Bands hat man es natürlich recht schwer, positiv herauszustechen. Das Publikum gibt sich zur frühen Uhrzeit noch sehr reserviert und ich kann nur hoffen, dass sich das im Laufe des Abends noch ändert.

LANDSCAPES sind für mich dann die erste große Überraschung des Abends. Kein Wunder, denn ich sehe sie auch heute zum ersten Mal und so sind sie für mich noch ein unbeschriebenes Blatt. In solch jungem Alter muss es eine Ehre sein, mit All Teeth und The Carrier auf Tour zu sein. Leider kann ich nicht einschätzen, wie es den Jungs dabei so geht, denn außer Wortbrocken kann man bei den etlichen Ansagen leider nicht viel mitnehmen. Mag am Akzent oder am Sound (beziehungsweise den Rückkopplungen die über die Ansagen liefen) liegen. Egal, die Musik zählt ja! Und hier fühlt man sich ganz klar an (frühe) More Than Life erinnert, dass LANDSCAPES sich klar an ihren Landsmännern orientiert haben lässt sich vor allem bezüglich des Gesangsstil überhaupt nicht leugnen. Auch die Gitarrenarbeit gestaltet sich ähnlich, man experimentiert viel mit hohen Melodien und könnte sich in nächster Zeit sicherlich als Hoffnungsträger in diesem Sektor etablieren. Herausgebracht haben LANDSCAPES bisher lediglich „Remniscience“, eine EP mit 6 Liedern. Die Platte hatte mich bei den ersten Durchgängen nicht so umgehauen, umso mehr überzeugt mich aber, wie das ganze live rüberkommt. Höhepunkt des Sets ist sicherlich der letzte Song „Love Alone“. Ich wünsche mir möglichst bald neue Aufnahmen von den Jungs.



Mit ALL TEETH geht es nahtlos weiter. Aufrichtige und ehrliche Musik der Marke Modern Hardcore gibt es auch von den fünf jungen Kaliforniern, bloß dass das melodische ein bisschen aufmerksamer gesucht werden muss und raue Gitarrenriffs im Vordergrund stehen. Vor allem Fans von längst verblichenen Bands wie Give Up The Ghost / American Nightmare oder The Suicide File dürften sich sofort in den Sound der Band verlieben. Wie das bei der ersten Europa-Tour fast zu erwarten war, gibt es auch bei der 3. spielenden Band kaum Bewegung und Interaktion mit dem Publikum. Bei einigen Passagen kann jedoch vereinzelt mitgesungen werden. Die Songs von „Young Love“, der brandneuen Scheibe von ALL TEETH kommen dabei einen Tick besser an als ältere Lieder vom Debutalbum „I Am Losing“. Vor allem „Caller ID“ hat Potenzial, einem für den Rest des Tages in den Gehörgängen zu bleiben. ALL TEETH strotzen nur so vor Energie und die Ansage am Ende des Sets ist herzerwärmend sympathisch: Man unterbricht den Beifall des Publikums mit den Worten: „Nein, wir danken euch! In anderen Ländern mit so großartigen Bands wie Landscapes, Soul Control, The Carrier und Youth of Today zu spielen ist uns eine Ehre!“. Augen offen halten, diese Band kommt sicher wieder und verdient die Aufmerksamkeit!



Nach diesen zwei großartigen Bands bremsen SOUL CONTROL das ganze ein bisschen aus, denn sie sind sicherlich in tempoärmeren Gefilden anzusiedeln. Der Sound des Bridge9-Schützlings ist zwar in der heutigen Hardcore-Landschaft recht rar und einzigartig, weiß aber live nicht ganz zu zünden. Wieder bleibt der Raum vor der Bühne ungenutzt und lediglich Sänger Rory geht vehement zur eigens erzeugten Musik ab. Dass er dabei sogar über die Boxen auf die massiven Querbalken klettert ist sicher eine coole Aktion, aber bewegen tut das leider auch niemanden (äußerlich). So geht das Set um Songs wie „Beyond Words“ oder das vor kurzem veröffentlichte „Snake“ (wozu es auch ein Video gibt) relativ unspektakulär an einem vorbei und so manch ein Konzertbesucher ertappt sich sicherlich beim gähnen. Die Songs halten viele Ideen bereit, teils werden auch nette Effekte (z.B. Flanger) verwendet, energetisch ist allerdings etwas anderes.



Die Tourpartner von Soul Control sind RITUAL aus Münster, die vor einigen Monaten ihr zweites Album „Paper Skin“ veröffentlicht haben. Da die Band noch nicht oft in der Trierer Gegend aufgetreten ist, könnte man vielleicht einige gespannte Gesichter und ein bisschen Anteilnahme des Publikums erwarten. Doch auch um 19:30 ist das Geschehen vor der Bühne noch sehr unspektakulär und es zeichnet sich bereits ab, dass sich der Laden heute nicht ganz füllen würde, wie man das von den meisten Konzerten im Balkensaal kennt. RITUAL verschießen gleich zu Beginn mit „The Dead in Disguise“ und „Somewhere in the Rain“ eine beträchtliche Menge ihres Pulvers, wovon sich das Ex-Haus offensichtlich wenig beeindrucken lässt. Schade natürlich, denn als eine von zwei Bands repräsentieren die vier heute die deutsche Hardcore-Szene. Frontmann Julian hat, wie etliche Frontmänner vor ihm, erhebliche Probleme mit dem Balken in der Mitte der Bühne und stößt mehrmals mit dem Kopf dagegen – glücklicherweise passiert aber nichts gravierendes und das Set kann mit „Stone and Glass“ und „Reaping Loneliness“ sehr gekonnt beendet werden.



Nach ausgiebiger Tour im Januar diesen Jahres sind auch THE CARRIER wieder im Lande und nachdem die Band letztes Jahr ihre Tour mit Cruel Hand und Miles Away canceln musste besucht sie nun auch zum ersten Mal das schöne Trier. Endlich scheint der Raum ein wenig aufzuwachen und so gehen zwei Hand voll Fans gleich das ganze Tempo mit, das die Deathwish-Tourmaschine vorgibt. Und es kommt, wie es kommen musste: Bereits nach wenigen Songs verletzt sich Bassist Freddy B gleich dermaßen hart an bereits erwähntem Balken, dass Blut fließt und er aussetzen muss. Nach minutenlangem Warten und Versorgen der Platzwunde entschließt man sich, ohne Bass weiterzumachen. Die Show leidet glücklicherweise kaum darunter und so werden weiterhin Songs wie „Hello Uncertainty“ oder „Wasted“ mit viel Bewegung und Mitsingen abgefeiert. Wider Erwarten erholt sich Freddy recht schnell und kann so noch die letzten drei Songs von THE CARRIER mitspielen. Zwar kommen auch die neuen Lieder von „Blind to What is Right“ inzwischen gut bei der Menge an, es ist aber dann „Alcatraz“, bei dem obligatorischerweise als Highlight nochmal alle ausrasten.



Wenn es eine Band gibt, die sowas wie eine Ex-Haus-Dauerkarte hat, dann ist das NO TURNING BACK. Nicht nur in Trier weiß man, dass auf die Holländer live immer wieder Verlass ist. Obwohl man erst vor 3 Wochen im Exil auftrat, bringt man auch den Balkensaal wieder mehr zum kochen als internationale Acts wie The Carrier. Wahnsinn! „Take Your Guilt“ läutet 40 Minuten puren Spaß ein, sowohl auf als auch vor der Bühne. Da der Raum immer noch nicht wirklich gefüllt ist, kommt jeder im Moshpit natürlich voll und ganz auf seine Kosten. Jeder, der die Band schon einmal gesehen hat kennt die Ansagen in- und auswendig, das tut den guten Songs im NYHC-Stil allerdings keinen Abbruch. Wie am Fließband bekommt man „I Rise“, „Watch Your Step“, „Never Again“, „Stay Away“ und wie sie alle heißen um die Ohren. Von dem üppigen Platz im Balkensaal macht Shouter Martijn Gebrauch, indem er auf die mitsingenden Leute zu geht und sie so in das Set involviert. So lassen sich nach und nach immer mehr Menschen aus der Reserve locken, um NO TURNING BACK eine gebührendes Echo zurück zu geben. Songs vom neuen Album „Take Control“ reihen sich wie aus einem Guss in die restliche Setlist ein, sodass die Menge endlich und nach langer Anlaufzeit für den Headliner aufgewärmt ist.



Vor 3 Wochen noch hatte man sich im Balkensaal „EDGE – The Movie“ auf der Leinwand angeschaut, jetzt steht Straight-Edge-Legende Ray Cappo (der ja auch ein langes Interview in diesem Film hat) gerade mal einige Meter vor einem. Leider eine Seltenheit heutzutage in der Hardcore-Szene: Ein Grinsen auf dem Gesicht. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht hauen Cappo, Porcell und co. plakativ anmutende, aber ehrliche Youth-Crew-Hits wie „Take a Stand“, „Make a Change“ und „Positive Outlook“ raus. Vor der Bühne haben jung und alt gleichermaßen Spaß: Ein viel zu seltenes, aber schönes Bild. Und so sollte es doch auch sein. Während die meisten Sänger sich heutzutage tief „depressiv“ auf dem Boden wälzen müssen, sich „wutentbrannt“ das Mikro gegen den Kopf hauen oder die Schnur um den Hals wickeln müssen, ist Ray Cappo einfach nur er selbst und damit authentisch. Und seine 3 Bandmitglieder beweisen auf eindrucksvolle Weise, dass es auch keine technisch bis ins letzte Detail ausgeklügelten Arrangements braucht, um einen ganzen Raum in Bewegung zu bringen – sondern dass ein paar aneinander gereihte Powerchords da eben auch ausreichen können. Man gibt sogar zu, dass man kein großartiger Performer und erst recht kein großartiger Sänger sei und gewinnt so wohl auch beim letzten Skeptiker Pluspunkte. Das Singen kann man guten Gewissens auch einfach der bombastisch gelaunten Menge (darunter auch Björn von Black Friday 29 / neuerdings Get It Done!, der heute mit der Hardcore Help Foundation angereist ist) überlassen. Klar, dass dann nachdem alle Klassiker gespielt wurden, trotzdem noch eine Zugabe gefordert wird. Und wer die in Form von „Minor Threat“ (von Minor Threat) und „Young ´til I Die“ (von den 7 Seconds) abliefert, der hat wohl auf ganzer Linie gewonnen.