07.08.2015: Touché Amore, Loma Prieta, Dangers - Köln - Underground

 

Seit ihrer ersten Europa-Tour mit der deutschen Band Lighthouse (kennt die eigentlich noch jemand?) beehren uns TOUCHÉ AMORÉ aus Kalifornien jedes Jahr, oft auch mehrmals, mit Konzerten en masse. Ob die grandiose Tour mit La Dispute und Death is Not Glamorous, oder aber die mit Converge, sogar im Vorprogramm von Rise Against waren Jeremy und Co. schon zu bestaunen. Nun steht mit den DANGERS und LOMA PRIETA im Gepäck wieder eine Headlining-Tour an. Kein Wunder also, dass der Kölner Underground ausverkauft ist. Allerdings erst am Konzerttag selbst.

Es gibt gute Gründe, warum ich den Opener DANGERS heute verpasse. Zum einen: Sie sind sehr früh dran, außerdem hörte man im Vorfeld der Show von einer Secret Show im Kölner AZ, bei der die DANGERS auch am Start sein würden. Und ´zum anderen: THE STORY SO FAR spielen um 17.30 Uhr umsonst auf dem Olgas Rock Festival in Oberhausen, beide Konzerte lassen sich gut miteinander verbinden. Daher werde ich in diesem Bericht auch auf den Auftritt von THE STORY SO FAR in Oberhausen und später auch auf die Secret Show im AZ eingehen. First things first: Ich war noch nie auf Olgas Rock Festival, aber wie man es von einem kostenlosen Open Air Festival erwartet, ist es der reinste Kindergeburtstag. Nicht der schlechteste Platz für eine Show von THE STORY SO FAR, die mit ihrem poppigen Punkrock locker auch für die American Pie Filmereihe Musikpate stehen hätten können. Am Freitag sind mir sämtliche anderen Bands unbekannt, am Tag darauf sind allerdings auch Atoa, Adam Angst, Any Given Day, The Smith Street Band, Jaya The Cat, Teenage Battelrocket und die Emil Bulls am Start. Ein durchaus hochkarätiges Line-Up also. Es gibt etliche Stände mit verschiedenem Essen, überteuertes Band-Merchandising (aber auch Schwarze Socke, Kein Bock auf Nazis etc.), und auch gefrorene Cocktails. Wohl der heißeste Scheiss für die Yolo-Jugend heute. Für mich als „geil, Festival ist umsonst“-Schnorrer aber leider zu teuer. Zurück zum wesentlichen: THE STORY SO FAR könnten ihr Set meiner Meinung nach nicht besser eröffnen als mit „Nerve“ (bester Song des sehr dürftigen neuen, selbstbetitelten Albums), „Things I Can’t Change“ (unter den besten Songs des sehr guten zweiten Albums“ und danach dem Überhit „Quicksand“, mit dem die Band bekannt geworden ist. Das Set sitzt natürlich, mit großen Bühnen haben Parker Cannon und Kollegen als Warped-Tour-Erfahrene überhaupt kein Problem und der Platz bis zum Wellenbrecher und auch dahinter ist ordentlich mit jungen Menschen gefüllt. Ob das für das Festival normal oder überdurchschnittlich war, kann ich nicht beurteilen. Die Sonne scheint, viele tragen Sonnenmilch auf. Für weniger Interessierte wird der Auftritt auch wenige Meter weiter links auf einer riesigen Leinwand übertragen. Die Menge hat einen solchen Spaß, dass sie nach wenigen Songs eigenständig eine Wall of Death fordert, was Parker belustigt mit „No one’s stopping you!“ kommentiert. Die Aktion ist allerdings leider schlecht platziert, bei dem sehr ruhigen Song weiß man gar nicht so recht, wann man denn jetzt los laufen soll. THE STORY SO FAR holen das Ganze aber später nochmal mit einem passenderen Song nach. Das Set lastet stark auf den neuen Songs, die mich auch live nicht catchen. Da sind es dann doch eher Lieder wie „Roam“, die mich aus der Reserve locken. Durchaus sehenswerter Auftritt, der sogar etwa eine Dreiviertelstunde geht. Parker berichtet, dass er in der Highschool als einziger Deutsch als Fremdsprache gewählt hat, während alle seine Freunde Spanisch oder Französisch nahmen. Er hätte immer davon geträumt, später mal nach Deutschland zu kommen. Die Frage ist da nur, warum er nicht mal ein anderes deutsches Wort als „Dankeschön“ von sich gibt. Aber „whatever“. Top Auftritt.

Und ab zum Underground. Wie gesagt, DANGERS werden gekonnt verpasst, aber später noch nachgeholt. Pünktlich um kurz vor halb neun wird der letzte Song gespielt und nach dem Umbau stehen dann LOMA PRIETA auf den Brettern. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich mir diese Kapelle anschauen kann. Da ich mich auch daheim nicht mit ihrer Musik beschäftigt habe, ist sie für mich wahrlich ein unbeschriebenes Blatt. Der Raum bleibt bis auf wenige Lichter, die auf der Bühne platziert sind, abgedunkelt. Passt auf jeden Fall zur Atmosphäre der Musik. Einer meiner Freunde sagte mir vor dem Auftritt, dass LOMA PRIETA eine Band ist, in die man „reinkommen muss“. Kann ich so unterschreiben. Die Musik ist an vielen Stellen vertrackt, oft werden allerdings auch fremdartig anmutende Elemente platziert (wie beispielsweise ein fast fröhlich klingender Bass-Lauf). Der Gesang, oder besser das Geschrei, ist weniger mein Ding. Es gibt jedoch durchaus Leute in der ersten Reihe (und wahrscheinlich auch dahinter), die durch Headbanging und Ansätze von Schweinepogo deutlich machen, dass sie die Band aus San Fransisco feiern. Und seltener auch durch Mitsingen. Für alle, die mal in die Band reinhören möchten: Erst vor wenigen Wochen wurden zwei neue Tracks auf Bandcamp veröffentlicht. Mich haut der Auftritt leider nicht so aus den Socken, dass ich mich daheim nochmal damit beschäftigen müsste. Mich erinnern LOMA PRIETA an Birds in Row, vielleicht sollte ich auch eher sagen, dass Birds in Row mich an Loma Prieta erinnern. Jedenfalls jucken mich beide Bands wirklich gar nicht. Man sieht jedoch an der Reaktion des Undergrounds, das durchaus nicht alle Konzertbesucher nur für Touché Amoré angereist sind.

Bis jetzt war es in dem Laden schon warm (wer im Sommer bereits da war, zum Beispiel damals bei den beiden Allschools Birthday Bashs, kann es sich ja vorstellen), doch bei TOUCHÉ AMORÉ verwandelt sich das Underground wahrhaftig in eine Sauna. Nicht nur sympathisch, sondern wahrscheinlich auch unabdingbar, dass deren Tourbegleiter ständig Wasserflaschen ins Publikum wirft, das bereits zu den ersten Songs „Amends“ und „Art Official“ einen ordnungsgemäßen Abriss veranstaltet. Angesichts der Kürze der Songs geht es Schlag auf Schlag, Hit um Hit, lediglich durch Jeremy’s kurze Ansprachen und einige Samples, die die Band mittlerweile in ihre Live-Show eingebaut hat, wird mal die Luft rausgenommen. Die Show ist wirklich der Wahnsinn, das ist bereits von Beginn an klar. Man kann TOUCHÉ AMORÉ ansehen, dass sie sich auf den kleinen Bühnen zuhause fühlen, was Bolm auch später noch einmal betont: „This is exactly what we needed!“. Auch bei neuen Songs wie den zusammengehörigen „Praise/Love“ und „Anyone/Anything“ oder „Harbor“ sind die Fans textsicher, die deutlichsten Reaktionen bekommen die fünf Kalifornier jedoch auf die Lieder von „Parting the Sea Between Brightness and Me“, ihrem Meistwerk. Doch natürlich lösen auch „And Now It’s Happening in Mine“ oder „Honest Sleep“ Stagedives und Singalongs ohne Ende aus. Nach weniger als der Hälfte des Sets haben die Band und die Leute vor der Bühne den Punkt überschritten, an dem man so durchgeschwitzt ist, dass einem eigentlich alles egal ist. TOUCHÉ AMORÉ liefern trotz der Umstände amtlich ab, seien es Drummer Elliott (einer meiner Favoriten im Hardcore-Bereich) oder Mastermind Nick Steinhardt: Alle gehen stets das Tempo von Jeremy mit. Diese Band hat ihren Zenit zum Glück noch nicht überschritten, auch wenn ich „Is Survived By“ deutlich unter den beiden vorherigen Alben einordnen würde. Als sich das Konzert dem Ende neigt, feuern TOUCHÉ AMORÉ nochmal „Home Away From Here“ und sogar „Condolences“ als Live-Version ab. Da ist es nur abzusehen, dass der Underground nach „~“ eine Zugabe hören möchte. Die gibt es dann in Form von „Method Act“. Danach verabschiedet sich die Band, die sich selbst total überwältigt von dieser Show zeigt. Und auch ich kann sagen: Mit Modern Life is War im Underground war dies bis jetzt die beste Show meines Konzertjahres.

Nun also mit der Straßenbahn weiter zum AZ, um die Secret Show mitzunehmen: Für schlappe 3 bis 6 Euro stehen noch einmal Dangers und Loma Prieta, sowie SWAIN (ehemals This Routine Is Hell) auf dem Programm. Reichlich spät, vermutlich um etwa halb eins, fängt die ehemals niederländische Band, die nun in kurzer Zeit komplett aus Wahlberlinern bestehen wird, an. Zuvor haben sich reichlich Menschen im Hof des neuen AZs angesammelt, die nun fast den ganzen Raum ausfüllen. Vor der Bühne selbst stehen die Leute dicht an dicht, singen viel mit und machen diesen Auftritt von SWAIN zu einem sehr eindrucksvollen. Auch die Band selbst schießt aus vollen Rohren und hat neben allen Songs der neuen EP auch ein Nirvana-Cover im Gepäck („Territorial Pissings“). Man merkt jedoch, dass die stärksten Reaktionen auf Songs der „Howl“-LP kommen, wie beispielsweise „Nostalgia“, „Asleep“ (mit dem die Show eröffnet wird) oder vor allem den Titelsong des Albums. Unter den einheimischen Fans finden sich auch wenige, die den Weg von weiter her gefunden haben und Wind von der Secret Show bekommen haben, allerdings auch Dangers-Frontmann Al Brown, der SWAIN richtig abfeiert und ausgelassen tanzt. SWAIN kündigen an, dass sie noch in diesem Jahr in die USA fliegen werden um dort mit einer bekannten Person ihr nächstes Album aufzunehmen und dass es sich heute um die vorletzte Show vor der Aufnahme handelt. Die Band hatte seit der Tour mit Direct Effect im März eher wenig gespielt, es soll allerdings noch eine Show in Berlin mit einem relativ exklusiven Line-Up geben, bevor SWAIN abreisen. Man darf also gespannt sein: Schließlich handelt es sich, und das wurde heute im Kölner AZ einmal mehr bewiesen, um eine der interessanten Bands der europäischen Hardcore-Szene – auch live.

 

Danach sind also ein zweites Mal DANGERS dran. Und genau wie man es von der Band erwartet, sind keine Ermüdungserscheinungen zu erkennen. Vom ersten Song an wirbeln Al und seine Bandkollegen zu ihrer vertrackten, antirhythmischen und chaotischen Musik herum, und auch einige Konzertbesucher machen mit und schreien die Texte mit. Zu hören gibt es viele Songs der „Messy, Isn’t It?“-LP, zum Beispiel „Half Brother, All Cop.“ oder „Cure for AIDS“, aber auch ganz neue Songs wie „Kiss With Spit“. Al Brown ist nicht wirklich der typische Hardcore-Frontmann, sondern eher ein extremerer, abgefuckterer Bruder von Jason Butler, wobei er mich für den Vergleich wahrscheinlich auch gerne verprügeln würde. Jedenfalls geht er mehrmals in die Menge, scheut den Körperkontakt nicht gerade und tut was er nur kann, um die Live-Show noch krasser zu gestalten. Auf jeden Fall eine Mords-Ausdauer der Mann. DANGERS beschreiben sich selbst auf ihrer Facebook-Seite als eine „extremely pissed off hardcore band“, und das trifft es auch einfach. Live bekommt man exakt das serviert, und das noch extremer als man sich es vorstellt. Fans von Converge oder The Dillinger Escape Plan könnten allerdings tatsächlich auch Gefallen an der Musik finden. Das Set ist sehr kurzweilig, aber es ist dann doch schon 2 Uhr, als Loma Prieta den Umbau anfangen. Daher entscheiden wir uns auch, schon jetzt heimzufahren. Ein Tag, 3 Konzerte, 6 Bands: So kann das gerne häufiger sein.