07.10.2016 MODDI - Hamburg - Häkken

 

 

Das Häkken ist heute bestuhlt. Schummrige Beleuchtung, dicke Kerzenstumpen auf der Bühne, wo bereits das Cello und eine Gitarre bereitstehen. Fast sakral. Das Publikum knubbelt sich, möchte so nah wie möglich ran. Boden und Bühnenrand gehen heute auch. MODDI und Cellistin Katrine betreten die Bühne und werden sofort frenetisch in Empfang genommen. Begonnen wird das Konzert mit aggressivem Geschrammel aus dem alten Kassettenrecorder der auf der Bühne steht, bevor MODDI gewohnt ruhig und hamronisch in die Saiten greift. Pizikato auf dem Cello.

 

Aber ganz so ruhig wird es heute nicht bleiben. Auch wenn das Laute heute aus einer anderen Kraft entsteht. MODDI hat etwas Unerhörtes getan. Die üblichen Lieder über Liebe, das Leben im Haus am Meer wurden von ernsteren Themen abgelöst. Sein aktuelles Album nennt sich "Unsongs" und genau darum soll es heute gehen. MODDI erzählt zwischen den Songs die Geschichten um diese Songs. Sie sind nicht aus seiner Feder. Nach einem aufrüttelnden Ereignis rund um eines seiner Konzerte in Tel Aviv, welches er aus politischen Gründen absagen musste, machte er sich auf die Suche nach Songs, die nicht gespielt werden, nicht gespielt werden dürfen, für deren Erzeugung Musikschaffende, verfolgt, eingesperrt, gar getötet worden sind.

 

Es sind politische Songs, kritische Songs. Songs, die aus lächerlichen Gründen von den Playlisten gestrichen wurden. Songs, die selbst die Schwächen von vermeintlich starken Staaten schmerzhaft aufdecken, durch ihren Umgang mit eben jenen. Zwischen lieblich, ruhig, fast leise klingendem Cello und Gitarre schwingt Wut, Verzweiflung, aber auch unfassbar viel Kraft und Widerstand mit. Vielleicht wird genau das zwischen den leisen Tönen, die MODDI und Katrine anschlagen gerade umso lauter. MODDI erzählt die Geschichten, die einem die Kehle zuschnüren, Feuer in der Brust entfachen. Vom Entdecken der Songs, den Treffen mit den Musikschaffenden, den Geschichten hinter ihnen. Der Raum ist ruhig und doch liegt eine Spannung in der Luft, schlagen Wellen hoch, die auch ruhige Musik hier und heute nicht beruhigen kann. Songs und Geschichten aus Norwegen,Russland, Großbritannien, Algerien, Vietnam, Mexiko. Songs und Geschichten von Menschen, die unter Schlimmerem als Herzschmerz leiden. PUSSY RIOT, BILLY HOLIDAY und KATE BUSH seien hier als die Bekannteren dieses traurigen aber notwendigen Genres genannt. MODDI und Katrine geben ihnen heute ihre teilweise für immer verstummten Stimmen und Melodien wieder, lassen die Geschichte weiterleben. Vielleicht Punk in seiner ursprünglichsten Form. Die ruhigen Töne mögen mehr bewegen als das Geschrei, aus dem viele dieser Songs entstanden sind. Genau das hat MODDI erkannt und benennt es auch so. Er ist sich bewusst, dass er vermutlich von vielen Menschen wegen seines Tuns gehasst wird. Dennoch betont er, dass es für ihn nach den Geschehnissen um sein Konzert in Tel Aviv nichts anderes zu tun gab, als das, was er mit "Unsongs" getan hat. Zwölf Songs seien da nur die Spitze des Eisbergs. Es ist unglaublich mutig. Ruhige Musik wird heute sehr laut. MODDI berührt immer und immer wieder. Früher mit Herzwelten, heute politisch und immer mit so heftigen Emotionen, dass man sich nur bewegen kann. Und wenn man nicht weiß, ob man während und nach dem Konzert in Tränen oder in überschäumende Wut ausbrechen möchte, dann war das heute bestimmt das ruhigste Punkkonzert, das genau dort getroffen hat, wo andere nur schreien können. Ruhige Musik kann so viel mehr als zu einem gemütlichen Herbstsofaabend einladen.

 

Nach dem Konzert ein merkliches tiefes Durchatmen und Schlucken im Raum. Und es könnte nichts Surrealeres geben, als danach auf die Partymeile zwischen Alkohol, Kotze, Prostitution und Bumsmusik zu stolpern, mit vielen Fragen und Zweifeln im Kopf die diesem Feiereitreiben nur jegliche Existenzberechtigung entziehen möchten.