09.04.2007: Maximo Park, Clickclickdecker, Ghost Of Tom Joad - Bochum - Zeche

 


Vor der „Zeche“ ist bereits eine lose Schlange von Wartenden versammelt. Die Hartgesottensten unter ihnen stehen, sitzen und gammeln bereits seit über 12 Stunden hier, um darüber zu diskutieren, ob Archis Tiku (MAXIMO PARK, Bass) abgenommen hat, Paul Smith eine Diät denn wirklich gebrauchen kann und der Band selbstgemachte Kekse zu schenken. Die Groupies sind also schon da. Wie schön, dass man sich wenigstens darauf verlassen kann, wenn DSF schon die „Sexy“ Sport Clips abgesetzt/ersetzt hat.

Die lose Schlange wird immer länger und auch die Hipster lassen nicht lange aus sich warten, schon blitzen die ersten lässig gelockerten Krawatten auf. Selbst ein Fan älteren Kalibers ist mit seinen minderjährigen Töchtern im Schlepptau gekommen, die jetzt fröhlich um neue „Vans“ betteln. So weit ist es also schon mit dem Nachwuchs.

Die Befürchtungen einer kreischenden Groupie/Hipster-Crowd werden immer stärker. Als sich jedoch die Türen öffnen und der Club sich langsam füllt, werden die schlimmsten Ängste größtenteils revidiert. Schlips-Träger bleiben in der Unterzahl, der Indie-Nachwuchs ist im Bett geblieben und das Publikum angenehm durchmischt.

Während man sich also noch ein Bier im berühmten Plastikbecher besorgen konnte, enterten die sichtlich verkaterten CLICKCLICKDECKER die Bühne. Kein Wunder, waren sie doch vorher mit dem für’s exzessive Feiern bekannten TANTE RENATE unterwegs. „Wir sind etwas müde – aber das wird schon“, murmelt Kevin Hamann ins Mikro bevor die 4 sympathischen Hamburger mit typisch dringlich dengelnden Gitarren, und tanzbaren Beats loslegen. Das Publikum zeigt sich sichtlich angetan, und hier und da wird schon mal rhytmisch rumgehüpft. 10 Songs spielen die Hamburger, während denen ersichtlich ist, dass im deutschen Musikgeschäft wohl nicht alles zum Schlechten steht. Dumm nur, dass die Lyrics etwas im allgemeinen Gedengel untergehen. Ein kleines Solo auf einer Mischung aus Keyboard und Mundharmonika und das wundervolle „Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt“ erfreuten natürlich besonders(Ersteres unter Schmerzen). Was man nicht von den nachfolgenden GHOST OF TOM JOAD sagen kann. Während die Hamburger unter mehr als Höflichkeitsapplaus die Bühne verließen, betrat das Trio aus Münster die Bühne. „Die sind mir zu punkig“, meinte ein älterer Konzertbesucher und drehte sich mit dem Rücken zur Bühne, um mit einem Bekannten zu plaudern. Tjaha, das MAXIMO PARK Publikum ist eben etwas zarter besaitet. Und, dass mal wieder der gute, alte Tom Joad, der Steinbecksche, amerikanische Proto-Rebell schlechthin, wieder mal für den Bandnamen herhalten musste. Etwas stumpfsinnigerStändiges Wiederholen des Bandnamens tat ihr Übriges. Bleibt zu hoffen, dass das Debüt feiner wird, als der Auftritt.

Nach einer viel zu langen Umbaupause, die von sphärischen Asia-Elektro-Klängen und dem gelegentlichen Groupie-Kreischen begleitet wurde, dann Dunkelheit, Stille, MAXIMO PARK betreten die Bühne und stimmen die ersten Töne des neuen Album-Openers „Girls Who Play Guitar“ an, nicht im Bild: Paul Smith. Der hüpft nämlich einen Moment später zu tosendem Jubel an’s Mikro und zappelt nach einer langen Pause endlich wieder über deutsche Bühnen. Schon beim ersten Song wird fast das gesammte Repertoire rausgehauen: Spaghatsprünge, Gestik, es passt.

Wunderbar ebenfalls, wie MAXIMO PARKs sanfte, teils manische, immer aber animierende Songs in die „Zeche“ mit ihrer etwas dunklen Industriestadt-Atmosphäre passen (sogar eine Sense hängt irgendwo an der Wand – ja ja, der Tod und so). Weiter geht’s dann mit der aktuellen Single „Our Velocity“, die ebenfalls begeistert aufgenommen und mitgesungen wird. Erstaunlich wie sich aus dem etwas skeptisch über „zu punkige“ Vorbands beschwerenden Publikum eine wogende Masse aus tanzenden, glücklich grinsenden Menschen entsteht. Paul Smith tut dabei sein Bestes, fast cineastisch stellt er jede Nuance seiner Lieder dar, freut sich sichtlich wie ein Honigkuchenpferd, darüber, dass er wieder hüpfen kann, darüber, dass das zweite Album, trotz einiger Kritik so gut aufgenommen wird. Vom etwas verspannt wirkenden Frontmann ist inzwischen nichts mehr übrig, ebenso wie der Rest der Band frisch rasiert und ausgehfein mit Pünktchenkrawatte, Jackett und Melone wird die Meute in Verzückung gebracht (nur falls jemand fragen sollte, so von wegen Modeband). Dazwischen gibt es immer wieder die alten Hits, „Graffiti“, „Appy Some Pressure“ und wie sie alle nicht heißen. Interessant ist allerdings, dass eben die Songs, die sonst immer so für Begeisterung sorgten neben dem neuen Material fast ein bisschen zu simpel wirken. Und dann gibt es auch die kurzen Momente, in denen etwa „Postcard Of A Painting“ und „Parisian Skies“ angestimmt wird, und der Schmerz über das Gesicht Paul Smihts huscht, während das Publikum weiter ausgelassen feiert. Inzwischen strömt der Schweiß über sein Gesicht, es könnten auch Tränen sein.

Das Jackett verschwindet bald, ebenso die Krawatte, unter Verzückungsbekundungen der ersten, mit Groupies besetzten Reihe. Unglaublich unterhaltsam immer wieder aber Bassist Archis Tiku, der sich so gar nicht von den Hüpfereien Smiths und Keyboarders Lucas Wooler anstecken lässt, im Hintergrund bleibt, und am Ende wohl der Einzige geblieben ist, der nicht schweißgebadet die Bühne verlässt.

Enttäuschend war dann jedoch „Books From Boxes“, zwar ist Smith live ein noch etwas besserer Sänger als erwartet geworden (auch wenn die Songansagen immer atemlos kamen), doch selbst der feine Gesang konnte nichts daran ändern, dass die Instrumente für dieses sensible Stück doch einen Tacken zu hart waren. Eine pure akustische Version des Songs wäre natürlich noch famoser geworden, aber man kann ja nicht alles haben. Auch schade, dass keiner der „Missing Songs“ dabei ist, vor allem ein „Hammer Horror“ wäre mit seinen 60s Krimi Xylophon-Sounds gut gekommen. Bei einem Testkonzert mit dem neuen Material wollte man aber anscheinend kein Risiko eingehen. Highlights dann noch ein gesamter Club, der „I am young, and I am lost“ singt, und es vielleicht auch so meint. Ja sogar der Familienvater. Das Set wird vom famosen, und frenetisch abgefeierten „Going Missing“ beendet und mit wildesten Verrenkungen begleitet. Unter tosendem Applaus gibt es dann noch 3 Songs als Zugabe, darunter „Limassol“ und „Kiss You Better“, wonach die Band unter stürmischsten Beifallbekundungen in Richtung nächster Dusche davontrottet.

Live also erwartungsgemäß noch besser. Zurückkommen werden MAXIMO PARK wieder im Herbst, dann auch natürlich mit mehr Shows, dafür aber in größeren Venues. In der „Zeche“ wirkten die Songs jedoch wie kleine Explosionen.