09.05.2008: GROEZROCK FESTIVAL - Meerhout (Belgien) - Tag 1

 


Festivals sind tot. Und dreckig. Und unpersönlich. Auf Festivals lernt man die wahre Natur des ansonsten (höchstwahrscheinlich) biederen Musikkonsumenten auf oft schmerzhaft hässliche Weise kennen. Wie sie da rumlaufen, um zwölf Uhr mittags bereits krebsrot und bar jeglicher Scham. Wie sie da an Orten urinieren, an denen sich andere Besucher später mit einer Selbstverständlichkeit anlehnen, als wäre nichts gewesen. Ein bisschen Rock am Ring ist überall. Nichtsdestotrotz fällt auch das Groezrock 2008 im idyllischen Meerhout in Belgien wohl eher unter die Kategorie „kleines Festival“. Und ja, dreckig ist es wirklich. Man kann (und muss) den Staub förmlich auf der Zunge schmecken. Aber tot?! ALKALINE TRIO, STRIKE ANYWHERE, HOT WATER MUSIC, FACE TO FACE, SICK OF IT ALL, um nur einige alte Helden zu nennen. Die hauchen dem Festival Leben ein. Und (das ist wahrscheinlich nicht ganz unwichtig) Persönlichkeit. Es sind während dieser zwei Tage in Belgien wieder mal diese kleinen, realen und unvorhersehbaren Momente, die das Leben vielleicht nicht verändern werden (hat Musik das bei einem von euch wirklich geschafft?), sich aber dennoch ins Gedächtnis brennen. Die später zu Gesprächen führen werden (können, müssen), welche in etwa so beginnen: „Weißt du noch damals? Ich mein auf´m Groezrock. 2008. Der Ragan und der Skiba?!“ Das werden wir behalten, gut konserviert, vielleicht ein wenig romantisch verklärt. Wie man halt über vermeintlich große Momente der Vergangenheit sinniert. Aber alles der Reihe nach…

Hier steigert sich alles kontinuierlich. Den Anfang machen SET YOUR GOALS aus Kalifornien. Wer sich nach einem Song der immer noch großartigen Nachfolgeband der GORILLA BISCUITS benennt, muss logischerweise melodischen Hardcore spielen. Lauscht man dem Auftritt des Sechsers mit geschlossenen Augen, sieht man jedoch stets den Poppunk-Egomanen Tom DeLonge vor seinem geistigen Sehorgan, so sehr gleichen sich die Stimmen des einen SYG-Sängers und die des Ex-BLINK 182 Nöhlers. Dafür, dass die Band die unliebsame Position des Festival-Openers einnimmt, schlägt sie sich dennoch sehr wacker und bringt die ersten Besucher zum Tanzen.

Standardisierten Emo-Pop gibt es im Anschluss vom Fearless-Act MAYDAY PARADE. Die amerikanische (Online-)Presse erging sich angesichts des Albums "A Lesson in Romantics" in Lobhudeleien, live wirkt die Mixtur aus FALL OUT BOY, FALL OUT BOY und – ähm – FALL OUT BOY dann doch ein wenig statisch.

Danach folgt die erste an Herz und Hirn gleichermaßen appellierende Konstante des Groezrock. Bücherwurm, Politaktivist und Bühnen-Spring-Ins-Feld Thomas Barnett und seine Mitstreiter von STRIKE ANYWHERE geben sich die Ehre. Schnörkellos und energiegeladen wie man die Richmonder kennt, hagelt es ein Sammelsurium an Hits: 'Blaze', 'Infrared', 'Timebomb Generation' sowie 'Sunset on 32nd' stellen dabei nur eine Auswahl dar. STRIKE ANYWHERE sind überhaupt eine DER Bands, bei denen Power und Sympathie seit jeher Hand in Hand gehen. Wie schön Herr Barnett immer noch grinsen kann, während er gegen alles Unrecht dieser Welt anschreit. Diese Gratwanderung beherrschen nicht viele…

ALL TIME LOW aus Maryland wollen das selbstredend gar nicht. Die wollen nur spielen. Und unterhalten. MAYDAY PARADE nicht unähnlich, hat auch bei dieser Band der Pop die Definitionsmacht. Auf Platte sehr glatt gebügelt, in der Livesituation nicht unwesentlich ruppiger, beweisen ALL TIME LOW wie professionell und im Endeffekt austauschbar bereits in recht jungen Jahren massentauglich musiziert werden kann.

Dann doch lieber die Saalfelder Abrissbirnen von HEAVEN SHALL BURN. Sicher, in der hartmusizierenden Parallelwelt ist auch diese Band kanonisiert. Überraschungen? Ebenfalls Fehlanzeige. Angetrieben von Schlagzeugtier Matthias Voigt, knüppeln sich HEAVEN SHALL BURN durch das härteste Set des Tages und beweisen einmal mehr, dass sie einige der wenigen Bands sind, die sowohl auf Metal-affinen Festivals wie dem With Full Force als auch auf (Pop-)Punk/Hardcore Großveranstaltungen wie dem Groezrock funktionieren. Ob´s was mit der Schublade "Metal-Core" zu tun hat? Wer wei߅'Endzeit' ist jedenfalls einer der überragenden Opener des Festivals. Auf die Publikums-Performance während 'Forlorn Skies' wiederum wären selbst Kriss Kross neidisch gewesen. Jump, jump statt Wall of Death, das hat auch was.

Pünktlich zum Einbruch der Dämmerung betritt ein stets in schwarz gehülltes Trio die Hauptbühne und sorgt im Schulterschluss mit zwei guten alten Kumpel für den ersten genuinen Gänsehautmoment des Groezrock. Ein großes Manko der Live-Auftritte des ALKALINE TRIO ist seit jeher der etwas drucklose Sound. Ein zweiter Gitarrist würde den Bandnamen selbstverständlich ad absurdum führen, aber wofür gibt es schließlich Freunde?! 'We´ve Had Enough', 'Time to Waste', und 'Private Eye' sind ohne Frage zeitlose Hits von zeitlosen Alben. Beim ersten Hören von HOT WATER MUSICs 'Radio'-Version schlich sich damals eine schwierig zu beantwortende Frage in das Hirn vieler Hörer: Kann eine Coverversion besser sein als das Original?! Sie kann…Das Optimum ist dennoch eine gemeinsame Performance zweier Bands, die sich in der Vergangenheit bereits die Logos der jeweils anderen Kombo haben tattoowieren lassen. 'Radio' feat. Matt (Skiba), Dan (Adriano), Chuck (Ragan) und Chris (Wollard), ein Traum…Danach hätten sie auch 'Umbrella' oder ähnlich unsäglichen Radio-Käse neuinterpretieren können. Es hätte ihnen wohl niemand übel genommen.

Vor bzw. während ANTI FLAG und BILLY TALENT ihre Punk respektive Rock-Schlachten von der Stange schlagen, macht sich der verdiente Headliner des Freitags warm für einen überragenden Auftritt: die einzig wahre Emotionenschleuder aus Gainesville, Florida, welche während der bereits absolvierten Termine ihrer Reunion-Tour allerorten strahlende Gesichter hinterlassen hat, wird genau das auch in Belgien erreichen. Chuck links, Jason Black in der Mitte, Chris rechts und Groovemaschine George Rebelo hinten, so kann der Hit-Reigen beginnen: 'A Flight and a Crash', 'Wayfarer', 'Rooftops' (leider ohne Matt Skiba…), 'Free Radio Gainesville', eine Setlist ohne Längen. Dass HOT WATER MUSIC nicht nur unter den Besuchern des Groezrock eine Menge Freunde haben, beweist schließlich die gemeinsam mit Greg von den BOUNCING SOULS intonierte Coverversion des SOULS Hits 'True Believers'. Friß Staub und fühl dich gut dabei.


Bilder:

Hot Water Music - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Anti-Flag - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Finch - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Alkaline Trio - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Silverstein - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Heaven Shall Burn - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
The Audition - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
All Time Low - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Strike Anywhere - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Mayday Parade - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)
Set Your Goals - Groezrock 2008 - Meerhout (Belgien) (09.05.2008)