09.05. - 11.05.2008: Rock Hard Festival 2008 - Gelsenkirchen - Amphitheater

 


Wie der Kollege Schuh bei seiner Retrospektive des Groezrocks bereits mehr als treffend sagte: Festivals können eine verdammt dreckige und unhygienische Angelegenheit sein. Nur Festivals offenbaren so offensichtlich und schonungslos die niederen Triebe des Menschen und sorgen dabei für das ein oder andere Schmunzeln.

Vor allem die Spezies „Metalhead“, im normalen Leben meist Beamter, Familienvater und stock-konservativ, durchlebt im Laufe eines dreitätigen Festivals (hier dem Rock Hard Festival) eine interessante Rückentwicklung zu eben jenem Steinzeitmenschen, der Jagen und Sammeln als Hauptantrieb für sein tägliches Leben betrachtete. Selbstredend beschränkt sich beim Metalhead das Jagen nur auf die nächsten 20 Patches für die, meist ungewaschene und daher möglichst authentische, Kutte oder die CDs aus dem hoch frequentierten Metalmarkt und das Sammeln auf die möglichst lückenlose Nahrungsversorgung durch Fleisch und Bier. Auch die Balzrituale, mit der möglichst schnell und effektiv das andere Geschlecht beeindruckt werden soll, beinhalten interessante Vorgehensweise, die Außenstehende immer wieder auf ein Neues amüsiert.

Das Rock Hard-Festival stellte im noch jungen Jahr 2008 eines der ersten Zusammentreffen der Spezies „Metalhead“ unter freiem Himmel dar und begeisterte wie in den vergangenen Jahren mit einer traumhaften Location, endlich mal mehr Sonne und noch mehr Staub. Das eher an dem klassischen Metal orientierte Line-Up verzeichnetet mit Bands wie TESTAMENT, IMMORTAL, VOLBEAT und der ersten ICED EARTH-Show mit dem neuen (alten) Sänger Matt Barlow einige Highlights, die vollkommen zurecht abgefeiert wurden.

Am Freitag ging es recht gemächlich los und das Festival offenbarte trotz der momentan mächtig abgefeierten TESTAMENT-Truppe keine wirklichen Highlights. Als Opener betraten um 15 Uhr CLAYMORE die Bühne und wurden von ca. 200 anwesenden Metalheads in Empfang genommen. Ähnlich dünn kam auch der Auftritt von STORMWARRIOR rüber, der wenig Highlights beinhaltete und lieber das gepflegte Faulenzen in der Sonne auf die Agenda schrieb. Pünktlich zur untergehenden Sonne betraten dann gegen 19 Uhr DIE APOKALYPTISCHEN REITER die Bühne und erfreuten sich einer guten Publikumsresonanz, auch wenn man sich getrost fragen darf, was an dieser Band wirklich gut ist…

Mit TESTAMENT sollte dann um 21 Uhr das eigentliche Highlight des Tages folgen, doch der dünne Sound machte einiges von der Stimmung zunichte. Zwar war das Stageacting mehr als exzellent, aber als im Nachhinein berufener Ersatz für CELTIC FROST durfte man getrost mehr erwarten. Darüber hinaus ist der Band noch mindestens 6 Punkte in der B-Note abzuziehen, da man völlig unverständlicherweise ein viel zu langes Intro vom Band laufen ließ, dass so gar nichts mit Thrash Metal zu tun hatte. Statt tosendem Applaus, wäre auch ein langes Gähnen gerechtfertigt gewesen. Wenn so das vielfach gepriesene Thrash-Revival aussehen, wage ich zu bezweifeln das der Trend noch lange anhält.

Samstag stand als Opener auf der großen Bühne die österreichische Metalcore-Fraktion THE SORROW auf dem Programm und stellte die modernste Band des gesamten Line-Ups dar. Entsprechend schwer hatte es die sympathische Band, die frappierend nach Killswitch Engage klingt.

Nach einer anschließenden Auszeit meinerseits durfte man sich an den Klängen der Pagan-Formation ENSLAVED erfreuen, die zu keiner Zeit die richtige Atmosphäre schaffen konnten, was mitunter am sonnigen Wetter und der fehlenden Lichtshow lag. Zwar ist ein Mehr an Black Metal-Bands sicherlich zu befürworten, aber letztendlich ist ein Open Air zur besten „ich lege mich in die Sonne“-Zeit sicherlich der falsche Ort für solche Formationen. Dennoch boten die Jungs ein formidables Set.

Warum eine Band wie EXCITER auf einem Festival überhaupt noch spielen darf, ist mir ein Rätsel. Vielleicht liegt es an meinem jungen Alter, dass ich mit der Band, die bereits deutlichen Schimmel angesetzt hat, überhaupt nichts anfangen kann… Egal, das Publikum erfreute sich an dem Best-Of Set der Band und bot eine ehrwürdige Kulisse.

Nach EXCITER wurde es wieder düsterer mit AMORPHIS, die mit einem annehmbaren Set den Grundstein für einen weiterhin unterhaltsamen Abend stellen. Sänger Tomi Joutsen erwies sich als vortrefflicher Anheizer der mit seinen Dreadlocks für ordentliche Augenfutter sorgte. Ob der gute Herr angesichts seiner Plateau-Schuhe, aber Probleme mit seiner Körpergröße hat, sei mal dahingestellt…

Kaum eine halbe Stunde später wurde es Zeit für eine der Thrash-Legenden schlechthin – EXODUS. Mit bärenstarkem Opener (‚Bounded By Blood’) wurde eine Best-Of-Auswahl der Bay Area-Legende auf das Publikum abgefeuert dies es in sich hatte. Hatten Tags zuvor TESTAMENT ihren Auftritt mehr oder minder vergeigt, bewiesen EXODUS wie es anders geht und kreierten sogar einen ansehnlichen Moshpit, der jedem HC-Hörer ein großes Grinsen abgewinnen konnte…

IMMORTAL stellen den Headliner für den Samstag dar und bewiesen zur angebrochenen Dämmerung wie man Black Metal sogar witzig finden kann. Mit Panda-Kriegsbemalung und ordentlich Pyros erinnern mich IMMORTAL mehr an eine bösere Version von Kiss, als an eine klirrend böse klingende Black-Metal-Band. Doch trotzdem gehörte der Auftritt zu den besseren auf dem Festival und sorgte für ein volles Amphitheater und begeisterte Fans.

Da bereits um 23 Uhr der Curfew angesagt war, ging es bereits zu früher Stunde ins heimische Band, bzw. in die mittlerweile heimisch gewordene Metaldisco, was einen mal wieder an die Eingangs erwähnten Rückentwicklung des Spezies „Metalhead“ erinnert.

Am Sonntag ging es für mich erst wieder mit dem letzten Song der niederländischen Dampfwalze ASPHYX los. Im Anschluss gab es belanglosen Hardrock von JORN, dem man wirklich nur wenig abgewinnen kann, trotz der vielen Projekte des gleichnamigen Sängers.

Mit NAPALM DEATH stand dann wieder eine allseits beliebte Legende auf der Bühne, die gerade, oder trotz des wild gestikulierenden Frontmanns Barney für sehr viel Spaß sorgt. Wenn das Attribut „Unzerstörbar“ auf eine Band zutrifft, dann sicherlich die NAPALM-Jungs. Seit mehr als 20 Jahren dabei und immer noch eine Macht! Davon können sich manche HC-Bands noch eine Scheibe abschneiden.

Das VOLBEAT auf dem Rock Hard Festival zu einen der ABRÄUMER gehören würden, war fast schon im Vorfeld klar gewesen. Mit Hits der Marke ‚Radio Girl’ im Gepäck konnte eigentlich nichts schief gehen und so zeichnete sich bereits beim Soundcheck einer der Auftritte des diesjährigen Festivals ab. Volle Ränge und frenetische Jubelbekundungen des Publikums unterstrichen den derzeitigen Lauf, den die dänischen Jungs im Moment beiwohnt.

Natürlich konnte man sich auch fast denken, das PARADISE LOST danach nicht wirklich eine Chance haben werden das Publikum ähnlich zu begeistern. Zu zäh und emotionslos wirkt das Auftreten der Erfinder des Gothic Metals. Klar, Songs wie ‚As I Die’ sind Meilensteine, aber angesichts der brennenden Sonne und den zynischen Ansagen von Sänger Nick Holmes erwies sich der Auftritt als eine eher langweiligere Angelegenheit.

Doch eines muss man PARADISE LOST dann doch zugute halten: Sie waren unterhaltsamer als der darauf folgende All Star Jam, der völlig überflüssig war und nicht wirklich mit Prominenz aufwarten konnte. Dann lieber abseits der Bühne auf die quasi Reunion von ICED EARTH warten, die mit Matt Barlow den einstigen Sänger wieder verpflichteten und für Spannung unter den knapp 7.000 Besuchern sorgten. Doch diese verflog recht schnell, nach dem die Band die Bühne enterte und ein fulminantes Set runterspielte, dass wirklich jeden Klassiker der Band im Programm hatte. Manchmal ist eine Rückbesinnung auf die guten alten Tage doch die besten Entscheidung…

Das war in kurzen Worten das diesjährige Rock Hard Festival und obwohl der Großteil der Leser lieber zum Groezrock gefahren wäre, muss man dem Rock Hard Festival Jahr für Jahr zugute halten, dass man neben einer wunderhübschen Location auch eine formidable Unterhaltung erhält, die vor allem aus der stimmigen Balance zwischen den ausgewählten Bands und dem wirklich coolen Publikum entsteht.

Bilder:

Die Apokalyptischen Reiter - Gelsenkirchen - Amphitheater (09.05.2008)
Testament - Gelsenkirchen - Amphitheater (09.05.2008)
Enslaved - Gelsenkirchen - Amphitheater (09.05.2008)
Exodus - Gelsenkirchen - Amphitheater (09.05.2008)
Immortal - Gelsenkirchen - Amphitheater (09.05.2008)
Jorn - Gelsenkirchen - Amphitheater (09.05.2008)
Napalm Death - Gelsenkirchen - Amphitheater (11.05.2008)
Volbeat - Gelsenkirchen - Amphitheater (11.05.2008)
Paradise Lost - Gelsenkirchen - Amphitheater (11.05.2008)
Iced Earth - Gelsenkirchen - Amphitheater (11.05.2008)
Amorphis Gelsenkirchen -Amphitheater (10.05.2008)