10.08.2014: Ieper Fest - Tag 3 - Festivalgelände, Ieper

 



Der letzte Tag des Ieperfests beginnt dann für mich mit KIDS INSANE, einer israelischen Band, die ich bereits auf dem Groezrock 2014 sehen durfte. Auch heute gelingt es denn vier sympathischen Musikern durchaus, einige Leute in Bewegung zu bringen oder gar zum mitsingen zu animieren. Der sehr punkig angehauchte Hardcore-Sound von KIDS INSANE lässt Gedanken an das frühe Werk von Comeback Kid aufkommen und kommt daher sehr frisch daher. Melodischer Hardcore (und damit meine ich wirklich melodischen Hardcore-Punk und nicht melodischen Metalcore à la Hundreth oder Being as an Ocean) ist ja irgendwann in den letzten Jahren außer Mode gekommen, da fühlt man sich durch die Band angenehm zurückversetzt. „Spread it all over“ dient als Rausschmeisser, KIDS INSANE hinterlassen bei mir einmal mehr bleibenden Eindruck.

Weiter geht es um einiges stumpfer mit den Herren von NO ZODIAC, die vor kurzem scheinbar einen Sängerwechsel vornehmen mussten. Für mich klingt das eigentlich durchgängig wie ein uninspirierter Mix aus Beatdown und langsamem Metal. Insbesondere durch die drückenden Shouts fühle ich mich an Harm’s Way erinnert, wobei Harm’s Way deutlich ausgefallenere Riffs in ihre Songs einbauen. Vereinzelt wird gemosht, es hält sich jedoch ziemlich in Grenzen. Wieder einmal regnet es stark und dann fällt etwa zur Hälfte der Spielzeit von NO ZODIAC der Strom aus. Dadurch flüchten viele Besucher ins Marquee Zelt, wo Cornered als nächstes auf dem Spielplan stehen. Die Stromprobleme werden etwa nach 10-15 Minuten geregelt und so können NO ZODIAC ihr Set beenden, während auch ich schon vor der zweiten Bühne stehen.

Man könnte CORNERED durchaus auch schon als stumpfen Hardcore bezeichnen, aber gegen die (er)drückende Walze No Zodiac ist das gar nichts. Im positiven Sinne. CORNERED laden auch mal zum two-steppen ein, vor der Bühne und vor allem auch in Sachen Sing-A-Longs geht plötzlich deutlich mehr, was auch daran liegen könnte, dass CORNERED zum einen aus dem benachbarten Holland stammen und zum anderen wohl unbestritten zur europäischen HC-Spitze gehören. Oft sind sie Gast in England, auch in Amerika wurden schon Shows gespielt. Ältere Songs wechseln sich mit neuen Krachern wie „Servet he Beast“ ab, und auch zwei Cover für die Kenner werden eingestreut, nämlich eins von Breakdown („All I Ask“) und eins von Warzone („As One“). Ich stehe recht weit hinten, so bekomme ich nicht alles mit, was vorne passiert. Jedenfalls läuft der Sänger von CORNERED kurze Zeit später mit Halskrause durch das Merchzelt, es scheint also noch etwas intensiver geworden zu sein auf der Marquee Stage.

Im Anschluss daran wird von offizieller Seite bekannt gegeben, dass auf der Main Stage keine Band mehr spielen wird, bis sich der Regen gelegt hat und die technischen Probleme behoben sind. Bis auf weiteres bleibt also nur auf der Trench Stage alles wie gehabt, während die anderen Bands allesamt auf der Marquee Stage spielen sollen. Dies erntet sofort tösenden Applaus, denn schließlich stehen ja BANE als nächstes auf dem Line-Up-Zettel. Und die auf ihrer wahrscheinlich vorletzten Tour mit einem verkorksten Gig in strömendem Regen abzuspeisen wäre irgendwie nicht das Gelbe vom Ei. Stattdessen garantiert die Verlegung auf die zweite Bühne eine intime Atmosphäre, die Stagedives am laufenden Band zulässt. Und genau so sieht es eine Viertelstunde später dann auch aus. Egal ob „All the Way Through“ oder „Calling Hours“ vom neusten Album oder Klassiker wie „Count Me Out“, „Swan Song“ oder „Some Came Running”, die Stimmung reisst zu keinem Zeitpunkt ab und BANE legen den intensivsten Auftritt des Sonntags hin. Mit Hilfe der Fans, versteht sich. Dass diese auch bei den brandneuen Songs textsicher sind, zeugt davon, dass „Don’t Wait Up“ eine wahrhaft großartige Platte geworden ist. „Final Backward Glance“ als letzter Song treibt einem da fast die Tränen in die Augen. Diese Band wird der Hardcore-Szene fehlen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Da möchte man sich kaum ausmalen, wie intensiv dieser Song rüberkommt, wenn es beim nächsten Mal wirklich die letzte Europa-Tour ist.

Es kommt logischerweise zu einigen Spielverzögerungen und Verwirrungen. Die ersten treten bereits jetzt ihre Heimreise an, weil mit Bane das Highlight ihres Sonntags schon gegessen ist. Ich hingegen muss meine müden Beine im More Than Music Tent ausruhen, bis MAROON dann an der Reihe sind. Es handelt sich um eine der letzten Shows der deutschen Metalcore-Legende, die man stets in einem Atemzug mit Kalibern wie Heaven Shall Burn oder Caliban nennt. Das Publikum macht mit, aber man hätte mehr erwarten können. Deutlich wird, dass fast jeder nur die alten Songs der Band hören will, auch wenn MAROON natürlich auch Stücke ihrer neuesten Platten „Order“ und „The Cold Heart of the Sun“ auf Lager haben. Deutlich besser kommt der Titelsong ihrer vielleicht besten Platte „Endorsed by Hate“ an, und auch auf Nachfrage des Frontmanns Andre Moraweck entscheidet sich das Ieperfest mit deutlicher Richtung für die älteren Songs. MAROON können die alten Stücke musikalisch trotz der vielen Lineup-Wechsel noch genau so professionell vortragen wie vor Jahren, doch nach und nach verlor die Band an Glaubhaftigkeit, als die Mitglieder nicht nur ihr Straight-Edge-Dasein sondern auch ihr Veganertum an den Nagel hingen. Von daher ist es wahrscheinlich besser und ehrlicher, einfach aufzuhören. „Wake Up in Hell“ behält hingegen auch nach mehr als acht Jahren noch seinen tierrechtlichen Hymnen-Charakter.

Im Anschluss spielt mit EF die einzige Post-Rock-Band des Festivals im Zelt der Trench Stage. Anfangs noch spärlich gefüllt, beginnt sich dieses erst zur Hälfte des kurzen Sets weiter zu füllen. Fernab von Mosh und Stagedives genießen viele der Anwesenden mit geschlossenen Augen den ausschweifenden, vielschichtigen Sound der Schweden. Nach einem sehr ausgiebigen Soundcheck hört es sich vor der Bühne sehr gut an, was dem professionellen Bild der Band EF entspricht und dem detailverliebten Songwriting Rechnung trägt. Aufgrund der enormen Länge der Lieder spielen EF nur vier (?) Songs und verabschieden sich dann bereits wieder. Der Einsatz von Gesang beschränkt sich auf sehr wenige Stellen, dazwischen wechseln die Stücke von mitreissendem zu behutsamem Charakter und zurück. Später stehen die Schweden ebenfalls in einem Interview Rede und Antwort, wozu sich allerdings kaum Publikum im More Than Music Zelt versammelt hat. Die Band ist mehrere Tage per Zug mit ihrem Equipment von Transsilvanien aus angereist. Als Grund für ihren musikalischen Erfolg geben EF an, dass es in Schweden oft dunkel ist und man eben nicht viel anderes dort machen kann.

H2O stellen im Anschluss auf der zweiten Bühne das Set von Bane in Sachen Publikumsreaktion mit links in den Schatten. Zwar erlebt man auch beim letzten Song „What Happened?“ kein zweites Groezrock, aber dennoch dürften H20 ungeplant das Highlight auf der Marquee Stage gewesen sein. Insbesondere die neuesten Songs, die inzwischen selbst schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben, werden frenetisch abgefeiert. So beispielsweise „Sunday“, „1995“ oder „Fairweather Friends“. Toby Morse leitet die Menge mit seiner unnachahmlich positiven Art an und gilt zu Recht als einer der besten Frontmänner, die die Hardcore-Szene zu bieten hat. Da könnte langsam mal ein neues Album kommen, wenn man mich fragt.

Inzwischen ist die Elektronik auf der Hauptbühne wieder in Gang gesetzt und die Bretter sind getrocknet, was die Main Stage wieder bespielbar macht. Der Regen hört für den Rest des Tages auf. Dass BOYSETSFIRE ihren Slot mit Ignite getauscht haben, hatte ich in der Zwischenzeit gar nicht mitbekommen. So bin ich durchaus verwundert, als nach einem weiteren Abstecher durch das Merchzelt auf einmal die fünf Herren um Nathan Gray auf der Bühne stehen. Glücklicherweise bekomme ich mit „Closure“ noch den besten Song des neuesten Albums mit, das für mich im Gesamtbild recht ernüchternd ausfiel. Die Lücken vor der Bühne sind riesengroß, der Auftritt von BOYSETSFIRE wird wesentlich weniger gefeiert als beispielsweise der von Expire, Backtrack oder Turnstile. Das nehmen die alten Herren sichtlich mit Humor, sie lassen sich nicht beirren. Der Sound wirkt etwas dünn, Stücke wie „My Life in the Knife Trade“ leiden aber darunter nicht. Bei den härteren Songs wie „Until Nothing Remains“ fehlt bei den Gitarren etwas der Druck, die Shouts von Gray wirken aber härter und trainierter als das bei 90% der Hardcore-Shouter der Fall ist. Er ist inzwischen ergraut und hat ein paar Falten bekommen, sein endloses Grinsen und seinen Charme hat Nathan aber in all den Jahren nicht verloren. Mit „After the Eulogy“, „Requiem“, „Empire“ und vor allem „Rookie“ hauen BOYSETSFIRE in der zweiten Hälfte ihres Auftrittes noch einmal ein paar Mitsing-Hits raus, gestagedivet wird aber trotzdem nicht. Auf der Bühne versammeln sich diesmal fast ausnahmslos weibliche Stage-Potatoes.

IGNITE knüpfen eine halbe Stunde später dort an, wo boysetsfire aufgehört haben. Mit ihrem melodischen Hardcore gefallen sie insbesondere den Mittzwanzigern bis Mittdreißigern, die „Our Darkest Days“ wahrscheinlich noch komplett mitsingen können und auch dem Frühwerk der Band aus Orange County schon Beachtung geschenkt haben. Sänger Zoli Teglas war zwischendurch mit Pennywise unterwegs und ersetzte Jim Lindberg, sogar ein Album wurde mit ihm am Mikrofon aufgenommen. Teglas erlitt später einen Bandscheibenvorfall, der ihn auftrittstechnisch für einige Zeit außer Gefecht setzte. Lindberg kehrte zu Pennywise zurück (zum Glück!!) und Teglas ist inzwischen wieder häufig mit IGNITE unterwegs. Dass 2006 das letzte Album aufgenommen wurde, macht sich kaum bemerkbar. „Bleeding“, „Fear is Our Tradition“ und Co. werden aus hundert Kehlen mitgesungen und wirken zu keiner Zeit langweilig oder ausgebrannt. Lediglich die Stage-Performance von Teglas zeugt von den Spätfolgen seines Bandscheibenvorfalls, er meidet gänzlich den Kontakt zu den ersten Fanreihen, obwohl diese sehr textsicher sind. Der größte Pluspunkt an dem Set von IGNITE sind für mich die politischen Ansagen, unter anderem zu den aktuellen Konflikten im Gaza-Streifen und der Ukraine. Auch die Sea Shepherd wird auf die Bühne gerufen und darf kurz über die aktuellen Verhältnisse informieren. Eine große Geste, auch wenn Zoli währenddessen nervös von einem Bein aufs andere hüpft und wirkt, als habe er vor dem Auftritt einige Upper eingeschmissen. Wahrscheinlich muss er angesichts des durchwachsenen Wetters und seines fortgeschrittenen Alters einfach warm bleiben für den Rest des Auftritts. IGNITE präsentieren dann auch tatsächlich noch einen neuen Song. Man darf also gespannt sein.

HEAVEN SHALL BURN fungieren dann wie der Rausschmeisser-Song auf einer Party am frühen Morgen. Die Reihen haben sich deutlich gelichtet. Trotz dem vielen verwirrenden Slot-Getausche und den Verzögerungen fängt die deutsche Metalcore-Kombo lediglich 20-30 Minuten nach Plan an und beschallt die noch anwesenden Menschen und diejenigen, die schon auf dem Sprung sind. Frontmann Marcus Bischoff glänzt nicht gerade in Sachen englische Ansagen, wirkt aber dennoch angenehm unverkrampft und guter Dinge. HEAVEN SHALL BURN verzichten gänzlich auf sämtlichen Schnick-Schnack (wie z.B. Intro vom Band, einheitliche Stage-Outfits, oder Light- und Feuershow) und scheinen sich für einen Abend zusammen mit dem Ieperfest zurück auf ihre Wurzeln zu besinnen. Bischoff kann sich gar nicht mehr erinnern, ob es nun 8, 10 oder 12 Jahre her war, seit seine Band das letzte mal auf dem „legendären“ Ieperfest gespielt hat. HEAVEN SHALL BURN präsentieren viel Material ihrer neuesten zwei Alben „Veto“ und „Invictus“, beglücken aber auch die Altfans mit „Behind a Wall of Silence“. Obligatorischerweise dürfen „Black Tears“ (die Neu-Interpretation eines Edge of Sanity Songs), „Voice of the Voiceless“ und „Endzeit“ nicht fehlen. Als Headliner schockiert die Band natürlich weniger als ein Name wie No Warning oder Gorilla Biscuits, aber am Sonntagabend sind HEAVEN SHALL BURN gut platziert. Viele Besucher sehnen sich sowieso nur noch nach einer Dusche und ihrem eigenen Bett, während andere nun noch etwa eine Stunde eines ihrer Highlights genießen können.

Um kurz nach elf treten wir dann die Heimreise an und verabschieden uns vom Ieperfest. Sollte das Line-Up nächstes Jahr ähnlich spektakulär ausfallen, bin ich gerne wieder dabei. Hinter mir liegt ein Wochenende voller netter Konversationen, neuer Erfahrungen und herausragender Live-Sets.