11.01.2016: FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS, SKINNY LISTER, WILL VARLEY – MÜNSTER – SKATERS PALACE

 

So schnell kann’s gehen: Nachdem FRANK TURNER im September letzten Jahres sein aktuelles Album „Positive Songs For Negative People“ in die kleineren Clubs Deutschlands gebracht hatte, geht es jetzt schon wieder auf Tour, diesmal allerdings wieder in die größeren Konzerthallen, in denen sich der Folk-Punker seit ein paar Jahren auch richtig heimelig fühlen müsste.

Als erster deutscher Tourstopp wurde das schöne Skaters Palace in Münster auserwählt, ein guter Austragungsort für die erste Deutschland-Show von WILL VARLEY, Jesus Look-Alike und Singer-Songwriter aus Kent. Sein letztes Album „Postcards From Ursa Minor“ war 2015 ein gern gesehener Gast auf meinem Plattenspieler; eine grandiose Mischung aus ruhigen, reduzierten Folk-Nummern und unterhaltsamen, ironischen Stücken, gepaart mit Lyrics, die Kritik ausüben, ohne dabei den Zeigefinger erheben zu wollen. Da die Halle schon von Beginn an recht gut gefüllt ist, muss ich mich letztendlich damit zufrieden geben, nur der Musik lauschen zu können, weil mir von einer der großen Säulen im Raum die Sicht auf die Bühne größtenteils versperrt wird. Trotzdem erkenne ich in den ersten Reihen ein paar Gesichter, die die Texte lautstark mitsingen; Varley fühlt sich wahrscheinlich dadurch in seinem Tun verstärkt und liefert für eine halbe Stunde locker und unaufgeregt eine bunte Mischung aus aktuellen und älteren, mir unbekannten Songs ab. Am Ende seines Sets nutzt er die Gelegenheit, auf seinen Merchstand aufmerksam zu machen, wo man ihn für den Rest des Abends immer wieder im Gespräch mit neugewonnen Fans sieht. Dass er das Leben auf Tour und das damit verbundene Kennerlernen neuer Gesichter und Orte zu genießen scheint, erkennt man sofort, ganz nach der Textzeile seines Songs „Seize The Night“, in dem auch FRANK TURNER einen Background-Vocal-Part übernimmt: „Seize the night, and the path won't feel so long // ‘Cause if you know where you are when you wake up something's wrong”.

Nach einer kurzen Umbaupause geht es mit SKINNY LISTER auch schon weiter mit dem zweiten Support des Abends. Im Gegensatz zu WILL VARLEYS entspannten, reduzierten Show ist jetzt ein bisschen mehr Action auf der Bühne angesagt: Die sechsköpfige Band aus London spielt die Art Gröl-Party-Folk-Punk, die einen sofort in laute und rauchige britische Pubs katapultiert. Die Band ist mir nicht gänzlich unbekannt, unsere Wege kreuzten sich schon letztes Jahr auf der Tour von CHUCK RAGAN & THE CAMARADERIE, wo sie ebenfalls als Vorband mit von der Partie waren. Aber auch wie damals habe ich heute leider wieder das gleiche Problem mit ihrem Auftritt: Die ersten paar Songs versprühen noch gute Laune, zur Mitte des Sets merkt man aber, dass das Ganze von Nummer zu Nummer doch sehr repetitiv ist. Ein bisschen mehr Abwechslung zu den immer gleichen Akkordfolgen und Aussagen würde ihrer Show sicherlich ganz gut tun; amüsant wird es allerdings, als ihr Kontrabassist mitsamt Instrument durch die halbe Halle crowdsurft, während er den Leuten, die ihn tragen, versucht klarzumachen, ihn wieder zur Bühne zu befördern, aber stattdessen immer weiter nach hinten transportiert wird. Unterm Strich lässt sich also zusammenfassen: Gute Party- und Schunkelmusik, aber leider auch nicht mehr.  

Noch bevor der Headliner des Abends die Bühne betritt, sieht man schon einen Unterschied zu seinen letzten Deutschland-Touren: Das Bühnenbild dominieren jetzt zwei große Kasten-Türme mit Plus-Minus-Symbolen, anlehnend an sein neues Album „Positive Songs For Negative People“. Prompt werden diese beim Opener „The Next Storm“ beleuchtet; und ich muss sagen: Die Teile machen was her, gegen ein bisschen schöne Lichtshow hat doch keiner was einzuwenden.

Nachdem das Konzert schon seit Anfang Dezember ausverkauft ist, habe ich mir von Beginn des ersten Songs an ein bisschen mehr Euphorie von Seiten des Publikums erwartet. Aber wie ich schon auf einigen FRANK TURNER-Konzerten davor belehrt wurde, spiegelt der erste Eindruck der Stimmung im Saal nicht den sich schnell aufbauenden Party-Zustand wider. Nahtlos an den Opener grenzt „I Am Disappeared“ an; für mich das emotionale Highlight des Konzertes, so viele Male habe ich jetzt schon darauf gewartet, dass Turner endlich meinen endlos vergötterten Lieblingssong zum Besten gibt. Die Folge: Pipi in den Augen wie auf Knopfdruck.

Dass Mr. Turner der geborene Entertainer ist, muss man keinem mehr erzählen, der schon mal eine seiner Shows besucht hat; so wird z.B. das komplette Publikum durch eine kurze Ansage vom Frontmann bei „The Opening Act Of Spring“ zum riesigen Backgroundchor, oder auch eine Besucherin aus der ersten Reihe, die Geburtstag hat auf die Bühne geholt und von Frank aufgefordert, während „Out Of Breath“ einen Crowdsurf-Ausflug durch die gesamte Halle zu unternehmen; zwischenzeitlich ist die Dame so weit hinten im Raum angekommen, dass sich selbst Turner während dem Singen den ein oder anderen Lacher verkneifen muss.

FRANK TURNER-Shows sind immer eine kleine Achterbahnfahrt der Gefühle, zwischen seinen ganzen Hits und Klassikern, bei denen man den Gesang des Publikums oft fast genauso laut hört wie den Folk-Punker selbst, gibt es immer die Stelle im Set, an der die SLEEPING SOULS hinter der Bühne verschwinden und der Frontmann schließlich alleine mit seiner Gitarre ein paar intime Momente in den Raum zaubert. Die Seifenblasen, die während „The Angel Islington“ dann auch noch über das Publikum in Richtung Bühne schweben, tragen perfekt zur Atmosphäre bei. Wenn es einen Himmel gibt, so könnte er ruhig sein.

Besonders auffällig sind heute Turners Ansprachen zwischen den Songs; neben der Widmung von „Polaroid Picture“ für David Bowie, dessen Todesnachricht heute um die ganze Welt ging, betont er immer wieder, wie wichtig es für ihn ist, dass wenigstens für die Zeit des Konzerts alle im Raum aufeinander Acht geben und für einen kurzen Moment vergessen, was für Probleme vielleicht draußen auf sie warten. Scheint so, als ob das Publikum mit ihm da einer Meinung ist, die Stimmung scheint bis zum Schluss zu steigen, die vordere Hälfte der Halle wird zum großen Dancefloor umfunktioniert und auf dem Nachhauseweg wird sich wohl niemand über eine schlechte Show beschweren können. Ich kann es jedenfalls nicht.