11.07.2015: MÜSSEN ALLE MIT FESTIVAL - Stade - Bürgerpark

 

 

 

Aus der S-Bahn heraus kann man auf den Bahngleisen der anderen Richtung das neonfarbene Grauen mit Prilblumen, Polyester und Perücke gen Großstadt schaukeln sehen, während man selber in Richtung Entspannung gleitet. Direkt am Stader Bahnhof im Bürgerpark hat das MÜSSEN ALLE MIT FESTIVAL- kurz MAMF- seine Bühne aufgebaut. Im strahlendesten Sonnenschein darf man hier wundervolle Musik hören. Das Gelände entsprechend übersichtlich. RHONDA grooven die Menge ein, die noch auf dem Boden sitzt, Sonnencreme kreisen lässt und sich mit Bier von innen abkühlt. Als um 14h OLIVER GOTTWALD samt Band auf die Bühne tritt sind die Erwartungen entsprechend hochgeschraubt, denn schließlich wurde ähnlich Großartiges angekündigt, wie zu Zeiten von ANAJO. Dem können OLIVER GOTTWALD und seine Band heute allerdings nicht ganz gerecht werden. Das Set ist makellos, doch ein bisschen Gefühl vermisst man. Das Publikum wickelt sich die letzten Fetzen um den Kopf, um dem Sonnenstich zu entgehen. Dem Gefühl hilft es später leider auch nicht, dass OLIVER GOTTWALD mal eben die Bühne verlässt und von Bande eine kleine Ballade zum Besten gibt. Während den Pausen wird der Festivalplatz von den Greenpeace Energy Djs bespaßt. Die Energie dafür müssen die Festivalgäste dabei auf Stromrädern selbst erzeugen. Was tut man nicht alles für Entertainment.

 

Ähnlich hohe Erwartungen wie an OLIVER GOTTWALD hängt man auch an die nun folgenden Jungs von SCHROTTGRENZE. Gerade wiederbelebt mit neuem Mensch am Bass, der aber auch kein unbeschriebenes Blatt ist. So geht es kraftvoll los. SCHROTTGRENZE spielen sich souverän durch ihren Auftritt. Alte Songs im strahlendsten Sonnenschein, da bleibt keine Stirn trocken, vor der Bühne gehen alte und neue Fans noch etwas verhalten mit. Vermutlich ist es einfach doch ein bisschen zu heiß. Strahlende Gesichter sieht man aber doch hier und dort und das in allen vertertenen Generationen.

 

Nachdem SCHROTTGRENZE die Bühne geräumt haben, gibt es einen flotten Umbau und EGOTRONIC legen kraftvoll los. Für die Bezeichnung "Elektropunk" kann man belächelt werden, aber EGOTRONIC wissen, was sie zu tun haben. Neben guter Laune werden auch ein paar Botschaften in die Gehörgänge transportiert, denn auch am Samstagnachmittag kann man mal ein bisschen denken. Das ist doch sehr angenehm. Ein kleine Pause wäre auch fein. Es ist heiß für nordische Verhältnisse. Die MAMF- Verantalter*innen haben aber in einer Hinsicht gut vorgesorgt: Trinkwasser gibt es zum Selberzapfen für lau. Prost! Die kulinarische Versorgung lässt im Gegensatz dazu leider etwas zu wünschen übrig. Verwöhnte Hamburger vegan Lebende werden leider enttäuscht: Das vegane Futter ist aus. Nichtmal eine Frittenschmiede gibt es. Da darum gebeten wurde, keine eigenen Stullen mitzubringen, muss man eben schnell eine Runde in die Stader City drehen und sich versorgen. Dort wäre als Alternativveranstaltung noch ein Weinfest, aber man möchte ja nicht den unbenannten Höhepunkt des MAMF verpassen.

 

Die ANTILOPEN GANG stellt nämlich im Folgenden alles vorrangegangene absolut in den Schatten. Schlagwerk nach bester Upcyclingmanier, beste Laune, beste Botschaften. Gebounct wird natürlich mit links, für links, gegen rechts. Wenn Antifaschismus soviel Spaß macht, was haben dann die vom anderen politischen Ufer? Um dem Vorurteil des unkultivierten Hiphop entgegen zu wirken, wird auch mal voluminös in die Tasten gegriffen. Der Security muss allerdings noch erklärt werden, wie man crowdsurfende Menschen wieder auf sicheren Boden holt. Das soll dem Spaß aber keinen Abbruch tun. Danach kann eigentlich nichts mehr kommen.

 

KÄPTN PENG & DIE TENTAKEL VON DELPHI haben zwar auch ihre Fangemeinde, nur der Kopf ist noch bei antifaschistischer Attitüde und nur bedingt bereit für Poesie. Der Soundcheck dauert lange und zwischenzeitlich ist man sich nicht ganz sicher, ob das nicht vielleicht doch schon der eigentliche Auftritt ist. Definitv wortgewaltig geht es bei KÄPTN PENG zu, leider machen die ein oder anderen technischen Fiepereien den Trommelfellen zu schaffen. Man kann hier mitgehen oder einfach sitzenbleiben. Poesie funktioniert so oder so. Mit Geschlechterklischees wird aufgeräumt und auch hier gibt es wieder vermehrt Inhalte, die wirklich Bestand haben werden. Viel Hirn nach noch mehr Bier.

 

Den krönenden Abschluss des diesjährigen MAMF bestreiten dann zu vorgerückter Stunde NADA SURF. Fast hätten sie es wegen Streichung ihres Fluges nicht geschafft, sind aber laut eigener Aussage froh in Stade zu sein. So geht es los mit alten Klassikern, die zwar einwandfrei, doch etwas herzlos vorgetragen werden. Man wird nunmal auch nicht jünger. Daniel Lorca gibt sich betont cool oder eben lustlos mit Kippe im Mundwinkel, die Zweitstimme eher brummelnd als singend. Als die Bassbox den Geist aufgibt und aufgeregte Techniker mit Schraubendrehern angelaufen kommen, stellt er sein Instrument gleich ganz auf die Seite und zündet sich die nächste an. Irgendwann merkt aber auch er wohl, dass es ohne Bass keinen Spaß macht und steigt mehr halbherzig wieder ein. So schön es auch ist "Happy Kid" und Co. mal wieder zu hören, macht das hier leider nur so bedingt happy. Zeit also, sich auf die vorletzte S- Bahn in Richtung Großstadt zu werfen und mit äußerst sympathischen Mitreisenden noch ein bisschen zu albern, zu singen und zu Schnickschnackschnucken, bevor in der Stadt die letzten Schlagermoveschnapsleichen einem vor die Füße fallen. Trotz kleinerer Makel aber doch ein schönes Festival und ein ganz fantastisches Exil, wenn der Schlagermove das nächste Mal in der schönsten Stadt der Welt tobt. Danke dafür und fürs Hirn auffüllen.