11.11.2015: ANTI-FLAG, RED CITY RADIO, TROPHY EYES, THE HOMELESS GOSPEL CHOIR – KÖLN – BÜRGERHAUS STOLLWERCK

 

Es ist der 11.11. und wir befinden uns ins Köln. Für mich kommt da eigentlich sonst eher der Wunsch auf, mich den ganzen Tag in meiner Wohnung zu verkriechen, um mich dem ganzen jecken Getümmel auf den Straßen entziehen zu können; dieses Jahr mache ich aber gerne eine Ausnahme und mache mich guten Mutes auf den Weg zum letzten deutschen Stopp von ANTI-FLAGs Support-Tour ihres aktuellen Albums „American Spring“ durch Kölns Straßen und genieße den betörenden Bierduft, der einen jedes Mal aufs Neue erkennen lässt, dass die Karnevalszeit angefangen hat.

Pünktlich um 19:30 Uhr betritt auch schon der erste der drei Supports des Abends die Bühne. Derek Zanetti aka THE HOMELESS GOSPEL CHOIR aus Pittsburgh, Pennsylvania ist einer von der Sorte „liebenswerter Irrer“, wie er seine Songs nur mit seiner Gitarre irgendwie schon fast besessen dem bis jetzt leider eher spärlich gefüllten Stollwerck präsentiert. Auf seiner Bandcamp-Seite beschreibt er sich (wie ich finde ziemlich passend) als “Woody Guthrie of the post-hope-pre-apocalypse world that we live in today“; und ganz in diesem Sinne wird mit „This is a protest song!“ auch jeder seiner Songs eingeleitet, womit er nach mehrfachem Wiederholen das Publikum und einige Lacher auf seiner Seite sicher hat. Inhaltlich spannt seine Musik von allen Support-Bands wahrscheinlich den größten Bogen zum Headliner des Abends; dass ANTI-FLAG ihn als Support ausgewählt haben, ist sicherlich kein Zufall, wo doch auch mit „I Used To Be So Young“ das letzte Album von THE HOMELESS GOSPEL CHOIR von Chris#2 produziert wurde. So wird gegen Kapitalismus, die Kirche, den Staat, aber auch gegen die eigenen Fehler gewettert, das Ganze aber nicht ohne eine gehörige Portion Humor. Da noch drei weitere Bands auf dem Plan stehen, verlässt Zanetti jedoch nach nicht mal einer halben Stunde leider auch schon die wieder Bühne. Schade, denn ich hätte mir diese schrullige Show auch noch länger angucken können.

Ohne Umbaupause geht es dann direkt weiter mit den erst 2013 gegründeten TROPHY EYES aus Australien. Langsam aber sicher füllt sich jetzt der Zuschauerraum und das Publikum wird aufgefordert, die Lücken vor der Bühne zu füllen; es dauert allerdings seine Zeit, bis die ersten Besucher warm werden und sich ein erster Moshpit auftut, was ganz besonders Sänger John zu freuen scheint, der das ganze Set über wild über die Bühne hechtet. Musikalisch kristallisiert sich heute mit jeder Band eine andere Seite von Punk heraus; im Gegensatz zu Derek Zanettis politischer One-Man-Show können TROPHY EYES als fünfköpfige Band natürlich mehr Druck mit ihrer Mischung aus melodischem Hardcore und Pop-Punk erzeugen, während mit RED CITY RADIO als letztem Support des Abends der Sound wieder etwas gemächlicher wird, der allerdings wie dafür gemacht ist, sich betrunken in den Armen zu liegen und die Texte mitzugrölen; da ist es auch weniger verwunderlich, dass es sich mit dem Pogen während des Sets der Band aus Oklahoma City vor allem bei den neuen Songs in Grenzen hält, lassen die vier auf ihrem aktuellen selbstbetitelten Album ihre Punk-Wurzeln eher hinter sich und dafür ein bisschen mehr Rock durchklingen. Dass heute aber ein paar Leute anwesend sind, denen RED CITY RADIO vor dem heutigen Abend kein unbeschriebenes Blatt gewesen zu sein scheinen, wird deutlich, als aus dem Publikum hauptsächlich bei älteren Songs wie „Two For Flinching“ oder „Show Me On The Doll Where The Music Touched You“ die Texte lauthals der Band zurück geschrien werden, und als kleines Schmankerl oben drauf, lässt es sich Chris#2 nicht nehmen, die Band bei einem GREEN DAY-Cover zu unterstützen. Eigentlich könnte man jetzt schon zufrieden nach Hause gehen, wären da nicht noch die Headliner des Abends, die das Publikum anscheinend gehörig auf die Folter spannen wollen, da einem die Pause extra lang vorkommt.

Um Punkt 10 hat das Warten dann endlich ein Ende und als ANTI-FLAG verkleidet die Bühne betreten, lässt sich eigentlich auch kein größerer Anteil an Verkleideten unter den Besuchern erkennen; die Karnevalsenthusiasten scheinen sich in anderen Ecken der Stadt herumzutreiben. Es scheint fast so, als hätte sich der Großteil des Publikums seine Energie für die Polit-Punker aus Pittsburgh aufgespart; denn als die vier mit „Turncoat“ loslegen, steigt die Stimmung von Null auf Hundert und da jetzt alles nach vorne drängt, ist man in den ersten Reihen über jeden extra Zentimeter an Platz froh. Die Verkleidung wird übrigens nach dem ersten Song auch schon wieder abgenommen; Gitarrist Chris Head sieht mit seiner Bierkrug-Brille allerdings auch eher weniger zufrieden aus. Auf die Ohren gibt es heute eine buntgemischte Setlist; Songs von ihrem neuen Album „American Spring“ scheinen zwar etwas weniger beliebt zu sein als alte Klassiker wie „Broken Bones“, „I’d Tell You But…“ oder „1 Trillion Dollars“, bei denen das Publikum besonders textsicher zu sein scheint, der Stimmung tut das aber glücklicherweise keinen Abbruch; das Stollwerck verwandelt sich gesamte Set über in einen riesigen Moshpit. Hin und wieder hat man auch ein paar Crowdsurfer über sich hängen, denen sich auch Chris#2 in der Mitte des Sets kurz dazugesellt. Für ein weiteres Highlight wird bei „Brandenburg Gate“ gesorgt, bei dem THE HOMELESS GOSPEL CHOIR als auch Garrett von RED CITY RADIO einen kleinen Abstecher auf die Bühne unternehmen und dabei sichtlich Spaß zu haben scheinen; eine ausgelassene Stimmung wie eben auf einem kleinen Punk-Klassentreffen. Dass den Polit-Punkern die Nähe zu ihren Fans ganz besonders am Herzen liegt, merkt man spätestens am Ende der Show, als kurzerhand für „Die For The Government“ und „Drink Drank Punk“ Chris#2 und Pat Thetic samt Schlagzeug in die Mitte des Publikums verfrachtet werden und Pat danach irgendwo in der Menge verschwindet und sich, wie es scheint, am liebsten bei jedem Besucher persönlich bedanken würde. Ein denkwürdiger Abschluss eines intensiven Abends mit vier Punk-Bands, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, sodass einem die gesamte Show mit einer Länge von fast vier Stunden trotzdem noch kurzweilig und abwechslungsreich vorkommt.