(12.01.2018): WOLF PARADE, CHARLY BLISS, FROG EYES - Vancouver, BC - The Commodore Ballroom

 

Zuerst Heizung, dann Sitzplatz, dann ein spannendes Kulturpaket. FROG EYES bieten die perfekte Grundlage für den Start ins Wochenende: wer überfällige SMS-Antworten abzuarbeiten hat oder die perfekten Ohrenstöpsel aus Klopapier drehen mag, bekommt während der zehrenden halben Stunde der Artrockband aus Victoria Gelegenheit. Durch ein düsteres Ambiente schraubt die Band um Carey Mercer die sphärischen Songs zwischen Wartezimmer-Avantgarde und Postrock. Verschwommen und mit quietschender Gitarre landen Songs wie „Joe with The Jam“ im Ziel. All das kann ganz schön anstrengend sein, wenn es gilt eine gute halbe Stunde Aufwaerm-Programm zu füllen.
CHARLY BLISS hingegen beleben den Bubblegum-Grunge (wieder): Der quirlige Vierer um Frontfrau Eva Hendricks spitzt die Tanzlaune im Commodore Ballroom direkt ab Sekunde 1 an: "Westermarck" oder "Blackhole" bieten perfekte, weil glatte Harmonien aus den drei maskulinen Kehlen, dazu serviert Hendricks ein gutes Pfund Gitarrenriff nebst ansteckender Girlie-Grrrl-Attituede. Die Band aus New York ist heute zum ersten Mal an Kanada's Westkueste zu sehen - und besser koennte die Premiere kaum laufen: "Scare U" und "Percolator" enden in Gekreische und losgelostem Tanzen vor und auf der Buehne, eine bessere Balance aus PARAMORE und FIDLAR koennte "Ruby" kaum bieten. Von vorne bis hinten funktionieren die obersympathischen CHARLY BLISS einfach herrlich auf der riesigen, aber spaerlich bestueckten Buehne.
 
 
 
 
 
Das Energielevel senkt sich gewaltig, als nach gefuehlt ewiger Umbaupause und ungemein anstrenger Soundscape-Untermalung das Licht aus und die lilafarbenen Spots angehen fuer WOLF PARADE. Die Band aus Montreal wirkt tourt erneut nach siebenjaehrigem Hiatus und zieht heute ein buntes Publikum aus alten und neuen, Punk-, Wave-, Pop-, und Indiefans. Dan Boeckners Stimme zittert und ist dominant laut bei "You're Dreaming", insgesamt lassen Spencer Krug und Co zu 95% die Instrumente und Gesaenge sprechen. Der Sound ist duenn und bleich, so aber fordern es "Soldier's Grin" und "Baby Blue". Manchmal erinnert die Band live an THE NATIONAL oder fruehe ARCADE FIRE, dann fischt "Weaponized" vom Comebackalbum "Cry Cry Cry" das Beste aus dem modernen Indierockpool. Die organische Produktion des Headliners steht heute dennoch nicht im Vordergrund - vielmehr ist es das Kulturpaket, was den heutigen Abend ausmacht: genre- und generationenuebergreifend beweisen WOLF PARADE nicht nur ein Haendchen fuer ein erstklassiges und beinahe 80-minuetiges Postpunk-Spektakel bei dem weder "Fine Young Cannibals" noch das abschliessende "Kissing The Beehive" fehlen duerfen. Auch bieten sich dem "Nachwuchs" verdiente Chancen, die vor allem CHARLY BLISS - die heimlichen Helden des heutigen Abends - fuer sich nutzen. Das aktuelle Album "Guppy" hat seine Livepremiere in British Columbia souveraener bestanden als "Cry Cry Cry" - Extrapunkte gibt es obendrein fuer bedruckte Baseballsocken mit "Charly Bliss"-Logo am Merch.