13.05.2010: Dead Swans, More Than Life, Defeater, At Daggers Drawn - Lovelite - Berlin

 

Die Lücke, die zuerst VERSE aufrissen und die dann von HAVE HEART ins Unermessliche gedehnt wurde, muss gefüllt werden. Bridge Nine verlor nicht nur zwei der absoluten Zugpferde, nein, hier gingen absolute Meister des Modern Hardcore. Wo VERSE ihren Abgang nicht sonderlich an die große Glocke hängten, machten HAVE HEART eine große Sache aus allem, zelebrierten Abschiedstouren und es soll tatsächlich Wahnsinnige geben, die von Deutschland in die USA flogen um ihre Helden ein letztes Mal zu feiern. Alleine das zeigt, wie groß jene Lücke ist, die gefüllt werden muss. Selbstverständlich darf man in solchen Fällen nicht ins Beliebigkeitsraster verfallen und jede aufkommende Band lobpreisen. Aber es gibt sie. Diese Band, die nicht nur das Zeug hat, sondern schon längst die eigenständige Nachfolge angetreten ist. Dabei hat sie das Glück, weder Provisorium einer Szene, noch überschätztes Bindemittel zwischen Auflösung und Beweihräucherung zu sein. DEFEATER, das hat man am vergangenen Donnerstag im Berliner Lovelite eindeutig gesehen, füllen jede Lücke mit Links und bringen Attribute mit, die bei erwähnten „Legenden“ wie HAVE HEART stets Mangelware darstellte: Sympathie, Spielfreude, Euphorie. Wie diese Band von der ersten Sekunde an auf der kleinen Bühne agiert, es ist fast zu schön um wahr zu sein. Aber bevor DEFEATER einen großartigen Konzertabend zu einem der besten Konzerte überhaupt werden lassen, gab es noch ein paar Vorbands.

AT DAGGERS DRAWN zum Beispiel. Man sah sie bereits bei diversen anderen Bands im Vorprogramm, bald erscheint ein Album und insgesamt war der Stand der Band natürlich denkbar schwer. Gemeistert haben sie den Gig trotzdem ziemlich gut und auch das neue Songmaterial machte Laune auf mehr. Man darf gespannt sein, die Platte erscheint wohl im Sommer.

Danach kamen dann MORE THAN LIFE. Dieses Mal waren die Engländer tatsächlich fast nüchtern, was sicherlich auch daran lag, dass ihr Bassist kurzfristig ins Krankenhaus eingeliefert wurde und man nun kühlen Kopf bewahren musste. Auf Tour hat er sich wohl irgendwas eingefangen, als Ersatz hielt also der Gitarrist der DEAD SWANS her. Jener meisterte das Set in Anbetracht der Spontanität unglaublich gut und es war auch ein kleiner Augenschmaus, den Gitarristen von MORE THAN LIFE zuzuschauen, wie sie ihm bei den verschiedenen Akkorden und Noten halfen, an der richtigen Stelle zu greifen. MORE THAN LIFE an sich boten dann den bislang besten Auftritt, den ich sehen durfte. Von Anfang an gab man sich energiegeladen und auch der Frontmann scheint ein wenig an Stimmkraft zugelegt zu haben. So hielt er dieses Mal wenigstens bis (fast) zum Schluss durch und konnte sichtlich das Bad in der Menge genießen. Dabei setzten MORE THAN LIFE noch immer ein bisschen zu sehr auf große Gesten statt auf Konzentration bei der musikalischen Umsetzung, dem Publikum hat der Gig aber so wie er war scheinbar auch gut gefallen. Und gut war er auch. Auch das neue Songmaterial funktionierte erstaunlich gut, trotzdem ist es unklug bei einer Bande wie MORE THAN LIFE den größten Hit, „Faceless Name“, gleich als Opener zu verblasen. Trotzdem – erstaunlich druckvoller Auftritt!

An die nachfolgenden DEAD SWANS hatte dann augenscheinlich kaum jemand irgendwelche Erwartungen und so musste man zuschauen, wie das Set des Fünfers schleppend, dafür aber scheppernd an Fahrt aufnahm. So sah ich diese Band das erste Mal energisch und bewegungsfreudig, was zum Ergebnis hatte, dass das Publikum nach Belieben dirigiert wurde und man ordentlich Action machte. Dass das Material der Herren trotzdem höllisch leblos und langweilig daherkommt, ändert stellenweise nichts an der Tatsache, dass man jenen musikalischen Patzer eben mit Bewegung und Stimmung ausgleicht. Erstaunlich gut bislang, bis dann das Ende des Sets angekündigt wird. Hier verspricht man eine spezielle „Überraschung“ und jene wird explosiver denn je. Auf der Bühne tummeln sich plötzlich Leute von MORE THAN LIFE (Der Sänger beispielsweise bediente nun die Gitarre), augenscheinlich auch ein Roadie des Tourpackages und Leute von DEFEATER. Was dann kam, hatte wohl niemand erwartet. „Hearts“ von AMERICAN NIGHTMARE wurde so dermaßen schnell und hart gecovert, dass man kaum Zeit hatte, endlich zu reagieren, bis nicht nur Fans sondern auch ein gewisser Derek kopfüber im Publikum verschwanden. Was für ein Chaos, was für ein Abriss, was für ein überraschend geiler Auftritt.

Und nun kamen DEFEATER. Man begann mit „The Red, White And Blues“ und hatte von der ersten Sekunde an ca. 200 Kehlen auf seiner Seite. Und das nicht nur weil die Songs verflucht gut sind, nein, da war verdammt nochmal Liebe im Spiel. DEFEATER waren überaus dankbar, unglaublich sympathisch und so voller Bock auf diese Show gefüllt, dass man nur ein dauerhaftes Grinsen auf den Backen haben musste. Dabei blendete der geneigte Fan gerne aus, dass die Texte der Band unheimlich ernsthaft und traurig sind, aber daran wurde man während der großartigen Ansagen immer nochmal erinnert. Ist ja Hardcore, hier ist niemand zum Spaß. Aber eigentlich schon. Wo andere Bands dieser Art stumpfe Scheiße a la „more stage dives“ oder dämliche Dankesbekundungen von sich geben, die man ihnen ohnehin nicht abnimmt, bleiben DEFEATER aufrichtig. Man bedankt sich zwischen jedem Lied ca. 20 Mal, lächelt mit dem Publikum um die Wette und vergisst auf keinen Fall den Ernst der Sache. So wettert man gegen den Krieg, plädiert immer wieder an den Menschenverstand und schwört, dass VERSE die beste Band überhaupt sei. Man könnte DEFEATER noch Stunden zuschauen, man könnte ihre klugen Texte noch Stunden mitsingen und immer wieder über das tolle Publikum springen – es würde niemanden stören. Und warum? Weil hier endlich nochmal eine kluge Band auf der Bühne steht, die nicht mit Image oder Fame spielt, sondern einfach sie selbst ist.