13.07.2017: CITY OF CATERPILLAR - Berlin - Tiefgrund

 

"Der Song hätte vor 2 Minuten zu Ende sein können."

Dein Ernst? Worte vom Typen vor mir. Hast du in der Schule nicht aufgepasst? Erst ausreden lassen, dann antworten? Anstand und so? Und überhaupt? Bist du dir sicher, welcher Band du hier gerade vorschlägst kürzere Songs zu spielen? Weißt du überhaupt, was du dir hier gerade anschaust? Wieso überhaupt Leute hier sind? Welch Blasphemie deine Worte doch darstellen. Und das auch noch bei genau diesem einen Song. Ketzer. Geh beiseite. Zurück in die Schule. Lern Anstand. Und hol Musikgeschichte nach. Tzz. Und nimm deine Begleitung gleich mit.

Zurück. Ich wurde die Tage zuvor nicht müde zu erwähnen, dass ich noch nie im Tiefgrund war. Also: ich war noch nie im Tiefgrund. Und nein, auch beim Miss The Stars-Fest noch nie. Das alljährliche Verpeilen des Ticketvorverkaufs hat mittlerweile Tradition. Tiefgrund. Ist schön da. Man teilte mir mit, dass gelegentlich Konzerte im Keller stattfinden, heute war das nicht der Fall. Der "große" Konzertraum hatte dennoch Bunkeratmosphäre - perfekt.

Vorband des Abends markierte die Drei-Mensch-Emo-Screamo-Band ME & GOLIATH aus UK. Im ca. 3/4 gefüllten Tiefgrund stieß die Band überwiegend auf Begeisterung, ich empfand ihre Musik wie bereits 10 mal besser gehört. Gänzlich vorurteilsfrei saßen wir auch nach wenigen Minuten wieder draussen und warteten auf den Mainact. Die wenigen Aufnahmen der Band klingen spannender als in der Livefassung:

Etwas unpünktlich kamen wir in den blaulila beleuchteten Raum zurück und verpassten standesgemäß die ersten Minuten. CITY OF CATERPILLAR waren bereits mitten im Set und, soweit ich mich an die Setlist zurückerinnern kann, spielten gerade "A Heart Filled Reaction To Dissatisfaction". Dieser Basslauf. Diese Drums. Diese Gitarren. Dieser Gesang. So viel Liebe dafür. Postrock, Emo, Screamo, Chaos. CITY OF CATERPILLAR stellen auch trotz jahrelanger Bandabstinenz und der geringen Wirkungsphase von 2000-2003 heute eindrucksvoll unter Beweis, dass sie zu Recht als eine der Speerspitzen und einflussreichsten Bands des Genres gelten. Dass sie noch niemals in Europa waren und vermutlich niemals wiederkommen werden, untermalt den Legendenstatus dieser Band noch zusätzlich.

Es dauerte ein paar Minuten sich auf die Songs und die Band einzulassen, gerade die Post-Rock-Passagen sind nur bedingt alltagstauglich. Nach kurzer Zeit und dem ersten Screamopart hatte auch uns dann die Stimmung gefangen und es war faszinierend zuzuschauen und vor allem zuzuhören, wie CITY OF CATERPILLAR es schafften live überlange Spannungsbögen zu erzeugen, welche nicht einmal im Entferntesten langweilig wurden, diese dann mit Mathematik angehauchtem Chaos zerstörten, Uptempo-Abschnitten garnierten und tränenrührenden Emorock füllten.

Das Set bestand hauptsächlich aus Teilen ihrer einzigen LP und den beiden bisher nur als Bootleg (und digital) erhältlichen Songs, welche pünktlich zur Europatour im Studio aufgenommen wurden und endlich in vernüftiger Version als Vinyl erhältlich sind. Höhepunkt des Abends war der Übersong "A Little Change Could Go A Long Ways", welcher wie bereits eingangs erwähnt von einer Ein-Personen-Minderheit als "zu lang" betitelt wurde. Idiot. Hätte er das zweimüntige Ausfaden des Songs bis zum Ende angehört, wär ihm auch nicht das grandiose Ende entgangen. Kann man auch als Antwort an ihn direkt verstehen.

Sympathisch fand ich natürlich die nahezu nonexistente Pausenkommunikation mit dem Publikum. Also ernsthaft. Nach ca. einer Stunde und "Driving Spain Up A Wall" war dann Schluss und wir verließen das Tiefgrund. Falls noch nicht erwähnt: dort war ich noch nie. Wollte abschließend noch dem Veranstalter seine wohlverdienten Probs geben, schließlich hätte ich niemals gedacht CITY OF CATERPILLAR je live zu erleben. Der war allerdings schon untergetaucht. Danke dafür also an dieser Stelle.