15.02.2014: Biffy Clyro, Morning Parade - Hard Rock Live - Las Vegas, NV

 

Er lacht. Sie schaut fragend. Ausweis vergessen heißt "X" auf die Hand. Das schottische Touristenpärchen sieht deutlich nach Ü-18, eher auch Ü-32 aus, wird das heutige Feuerwerk im Hard Rock Live jedoch nüchtern erleben müssen. Erst einmal im Inneren des Venues angekommen, warten obligatorische Wände voll gerahmter Plektren, Sid Vicious' pinkfarbener Anzug und ein Raucherbalkon mit postkartenreifem Strip-View. MORNING PARADE aus Essex wecken pünktlich und nach knappem Intro mit "Shake The Cage" auf und verlieren sich trotz ihrer ersten Show in der Mojave-Wüste ever schnell im Sog der Stadt. "Ein wunderbarer Freitagabend!" passt in Las Vegas natürlich auch zu einem Samstag. Oder einem Dienstag. Den sympathischen und sichtlich genießenden Briten bei ihrem Handwerk zuzusehen, erinnert optisch an die aufgescheuchten und zugleich konzentrierten SLEEPING SOULS um Frank Turner, weht klanglich aber aus einer kühleren, postrockigeren Ecke. "Headlights" und die Single "Alienation" runden die Dreiviertelstunde sphärischen Indierocks ab, der zwischen synthesizerlastigen OASIS und THRICE-Einschüben einen gelungenen, wenn nicht den perfekten Anheizer für Simon Neil und Co. darstellt.

Im Hard Rock Live könnte man noch immer vom Boden essen, als "Different People" und drei erwartet nackte Oberkörper die finale Show der US-Tour von BIFFY CLYRO einleiten. Gefährlich nah an der Perfektion bewegt sich der Konzertabend auch nach dem überzeugenden Supportact. Der Sound des Trios, das live zusätzlich (und zurecht) von Keyboarder Richard Ingram und Gitarrist Mike Vennart unterstützt wird, könnte klarer und differenzierter kaum sein - trotzdem bebt das Parkett bei den oft vierstimmigen Gesängen, die "Bubbles" oder "The Captain" begleiten. Neil behält sich und seine Person zunächst in einer eigenen Welt zwischen seinen zwei Mikrofonen, persönlichem Papiertaschentuch-Spender und wenig Interaktion mit den Bühnenkollegen. Dafür knüpft der bärtige Frontmann mit den extravaganten Tätowierungen schnell die nötigen Kontakte zum Publikum, welches sich wahrhaftig zum Großteil aus Touristen zusammen zu setzen scheint.
Die routinierten (und daher zügigen) Instrumentenwechsel rauben dem Set nicht die Seele - das punktgenaue Schlagzeugspiel von Glatzkopf Ben Johnston dem Betrachter jedoch beinahe den Atem. Wenn nachtaktive Schotten handwerklich vollkommende Schotten in Las Vegas feiern, sind ein ansehnlicher Moshpit bei "Biblical", heimatliche Volkslieder in kurzen Ruhemomenten und eine Bierschlacht zu "Stingin Belle" erlaubt, Hauptsache "Black Chandelier" und die übermächtige, finale Zugabe "Mountains" prasseln vor Ende des über neunzigminütigen Sets noch auf die ca. 600 schweißnassen Besucher herab. Spätestens jetzt macht sie Sinn, die "We Are Family..."-Einlaufmusik, die BIFFY CLYRO zu Beginn auf die Bühne geleitete. Wie ein intimer Abend mit Hunderten von internationalen Freunden und dem wohl intensivsten Output, den europäischer Stadion-Progressive-Rock dieser Tage zu bieten hat, wirkt sogar die funkelnde Scheinwelt vor der Tür einen Moment lang lächerlich.
Bis an der nächsten Straßenecke die Besucher des Cirque de Soleil, der EAGLES- oder BRITNEY SPEARS-Show mit in den Sog der Strassenschlucht gespült werden. Viva Las Vegas.