17.08.2013: Rock'n'Heim Festival - Hockenheimring

 


Der zweite Tag im Leben des Festivals am Hockenheimring mit dem Auftritt des Hauptheadliners

Es ist heiß. Und staubig. Und bereits am Mittag liest man auf Facebook, dass auf einigen Campingplätzen die Versorgung mit Frischwasser hakt, die Wassertanks zuweilen sogar komplett ausgetrocknet sind, was jedoch vom Veranstalter versucht wurde, möglichst schnell zu beheben.

Samstag

Die Eröffnung des Festivaltages übernahmen die Münsteraner von LONG DISTANCE CALLING. Das erste Lied verstrich komplett ohne ein gesungenes Wort, doch diese getragenen, teilweise technoartigen stumpfen Parts in ihren weiten Klanglandschaften bedürfen fast keiner Worte. Aber es wurden nicht nur Instrumentalstücke präsentiert, die langen Songzeiten führten nur dazu, dass in dem 40-minütigem Set nur ca. sechs Lieder gespielt wurden.

ENTER SHIKARI sind einfach immer wieder ein Erlebnis. Auch wenn die Engländer (wohl aufgrund der Hitze) für ihre Verhältnisse an diesem Tag recht „zurückhaltend“ waren. Heute also nur der ganz normale Wahnsinn in Form von Stagedives des Sängers, gemeinsamen Eingehämmere auf die Synthies, dem Klettern auf Boxen und einem Schlagzeuger, der wie ein Tier auf seine Drums eindrischt. Ach ja, und der Versuch, massenhaft menschliche Pyramiden im Publikum zu bauen. ENTER SHIKARI beherrschen ihre Instrumente, Tunes und ihre Zuschauer. Schon bald lag über dem Feld eine Wolke aus Staub und Schweiß, so viele waren schon gekommen (immerhin erst die zweite Band des Tages) um zu tanzen, zu moshen und zu hüpfen.

In Großbritannien füllen die Schotten von BIFFY CLYRO bereits die Wembley Arena. Doch trotz dieses großen Erfolges wirkten die Jungs, die seit dem Kindergarten Freunde sind, als wären sie auf dem Boden geblieben, liebenswürdig, sogar schüchtern. Dennoch versprühten sie live eine Energie, die ihre Songs härter und zugänglicher machte. Von vielen eher als Mädchen-taugliche Rockband eingeschätzt, zeigten sich aber besonders die Jungs in der Menge erstaunlich textsicher.

Wir befanden uns immer noch an der Evolution Stage, als DEFTONES die Bühne bestiegen. Über ihr Set lässt sich vor allem sagen, dass es nicht viel zu sagen gibt: Der Sound war so erschreckend schlecht, dass man außer einem Bass-Matsch und Gang-Vocals nicht viel zu hören bekam. Vom normalen Gesang hörte man fast nichts, auch Sänger Chino Moreno war deswegen dermaßen wütend und pfefferte irgendwann das Mikro auf den Boden (was es letztendlich auch nicht besser machte). Aber auch sein Stagedive schlug ziemlich ein - zumindest waren die Leute in den ersten Reihen kaum auf das gefasst, was da auf sie zukam - auf jeden Fall hinterließ er einen ziemlichen Krater.

Wer kann, sollte sein Geld zusammenkratzen und zu einer der wenigen Europashows von TENACIOUS D fahren. Hier auf dem Rock’n’Heim waren sie nämlich definitiv ein Erlebnis. Wikipedia nennt sie eine komödiantische Rock-Band und gibt als Genre Hardrock an – und ausnahmsweise trifft diese Beschreibung einmal zu. Unter den Schwingen eines riesigen aufblasbaren Phönix-Hahns (im wahrsten englischen Wortsinn ein „Cock“) betraten ein paar dünne und zwei dicke Gestalten in Mönchkutten die Evolution Stage. Was dann folgte, waren Witz und Wahnsinn auf beiden Seiten des Grabens. Jack Black und Kyle Glass, die sich Liebeshymnen und Sexabenteuer zuträllerten, und ein Publikum, das in eigens angelegten Kostümen ihre Pummelchen auf der Bühne feierten und eine riesige Party schmissen. Aufregend, lustig, und vor allem auch musikalisch unterhaltsam!

Mit 15 Minuten Verspätung traten die Headliner SYSTEM OF A DOWN in die Scheinwerfer dieses bisher so pünktlichen Festivals. Es war schon beinahe ein Wunder, dass nebenan bei BOYS NOIZE überhaupt Menschen waren, denn gefühlt war der komplette Festivalgrund vor der Hauptbühne press gefüllt, lediglich in den letzten Reihen konnte man sich noch an den Essensbüdchen vorbeischieben. Kunstnebel und Tanzwut hüllten die ganze riesige Fläche in eine meterhohe Wolke aus Dampf und Staub, der bald das Atmen erschwerte und in den Augen brannte. Eigentlich ja Spartenmusik, hat sich die armenisch-amerikanische Combo so in Sachen Beliebtheit und Bekanntheit gemausert, dass alle vom Metaller bis zur Partymaus kamen, um ihren großen Puppenspieler Serj Tankian zu feiern. Und die Band zeigte, dass sie absolute Vollprofis sind, gekonnt umgarnten sie ihr Publikum, brachen z.B. Riffs in der Mitte ab, um erst nach großen Jubelgeschrei weiterzuspielen. So groß war die Euphorie und so laut sang jeder mit, dass man die kleineren Verspieler fast nicht hörte.

Heimlicher Headliner der Herzen war für viele an diesem Abend jedoch CASPER. Auch er ließ sich ein paar Minuten länger Zeit, um auf die Bühne zu kommen, und schon diese kurze Zeit reichte aus, um ungeduldige Sprechchoräle nach ihm fordern zu lassen. Zu „Auf und Davon“ platzte diese Spannung dann und entlud sich einer großen Energie, die das Publikum nach vorne treiben ließ - die gemeinsame Bewegung und das gemeinschaftliche Mitsingen ließ diesen Pulk zu einem großen homogenen Ganzen werden. Und mit dieser Masse zu spielen, sie zu animieren und emotional zu bewegen fiel einen Entertainer wie CASPER leicht: Da wurde brav gehüpft, gebrüllt, Melodien imitiert und mitgesungen, wenn es einem vom freundlichen Herrn auf der Bühne vorgegeben wurde. Auch wenn dieser Auftritt seinen anderen Sets auf anderen Festivals in der letzten Zeit extrem glich, so war es doch nicht schlimm. Denn jeder Song wurde mit Elan, Authentizität und Hingabe präsentiert. Das Set endete nach einer dreiteiligen Zugabe, mit dem Oasis Cover „Don’t Look Back in Anger“ als riesiger Chor aus Publikum und gesamter Band.Aber eigentlich hatten wohl alle auf die Präsentation des neuen Songs "Im Ascheregen" gewartet...