17.08.2014: Rock'n'Heim Festival - Hockenheimring

 


Es ist der letzte Tag des Rock’n’Heim Festivals und für viele der wahrscheinlich letzte Open Air Festivaltag des Jahres. Doch statt an diesem Tag noch einmal alles zu geben, präsentiert sich heute das Publikum etwas müde und bei den meisten der heute aufspielenden Bands als nicht gerade stimmgewaltig:
Zu diesem Eindruck soll man allerdings erst im Laufe des Abends kommen. Denn die Schar, die sich um 16:30 Uhr A DAY TO REMEMBER versammelt hat, ist einerseits bereits zahlenmäßig gut aufgestellt (verglichen mit Architects, die am Vortrag zur ungefähr selben Uhrzeit gespielt haben), vor allem aber sind alle schon extrem gut gelaunt. Da könnte es keinen besseren Einstieg in den Tag geben, als den Partycore aus Florida. Konfettikanonen und solche, die Gratisshirts in die Menge schießen, heizen die Stimmung zusätzlich an. Zu solch früher Stunde ist der Pit bereits überraschend groß und wild. Das Quintett um Sänger Jeremy liefert die passende Leistung zu diesem bunten Treiben, das auch aus einem amerikanischen High School Film stammen könnte. Musikalisch bleibt da nichts auszusetzen, abgesehen davon vielleicht, dass die Emotionen der Band bei genauerem Hinsehen etwas gekünstelt wirken.
IMAGINE DRAGONS, die danach auf der Evolution Stage spielen, sind wahrscheinlich für viele mit Vorurteilen belastet. Kommerzieller Radio-Rock mit einigen Hits eben. Und wie als wollten viele sehen, wie sich diese Radio-Band so anhört, ist bei IMAGINE DRAGONS auch ziemlich viel los. Es sind zwar mehr Leute als bei A Day To Remember, doch Stimmungstechnisch bestand hier noch sehr lange Nachholbedarf. Das liegt allerdings nicht daran, dass die vier Jungs aus Las Vegas musikalischen Quark abgeliefert hätten. Nein, denn sie eröffnen mit den radiomäßig unbekannten Songs „Tip Toe“ und „Hear Me“, die sich live als ausschweifend und progressiv gestalten. Die Band dreht sich musikalisch geradezu in sich ein, verschiedene Musiker rennen auf der Bühne zu verschieden großen Trommeln und Stand-Toms und spielen nebenher noch ihre eigenen Instrumente weiter. Doch gerade ihre sympathische, dankbare und authentische Art werden sie an diesem Tag mit vielen versöhnen. Ach ja, und die pflichtgemäß abgelieferten Radiohits.
Wenn man PLACEBO hören will, dann sollte man dies definitiv live tun. Denn dann entfaltet sich ihr kraftvoll melodiöser Sound am besten und wird zu einem großen Teil von den charismatischen Persönlichkeiten des Trios mitgetragen. Und so laden sie auch an diesem Abend ein, sich mit ihnen auf eine Reise zu begeben, die allerdings auch vom Zuhörer etwas Hingabe verlangt. Manchmal sind die Songs etwas sperrig, versenken sich sogar um die Mitte des Sets hin um „Too Many Friends“ herum für einige Zeit in ziemlich drückende Melancholie. Da wird dem normalen Festivalbesucher einiges abverlangt. Spätestens jedoch bei „A Song To Say Goodbye“ und danach „Special K“ zieht einen die Band wieder aus diesem dunklen Loch heraus und überstrahlt dieses mit ihrer Livepower. Da ist es dann auch ok, ja passend, dass die Combo aus London das ganze Set über recht distanziert wirkte. Beinahe passt es, lenken sie doch meisterhaft die Emotionen ihres Publikums.
Auf der Revolution Stage entwickelt sich währenddessen ein dermaßen andersfarbiges Alternativprogram, dass man das Gefühl bekommt aus dem Bild gekippt zu sein. Von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins ist bei den FANTASTISCHEN 4 nichts mehr, außer der Leichtigkeit des Lebens zu spüren. Zwar ist das Intro der FANTA 4 so Pyro- und Gitarren-lastig, dass es schon beinahe einem Rammstein Konzert gestanden hätte, doch danach kann man nur noch mitwippen und lächeln. Obwohl diese Typen seit 25 Jahren gemeinsam auf der Bühne stehen, sind sie doch nicht langweilig oder fade geworden. In jeder Sekunde ihres Sets würde man ihnen abkaufen, dass da Jugendfreunde gemeinsam groß geworden sind und nun ihre Kinder an Sonntagnachmittagen am Badesee gegenseitig betreuen, während sie versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen, wer der coolste Onkel ist. Mit Charm und viel Witz wird so fast jedes Lied kurz anmoderiert, die Liveband untermalt die Sprechakrobatik der vier, die mal alle gemeinsam, mal jeder für sich, Assoziationen herausfeuern und die ganze Menge zum fröhlichen bouncen bringen.
„Bei der Show von THE PRODIGY werden Stroboskope verwendet, die zu epileptischen Anfällen führen können. Laserpointer sind verboten und werden konfisziert! Schützt euer Gehör!“, ist in großen Lettern auf den großen Screens rechts und links der Hauptbühne zu lesen. Was erzeugt das? Spannung? Angst? Jedenfalls sind die Erwartungen groß, als die allerletzte Band dieses Jahr die Evolution Stage betritt. Die aufwendige Lightshow, die den Kampf wie ein buntes Gewitter gegen das Getöse der Band um Keith Flint, Maxim Reality und Liam Howlett aufnimmt, ist wirklich gewaltig. Aber das ist auch nötig, denn schließlich wird man erst dazu aufgefordert „to celebrate the noise“, damit dann proklamiert wird „we are the noise“. Mit geradezu manischer Energie wirbeln die beiden Derwisch-Dämonen Flint und Maxim über die Bühne und heizen das Publikum immer weiter an. So weit, dass es wirklich nach einigen Songs sehr kopfschmerzverdächtig wird unter all diesen Blitzen und den dumpfen Schlägen des Bass. So laut war noch keine Band des Festivals. Tritt man etwas zur Seite und beobachtet die Masse, wie sie im Kessel vor der Bühne und bis ganz nach hinten zu den Tribünen tanzt, wird man an Perlen auf einer Lautsprecherbox erinnert, die alle gleichmäßig zum Diktat der Musik hüpfen. Intensiv und exzessiv. Ein passendes Ende für das Festival auf der Evolution Bühne.
Eine andere Stufe der Entrückung gibt es dann auch zum Abschluss auf der Revolution Stage. Grafisch, absurd,, aber immer getreu dem Motto: Erlaubt ist, was (dem Publikum) gefällt. Und so wird bis 00:00 Uhr geraved und gefeiert, begleitet von Mülltüten mit Neonklebeband, Besen, silbernen überdimensionierten Fässern und Schlauchboten, die über die Menge hinweggetragen werden. Und vor allem ganz vielen Dreiecken.
Gute Nacht Rock’n’Heim und bis nächstes Jahr!