21.09.2013: Being As An Ocean, More Than Life, The Elijah, Swan Dive, Capsize - Essigfabrik, Köln

 



Letztes Jahr war das Tourplakat noch mit LAST EVER EUROPEAN TOUR betitelt, kaum anderthalb Jahre später sind MORE THAN LIFE einmal mehr auf Headliner-Tour in Europa unterwegs. Man mag davon halten, was man will – es zahlt sich aus, erst recht wenn man wie Positive Records die Möglichkeit hat, dieses Paket mit der BEING AS AN OCEAN-Tour zusammenzulegen.

Gerade rechtzeitig zu Tourbeginn haben es MORE THAN LIFE noch geschafft, ein neues Video hochzuladen. Hammer, wie sehr sich das gleich innerhalb der ersten Stunde verbreitet hat – jedem, der ein bisschen was mit Hardcore zu tun hat, dürfte es ähnlich gehen wie mir: Bei Facebook konnte man das Ding kaum übersehen, so oft wie es geteilt wurde. Zwar wollten die Engländer auf Tour gleich ihr neues Album (das für 2013 geplant war) mit im Gepäck haben, doch das hat – wie das eben manchmal so läuft mit Aufnahmen und Produktion – nicht ganz hingehauen. Nicht so schlimm – „Do You Remember…“ gibt genug Anlass zum diskutieren. Denn da hat sich ganz schön was getan im Sound. Die markanteste Änderung ist sicherlich der Clean-Gesang von Frontmann James, aber auch in Sachen Gitarrenarbeit schlägt man eine deutlich neue Richtung ein. Da hinter die Gesangsspuren jedoch Schreispuren gelegt wurden, bleibt für den heutigen Abend die Frage, wie das Ganze live vorgetragen wird.

Doch zunächst eröffnen SWAN DIVE, die sagenhafterweise gerade einmal ihre zweite Show spielen (und das vor mehreren hundert Leuten in einer sehr gut gefüllten Essigfabrik). Brandon Setta und Joey Bayes, die dieses Projekt ins Leben gerufen haben, trafen sich als die Dead Swans mit Horror Show auf Europa-Tour waren. Setta, der eigentlich in Philadelphia lebt, steht inzwischen (wie auch im Video von „Do You Remember…“ zu sehen) auch bei More Than Life hinter dem Bass, während Bayes ja seines Zeichens Gründungsmitglied dieser Band ist. SWAN DIVE jedoch geht soundmässig in eine ganz andere Richtung als die drei genannten Bands und erinnert, atmosphärisch und verspielt, eher an Indie-Rock-Acts wie die Pixies oder die Smashing Pumpkins. Zu „Fly Towards the Sun“ wurde vor einigen Monaten ein Video veröffentlicht, um die Aufmerksamen unter den More Than Life Fans ein wenig einzuweihen. Die gleichnamige EP, die 4 Songs stark ist, wurde komplett von Brandon Setta aufgenommen (auf allen Instrumenten) und über Day by Day Records veröffentlicht. Live stoßen 3 weitere Musiker zu den beiden Hauptakteuren, um das Ganze vorzutragen. Vor der Bühne haben sich schon viele Leute versammelt, die sich die Show ansehen und im Takt mitnicken. Eine Tour mit More Than Life und Departures (die allerdings heute in Köln noch nicht dabei sind) ist natürlich die optimale Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Dennoch werden sich sicherlich viele Hardcore-Jünger mit dem ungewöhnlichen Sound der Band schwer tun. Dafür, dass SWAN DIVE nach eigener Aussage vor der Tour noch nie wirklich geprobt haben, klingt das Ergebnis sehr gut. Allerdings ist nach 10-15 Minuten auch schon wieder Schluss, da es noch nicht mehr Material zu spielen gibt.

CAPSIZE aus dem sonnigen Kalifornien haben dafür, dass sie eigentlich erst mit ihrer „Live a Burden, Die a Curse“ EP so wirklich auf sich aufmerksam gemacht haben, schon ganz schön Staub aufgewirbelt – obwohl das gerade mal 3 Songs sind, die sich einer größeren Beliebtheit erfreuen. Nicht zuletzt die Unterstützung von Anchors Aweigh Records, einem der bekannteren HC-Label in Europa, dürfte das erklären. Und das merkt man heute auch in der Essigfabrik. Hinter den 3-4 Reihen Menschen, die sich vor der Bühne versammelt haben, verausgaben sich 10-15 Leute im Moshpit. Dass das mir manchmal gar nicht wirklich so passend zur Musik erscheint, lasse ich einfach mal dahin gestellt. Vor allem bei „Unwanted“ brennt die Hütte – textsicher schreit Köln Sänger Daniel seine eigenen Texte entgegen. Dieser, genau wie der Rest seiner Kapelle, zeigt sich sichtlich erfreut, weist jedoch darauf hin, dass CAPSIZE sich auflösen werden und es daher für viele die letzte Möglichkeit sein wird, die Jungs auf dieser Tour mal live zu sehen. Ein Grund mehr, richtig auszurasten. Zum Beispiel bei „Pleading“. Auch erste Stagedives sind da drin. Als zweite Band durchaus eine denkwürdige Show!

Die 2. Band im Bunde um Being as an Ocean nennt sich THE ELIJAH und kommt aus dem beschaulichen Oswestry in England. Auch diese Band wird sich nach dieser Tour auflösen und verlangt daher nochmal die letzte Ehre von den Fans ab. Ich hatte von den Jungs vorher weder auf Platte noch live etwas mitbekommen, bin aber schon gleich etwas abgetörnt, als die Banner mit dem großen „E“ hinter den Gitarristen platziert wird. THE ELIJAH entpuppt sich dann als eine sehr tighte Live-Band mit sehr vielen Clean-Passagen (gesungen vom Gitarristen) und Melodie. Angereichert wird das Ganze mit Shouts des Frontmanns Dan, die man aber meiner Meinung nach fast schon weglassen könnte. Mein Fall ist das Ganze leider nicht, gerade weil auch desöfteren mal gesampelte Klavier-Sounds und sogar Schlagzeugparts eingespielt werden, was einen leichten Playback-Charakter aufkommen lässt. Wer den hohen Gesang an A Day to Remember liebt, dem gefallen sicher auch THE ELIJAH. Für mich ist A Day to Remember gerade noch so an der Grenze und THE ELIJAH schon meilenweit darüber hinaus. Ich versuche weiterhin nachzuvollziehen, was so viele Leute daran gut finden, wenn man harte Breakdowns und Metal-Riffs mit den kitschigsten und poppigsten Sonnenschein-Chören vereint. Aber dass das Ganze schon seit längerem im Kommen ist, steht außer Frage.

MORE THAN LIFE begannen in einer Zeit emporzukommen, in denen Bands wie Have Heart oder Verse gerade mächtig am Drücker waren. So sah ich die Band zum ersten Mal Anfang 2009 mit Killing the Dream und The Carrier, als sie gerade erst ihre gnadenlos gute EP veröffentlicht hatte. Damals noch süße kleine Bubis, die sich sichtlich über jeden neuen Fan gefreut haben, hat sich das Blatt für die Kapelle ganz schön gewendet. Einige Jahre und riesige Europatouren (beispielsweise mit Defeater oder Brutality Will Prevail) später kann man dann auch mal eine „Last Ever“ Tour machen und sich ein Jahr später wieder zurück kommen, ohne dass einem wirklich einer böse sein kann. Auch davon, dass melodischer Metal- oder „Post-Hardcore“ momentan so angesagt ist, dürften die fünf Jungs aus dem Süden Englands profitieren. So stelle ich mir vor Beginn des Konzertes die Frage, ob hier nicht vielleicht sogar Being as an Ocean ein bisschen die Butter vom Brot genommen wird, wenn man MORE THAN LIFE vor ihren spielen lässt. Nach einem kurzen Intro machen diese mit „Faceless Name“ und später „I’ve lost track of everything“ gleich alles klar und lassen die Essigfabrik aufleben. Stagedives gehören bei jedem Song eigentlich eher zum Standardprogramm und es ist, als wären die Jungs nie weg gewesen. Lediglich der neue Song, bei dem logischerweise eben nicht mitgesungen wird, weist darauf hin, dass da ein neues Album in der Röhre ist. Bei „Do You Remember…“ können die ersten Reihen dann gleich schon mitsingen. Sehr schade, dass der cleane Gesang von James deutlich zu leise ist und nicht gegen Gitarren und Drums ankommt. Ansonsten ist stimmlich alles beim alten – eher gesprochen als geschrien. Die beste Live-Band sind MORE THAN LIFE immer noch nicht, dazu kommen an diesem Abend auch noch einige technische Probleme. All das tut jedoch der Feierei keinen Abbruch und insbesondere bei „Fear“ und „Love Let Me Go“ sammeln sich nochmal die ganz Enthusiastischen auf der Bühne. Dem Wunsch nach Zugabe wird dann aber nicht nachgekommen.

Der Hype um BEING AS AN OCEAN ist zugegebenermaßen ein bisschen an mir vorbeigegangen. Ich wusste nicht einmal, dass diese Band schonmal auf Europa-Tour war. Bei der zweiten Tour auf dem Kontinent aber gleich dermaßen die Hütten zu füllen, das ist alles andere als der Normalfall und beachtlich. Ich habe also meine Hausaufgaben gemacht und mich mit der Truppe aus den Staaten beschäftigt. Instrumentell wirklich sehr beeindruckend, sauer aufgestoßen sind mir allerdings die Texte, bei denen sich es ja eigentlich immer um religiöse Motive dreht. Nun ja, jedem das Seine. Auch der Gesang ist für meinen Geschmack zu monoton, um diesen Hype zu gerechtfertigen, aber dennoch freue ich mich eindeutig auf die Live-Show. Mit „Nothing, Save The Power They’re Given“ geht es also los und gleich wird klar: BEING AS AN OCEAN sind verdienterweise Headliner. Nicht nur die Interaktion mit dem Publikum ist überwältigend, auch die Bewegung und Spielfreude der Band lässt erahnen, dass da schon einige Shows gespielt wurden. Alle diese überragenden Songs, die sich nach der Beschäftigung mit dem Album im Gehörgang festsetzen, werden gespielt: „Salute e Vita“, „The Hardest Part is Forgetting Those You Swore You Would Never Forget“, oder der Titeltrack „Dear G-d“. Die Stagedives hören nicht auf und Joel Quartuccio kann sich vor Mitsingwütigen kaum retten. Spätestens als sich Gitarrist Jacob Prest kopfüber an eine etwa 3 Meter hohe Querstange hängt und so den Song spielt, dreht die Menge richtig am Rad – er verleiht damit diesem Auftritt von BEING AS AN OCEAN in Köln das Sahnehäubchen. Zur Zugabe gibt es dann den neuesten Song „The People Who Share My Name“. Und ich denke: Man darf durchaus gespannt auf das neue Output dieser Band sein. Auch live einfach überdurchschnittlich.