25.01.2014: Defeater, Caspian, Landscapes, Goodtime Boys - Gießen - Jokus

 



Hardcore-Konzerte sind in Gießen nicht gerade an der Tagesordnung - nach More Than Life im Oktober und Agnostic Front im Dezember (ausverkauft) gastieren nun jedoch auch Defeater samt Tourkollegen in der grauen Stadt an der Lahn.

Trotz happigen 21 Euro an der Abendkasse haben erstaunlich viele Menschen ihren Weg ins Gießener Jokus gefunden. Der Raum ist dementsprechend gut gefüllt, als die GOODTIME BOYS um kurz nach acht den Abend einläuten. Die Briten sind zwar nicht zum ersten Mal auf europäischem Festland unterwegs, doch auch nach einigen Deutschland-Shows ist die Kapelle für viele noch ein unbeschriebenes Blatt. Umso besser ist es, wenn man dann so punktgenau sein Set vorträgt. Zwar bewegt sich niemand mehr als mit zaghaftem Kopfnicken zur Musik, dennoch zeigen sich die GOODTIME BOYS mehr als nur dankbar für die Show und besonders für die Tour mit Landscapes, Caspian und Defeater. Die 3 Wochen durch Europa dürfte den 5 Jungs aus England noch einmal einen ordentlichen Bekanntheits-Schub geben, bis dann im Mai ihr neues Album auf Bridge Nine erscheinen wird. Musikalisch wird hier ein ziemlich wilder Mix aus Hardcore, Emo, Punk und Rock geboten, der an manchen Stellen glattgebügelt und an anderen dreckig klingt. Soundmässig bin ich gleich ein klitzekleines bisschen an Self Defense Family erinnert, da die Musik ähnlich schwer verdaulich und zugänglich ist. Der Vergleich macht umso mehr Sinn, da beide Bands auch schon eine Split veröffentlicht haben. „Dream of Life“ von dieser Veröffentlichung ist definitiv einer der Höhepunkte des Live-Sets der GOODTIME BOYS. Alle Stücke werden lupenrein vorgetragen, lediglich der leicht monotone Gesang stört mich an der Opener-Band.

Wenig später ist es dann an LANDSCAPES, den Abend ins Rollen zu bringen. So ganz gelingen mag es auch diesen 5 Jungs nicht. Werden sie anfänglich noch von ausgefallenen Mikros geplagt (die dann Rockstar-mässig auf den Boden geschmettert werden), so wirkt vor allem Frontmann Shaun Milton die kompletten 30 Minuten irgendwie angepisst und unzufrieden. Wahrscheinlich ist es nach den turbulenten anderthalb Jahren nach der Veröffentlichung von „Life Gone Wrong“ für die Band wirklich zu einer Seltenheit geworden, dass mal nur eine Hand voll mitsingt. Und irgendwie finde ich das auch richtig seltsam. Der Sound ist für mich nahezu perfekt und LANDSCAPES spielen wirklich makellos (kein Wunder wenn man ständig auf Tour ist). Wie auch auf der letzten Tour mit The Amity Affliction werden lediglich Songs des neuen Albums gespielt, so zum Beispiel „Cemetary“, „No Love“ oder „D.R.E.A.M.“ – trotz der teilweise sehr einprägsamen Zeilen bleibt die Reaktion des Gießener Publikums verhalten. Das Live-Set bietet mitreißende, aber auch ruhige Momente. Beides wird gleichermaßen unbeteiligt aufgenommen. Wenigstens der Applaus fällt warm aus. Vielleicht liegt es ja daran, dass LANDSCAPES noch nie in Gießen oder Umgebung gespielt haben? Daran, dass sie wenige Tage zuvor eine Headliner-Show in Frankfurt am Main gespielt haben? Wer weiß das schon. Fest steht, dass es dem Aufstieg der UK-Band keinen Abbruch tun wird.

Wenn der Abend für Landscapes schon so ernüchternd ausfällt, wie würde das Publikum dann wohl erst bei CASPIAN ausfallen? Ich dachte mir bei der Zusammenstellung des Line-Ups sofort: „Gewagt!“. Nicht wenige hörte ich ihren Unmut über den Co-Headliner aussprechen. Da war die Rede davon, dass man sich das zum Einschlafen anhören kann, aber nicht auf einem Hardcore-Konzert. Ja, durchaus vorstellbar, dass viele in der Szene mit solchen Scheuklappen durch’s Leben laufen. Die Reihen vor der Bühne lichten sich jedoch nicht, die Menschen bleiben eng an eng gedrängt und sind gespannt. Für manche scheinen gar CASPIAN die wahren Headliner des Abends zu sein. Und vielleicht ist es für sie von Vorteil, dass sie im Sinne von Sing-A-Longs, Stagedives und Konsorten nicht viel zu verlieren haben – da sie das gar nicht erwarten. Das hier ist von Musikern für Musiker. Wie das im Post-Rock oft so ist: liebevoll ausgeklügelt bis ins letzte Detail, angereichert mit einer Stange an Gitarren-Effekten und teilweise so tief im Sound, das eine richtige Atmosphäre im Raum entsteht. Mich verblüfft insbesondere, wie die Band mit den 3 Gitarristen beispielsweise mit Loops spielt. Es wird laut applaudiert und beherzt mitgewippt, bis CASPIAN zum Ende ihres Auftrittes dann allesamt Loops laufen lassen und denselben Rhythmus auf verschiedenen Trommeln schlagen. Das Jokus ist begeistert!

Als großes Finale stehen dann DEFEATER auf den Brettern. Wer Frontmann Derek bereits vorher durch das Jokus hatte humpeln sehen, dem dürfte es bereits klar sein: Wie die Band auch vor einigen Wochen auf Facebook verlautet hatte, hat Arachambault erhebliche Hüftprobleme. Stagedives und Konsorten sind also keine gute Idee und die Fans werden auch noch einmal gebeten, es etwas gediegener anzugehen. Dadurch verliert die Live-Show zwar ein Stückchen an Intensität, aber dennoch bleibt der Zauber um die Band. Mit „Bastards“ wird gleich zu Beginn einer der Knaller des neusten Albums „Letters Home“ präsentiert. Einmal mehr beweisen DEFEATER, wie man technische Raffinesse auf höchstem Niveau in einen mitreissenden Hardcore-Song packen kann. Neben weiteren neuen Songs werden natürlich auch ältere Hits wie „The Red, White and Blues“ oder „Empty Glass“ gespielt. Jetzt endlich taut Gießen endgültig auf. Besser spät als nie. Auf einmal können die Leute vor der Bühne Texte mitsingen, sich bewegen, crowdsurfen. Jetzt sieht das endlich mal nach einer Hardcore-Show aus. DEFEATER bemühen sich sehr, ihren Fans das zurück zu geben und verausgaben sich ebenfalls aufs Äußerste. Insbesondere bei Mastermind Jay Maas und dem neuen Drummer der Band bleibt einem einfach nur die Spucke weg. Sensationell. Der ruhigste Moment des Abends, „I Don’t Mind“, bleibt gleichzeitig auch der intimste. Aus dutzenden von Kehlen tönen Derek’s Zeilen, bis es dann wieder mit gewohnter Härte weiter geht. Auch mit der Zugabe geht das Jokus dann nochmal richtig in die Vollen. Wünschenswert wäre es gewesen, dass alle Bands so gebührend abgefeiert werden. Aber vielleicht ergibt sich das ja auf weiteren Konzerten in Gießen.