25.05.2017: Julien Baker - Berlin - Lido

 

Es ist nicht so, dass ich selten auf Konzerte gehe. Im Gegenteil. Wenn ich trotz fortgeschrittener Sozialphobie einer freizeitlichen Abendbeschäftigung nachgehe, dann besteht diese in der Regel im Besuchen von Livemusik. Da man in Berlin vom kulturellen Angebot leicht übersättigt werden kann, ist die vorherige Selektion und das anschließende Urteil demnach tendenziell eher streng. Vorfreude weicht meistens Ernüchterung, Unterhaltung wird zur Langeweile.

Trotz genau dieser Umstände hatte ich heute einen sog. Fanboymoment. JULIEN BAKER ist in Berlin. Julien Rose Baker, welche mit ihren gerade einmal 21 Jahren Lyrics von sich gibt, als hätte sie bereits 50 Jahre Lebenserfahrung hinter sich. Texte voller Wehmut und Selbstzweifeln und Schmerzen und Erfahrungen und Erinnerungen und Liebeserklärungen und Mut und...

Ihr Debut "Sprained Ankle" erschien bereits 2014 in Eigenregie auf Bandcamp, als Label-Release via 6131 Records 2015 und 2017 erneut bei Matador Records. Vor kurzem erschienen zwei neue Singles und seither steigt die Hoffnung auf die baldige Veröffentlichung eines neuen Albums. Der Bekanntheitsgrad des ehemaligen Geheimtipps wuchs in den letzten beiden Jahren enorm, durch ihren Gastauftritt auf dem letzten TOUCHÉ AMORÉ-Album wurde sie außerdem zum Szeneliebling. Kein Wunder, dass das Berliner Konzert ausverkauft war und von der Kantine am Berghain ins Lido hochverlegt werden musste.

JULIEN BAKER begann ihr Set pünktlich um 21.45 Uhr mit ihrer ersten neuen Single "Funeral Pyre". Keine Ansage, blau ausgeleuchtete Bühne, Atmosphäre zum Greifen. Bakers vertonte Fragilität durchdringt von Beginn an den kompletten Saal. Sie steht allein auf der Bühne, lediglich in Begleitung von Loopstation und Gitarre. Ab dem ersten Akkord herrscht nahezu Totenstille im Lido, fürs Flüstern erntet man böse Blicke.

Lichtwechsel, rot. Im Laufe des Abends hält sich der Lichtmensch streng an die Vorgabe, jeden Songwechsel mit einem Farbaustausch zu begleiten. "Everybody Does" als zweites. Mein persönlicher Lieblingstrack und mit seinem, je nach Interpretation, tieftraurigen Text ein Soundtrack für jedes von Selbstzweifeln geplagte Emokid. Großartig.

In "Sprained Ankle" werden wir gefragt, weshalb sich all ihre Songs um Tod drehen, mit "Blacktop" Liebesbriefe geschrieben und schwimmende Skelette in "Vessels" besungen. Der Letztgenannte stellt darüberhinaus einen von BAKERs besten Songs dar und sorgte live für weitere Gänsehautmomente.

JULIEN BAKER wird auf ihrer ewigen Debutplatte stellenweise minimalistisch mit Percussions und maximal reduzierten Drums begleitet, im Lido steht allein ihre Stimme, ihre Lyrics und ihre leicht verhallte Gitarre im Vordergrund.

Nach fünf Songs gibt es eine kurze Begrüßung und die Frage, weshalb wir (aka das Publikum) denn so leise sind, was meiner Erfahrung nach tatsächlich verdammt selten vorkommt und somit einem riesigen Lob für BAKERs Auftritt gleichkommt. Irritierenderweise zeigt JULIEN BAKER im Gegensatz zu ihren Songs unheimlich viel Humor in ihren Ansprachen, für welche ich mir für die Zukunft jedoch ein Hörgerät zulegen muss, wenn ich beim nächsten Mal etwas mehr verstehen möchte.

Für Verwirrung sorgte anschließend nicht nur der Lichtmensch, welcher die Bühne in grünes Licht tauchte - auch JULIEN BAKER stimmte einen offensichtlich unbekannten Song an, welcher mit seinem unendlich wiederholten "Tell Me You Love Me" am Ende jedes anwesende Emoherz höher schlagen ließ. Großartiger Song, welcher wieder einmal die Hoffnung auf einen möglichst baldigen Nachfolger von "Sprained Ankle" aufkeimen ließ.

Nächstes Lied: Unbekannte Distortionklänge, unerwartet laut, erwartet gut, ebenso unbekannt. Nach ausführlicher Youtuberecherche stellte sich heraus, dass es sich um einen weiteren neuen Song mit dem bisherigen Arbeitstitel "Turn Out The Lights" handelt. Stark. Die Bühne erstrahlte btw. wieder im bereits gewohnten Rotton.

Auf Grund der Hitze verabschiedeten sich meine Begleitung und ich für zwei Songs in den absurderweise angenehm luftdurchfluteten Raucherbereich und hörten die nächsten beiden Songs aus der Ferne. Als wir wieder zurückkehrten, spielte JULIEN BAKER mit "Something" einen weiteren Hit zum Augenschließen und Dahinträumen und mit "Go Home" die passende Zugabe inkl. Aufforderung zum Gehen. Na gut.

Wir deckten uns klassischerweise mit Vinyls ein und ließen den Abend kurz Revue passieren: Wunderschönes Konzert und dank der neuen Songs enorme Vorfreude auf das kommende Album. Die atemberaubende Atmosphäre wäre nur in einem etwas kleineren Rahmen noch intensiver gewesen. JULIEN BAKER sprach während des Sets selbst davon, dass sie so schnell wie möglich mit ihrem neuem Stuff zurückkommen wird. Hoffentlich dauerts nicht mehr allzu lang.

P.S. Kurzes Sorry an dieser Stelle übrigens an LAUREN DENITZIO, Frontfrau des Punkkollektivs WORRIERS - wir haben dich leider verpasst und holen das schnellstmöglich nach.