27.01.2012: Dropkick Murphys, Bouncing Souls, The Computers - AWD Hall, Hannover

 



Lächeln, Ticket, Brust, Beine, lächeln, Brust, Beine, Ticket, ein kurzer Scherz, lächeln - aber bitte den Schlüsselbund in die Hosentasche stecken. Trotz ausverkauftem Arenakonzert und Bundesligahappening innerhalb eines halben Quadratkilometers hat der Sicherheitsmann vom Einlasspersonal gute Laune.
Es ist 19.58 Uhr und Verzögerungen stehen drinnen nicht auf der Tagesordnung, wo draußen "Hannover Concerts" und "BOUNCING SOULS: 20.00h" prangern. "Sing Along Forever" lümmelt sich bereits breiig über die Flure der sterilen AWD Hall, die sonst Deichkind oder Basketballmannschaften beiheimatet. Mit gutem Willen könnten das die Souls sein. Die COMPUTERS, frech und abwertend auf 19.15 Uhr gelotst (als offizieller Beginn von Veranstalterseite wurde 20.00 Uhr angegeben), sind es leider nicht mehr. Glücklicherweise haben die Gentlemen in weiß aber noch was vom Bühnenaufbau stehen gelassen, so dürfen Grag Attonito und seine Mitstreiter aus New Jersey bei grenzwertig schwammigem Sound die East Coast beleidigen, wohlschmeckende Klassiker wie "Highway Kings" oder "Kids And Heroes" servieren und nebenbei auch zwei spannende Vorgeschmäcker auf das kommende Album liefern, die sich trotz verdünnisierter Gitarre und dem niedlich schüchternen Frontmann perfekt ins Set reihen.
Lange hält der Mob nicht durch, ohne Dudelsack und aufgereiht stumpfe "Hey-Hey-Hey"-Gesänge schmeckt das Bier aus dem Plastikbecher schnell noch schaler. Erste Kampfrufe werden zwischen die Saxophoneinlage des akustischen "Pizza Song" und "Born Free" geschmettert, dann darf man sich brav auf der Konsummeile umschauen oder ernsthaft versuchen, in den 35 Minuten Umbaupause ein Getränk zu erwerben. Letzteres klappt dank der professionellen Gastronomielogistik nicht.




Zurück in der Halle schallt ein warmer weiblicher Introgesang durch den stockfinsteren Zuschauerraum, der sich mit dem Aufblitzen der grünen Scheinwerfer in eine Art triefenden Festivalkessel verwandelt. Bierduschen, Circlepits, Fremdumarmungen. Was kostet die Welt? Die DROPKICK MURPHYS sind 2012 durchaus Begriffen wie "huge" gewachsen. Aber auch gealtert sind der dürre, deutschkundige Al Barr, der väterlich wirkende Ken Casey und ihr stattliches Orchester um Tin Whistle, Bag Pipes oder Mandoline. Neben "Devil´s Brigade" oder "Gonna Be A Blackout Tonight" muss schnell eine akustische Verschnaufpause auf Barhockern her, in der "Boys On The Docks" zwar wegen des legeren Pegels als solches erkennbar ist, aber irgendwie lächerlich und bremsend vertont wird.

Die Songauswahl beheimatet zunächst kaum Dauerbrenner, der reservierte Haufen Bostoner Kneipenbesitzer und Sportfreaks setzt lieber auf Nachwuchs wie "Peg O´My Heart" oder "Going Out In Style". Traurige Wahrheit ist und bleibt die versagende Kunst des Soundmenschen : So dröhnend und brummig bräuchte man je nach Position in der mit ca. 4000 Saufseelen ausverkauften Halle gerne auch mal vier Ohren, um "The State Of Massachusetts" oder "Shipping Up To Boston" klar auszumachen. Al Barr juckt das weniger. Er nutzt fleißig die ihm bleibenden 25 Bühnenmeter um faustschwingend anzustacheln, wo noch Bedarf scheint. Da sich Hannover fest vorgenommen hat, nicht nur tant- sondern auch trinktechnisch heute das Treppchen zu erklimmen, sind Lapallien wie die Klangqualität allerdings eher unwesentlich.
Wer sein Shirt nach den handwerklich tadellosen 90 Minuten dem eigenen Schicksal überlassen hat, dürfte heute jedoch finanziell einem gesunden Kloß im Hals entgegenblicken: mit Ticket, zwei Getränken, vielleicht einer BOUNCING SOULS-CD und einem Tourdatenhoodie als Andenken liegt der Saldo bereits im dreistelligen Bereich. Sei´s drum. Dafür ging es immerhin pünktlich los.