28.02.2015: Taking Back Sunday, Letlive., The Menzingers - The Observatory - Santa Ana, CA

 

Ein gezielter Wurf - und das Mikrofon von Jason Butler landet vier Meter entfernt zwischen Bierdosen und Plastikbechern im Mülleimer. Das Publikum tobt. Wer hier heute im Observatory seinen (mehr oder weniger) Lokalbonus geniesst, wird schnell klar. LETLIVE. zerstören erst die Bühnenbretter, dann sich selbst, dann verschmelzt die Band mit dem kochenden Mob aus halstätowierten Hardcorekids, hübsch geschminkten jungen Damen und pickligen Emo-Schülern. „The Dope Beat“ eröffnet das Spektakel, Butler wirft sich zu Boden, purzelt über die Bandkollegen wie ein Irrer und taucht auf einmal auf einem Zaun auf der gegenüberliegenden Seite des Saals auf. THE MENZINGERS haben vorher alle Mühe, die wenigen nickenden Köpfe auf ihrer Seite zu behalten. Der Sound ist pappig, der Gesang von Greg Barnett mittlerweile fast zu anständig - jener von Buehnenflummi Tom May hingegen oft schief.
„I Don’t Wanna Be An Asshole Anymore“, „Casey“ und „Good Things“ kommen heute daher wie schwammiger Indierock. Santa Ana spendet immerhin Anstandsapplaus zum Warmwerden und Mühe geben, beim Set von LETLIVE. hingegen ist aller Anstand wie weggeblasen. Gitarrist Jeff Sahyoun verschwindet inklusive Instrument im Publikum, Butler stachelt aufgedreht und unzurechnungsfähig zum Stagediven an. „Renegade 86’“ und „Pheromone Cvlt“ ergiessen sich wie ein Hardcore-Soul-Vulkan in den Samstagabend und lassen kaum eine(n) Besucher(in) unbeeindruckt.

Einen ganz eigenen Kiosk haben TAKING BACK SUNDAY für ihr Merchandise aufgebaut. Von der aktuellen Vinyl-LP bis zur Bommelmuetze ist der konsumfreudige Emocore-Freund dort bestens aufgehoben. Alle Sorge gilt derweil Drummer Marc O’Connell, der heute knappe zwei Meter über dem Bühnenboden thront. Nur so haben die massiven Leinwände Platz, auf die schon zum Opener „Flicker, Fade“ romantische digitale Schneeflocken projiziert werden. Adam Lazzara, John Nolan und Co sind (anders als befuerchtet) heute als Gastgeber mindestens ebenso beliebt wie der gefeierte Support,- wie dem allgemeinen pausenlosen Grinsen im Publikum ab Minute eins zu entnehmen ist. „What’s It Feel Like To Be A Ghost?“ und „Number Five With A Bullet“ werden Wort für Wort und lautstark begleitet - das sorgt besonders bei Lazzara für beste Laune: „In einem Instagram-Kommentar meinte gestern jemand, ich klaenge wie wie eine „Django“-Kopie“ erklärt der langhaarige Frontmann der New Yorker. „Entschudigung, Kalifornien. Ich bin im Süden aufgewachsen - und dort sprechen die Leute nunmal so…“
Zu „Bonus Pt.II“, „Stood A Chance“ und „Spin“ sitzen vor allem die mehrstimmigen Gesänge wie eine Eins, mit seinem eigenen Mikrofonhelikopter ist Lazzara bis dato eh ungeschlagen. Die nervende Umbaupause von knapp dreissig Minuten allerdings ist nicht so schnell vergessen, auch wirken TAKING BACK SUNDAY zwar eingespielt, aber auf Dauer ebenso absehbar. „You’re So Last Summer“ fesselt alle Collegekids zur Setmitte, „Cute Without The „E“ (Cut From The Team“ und „Make Dann Sure“ bestimmen das Finale und sorgen fuer vereinzelte Freudentraenen. Ein facetten- und emotionsreicher Abend und ein Line-Up, welches durch Generationen und Gemüter schneidet. Mit einem würdevoll, aber nicht makellos in die Jahre gekommenen Headliner, einem unverdient untergegangenen Support und einer explosiven, ernstzunehmenden und zugleich triumphierenden Entertainment-Sparte namens LETLIVE.