28.04.2007: GROEZROCK FESTIVAL - Meerhout (Belgien) - Tag 2

 


Die Fahrt vom elterlichen Landhaus gestaltete sich als unproblematisch und entspannt. Nach einem ausgedehnten Frühstück und mehr Schlaf als dem durchschnittlichen Groezrock- Gänger auf einem Zeltplatz normalerweise zugestanden wird erreichen wir frisch das Festivalgelände. Zwar ist es schon Mittag und Death Before Disco, MewithoutYou, Hit The Lights, Cancer Bats sowie die mit dem ehemaligen Dropkick Murphys- Sänger Mike McColgan bevorstandeten Street Dogs haben ihre Sets bereits beendet. Für die letzten fünf Songs Full Blown Chaos ist aber noch Zeit und so mischt sich Mosh mit Sonne, Pit mit Pommes und Full Blown Chaos` kalter Soundstahl mit dem von stampfenden Füßen erzeugten Staubwolken. Der Sound ist druckvoll und brachial und ihr Set sehenswert, auch wenn die Truppe um den Schwergewichtler und Grölmeister Ray Mazzola weniger durch ihre Bühnenperformance besticht.

Als nächstes galt es The Ataris auf der „We Rock Stage“ zu begutachten. Die Fans empfangen sie warm und die Band scheint in Spiellaune, doch können mich die Amis trotz sympathischen Auftretens nicht so überzeugen wie noch vor ein paar Jahren im kleinen Club. Schade eigentlich. Nach Ende ihres Sets geht es wieder schnurstracks zurück zur „Core- Stage“, wobei ich schnell merke dass Deadline nicht meine Band ist. Offensichtlich haben das andere Festivalbesucher schon vor deren Bühnenanstieg für sich entschieden, und so bleibt es im Verhältnis zu den anderen Bands relativ leer vor der Bühne.

Nachdem Kollege und Chefschreiber Torben zum Mittagsmahl anregte sitzt es sich gleich viel entspannter im Pressebereich und erste Bilanzen werden gezogen. Wie schon am Vortag entpuppt sich die bipolare Showinszenierung als für die Schreiber dieser Journale als durchaus glücklicher Umstand. Nach einigen Getränken im eigens eingerichteten Pressebereich geht es wieder zur „We Rock Stage“ um die einige Tage zuvor schon betrachteten MxPx auf der Zeltbühne zu sehen. Ihr Set unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in Köln im Rahmen der Give It A Name- Tour. Hits wie „Emotion Is My Middlename“ und „Chickmagnet“ bleiben einfach Jahre im Ohr und so singt und tanzt die Menge zu dem mit dem Schwerpunkt auf dem „Life In General“- Album aufgebauten Set. Kleines Highlight und nette Abwechslung ist außerdem das Ramones- Cover „The KKK Took My Baby Away“, bei dem frenetisch abgefeiert und die Luft einmal mehr zu einer Staubwolke entwickelt wird.

The Bronx stehen im Anschluss an den Auftritt von MxPx auf der „Core Stage“ parat, und treiben den zahlreichen Anwesenden mit ihrer Rock `N Roll/ Hardcore- Amalgamierung die Tränen in die Augen. Zum einen, wie eine unserer weiblichen Mitfeiernden bemerkte, „weil der Typ die ganze Zeit so komisch schreit, das mag ich nicht…“ und zum anderen, weil hier Coolness und Kraft mit Kübeln ausgekippt wird. Musik zum machomäßig an die Eier packen, Musik um die Sau raus zu lassen. Oder um sich wie Sänger Matt einfach mal auszuziehen. Kann bei Youtube.Com angeschaut werden. Auf jeden Fall großartig, auch ohne Nackedei.

Zurück an der „We Rock Stage“ fällt einmal mehr auf wie exakt und tonal einwandfrei die Mad Caddies in der Lage sind zu agieren. Als absolut festivaltaugliche Band hat dieser Fat Wreck- Haufen noch jeden zum Tanzen gebracht. So auch an diesem Samstag auf dem Groezrock, wobei die tanzenden Meute durch einige Luftballons über ihren Köpfen lustig geschmückt zum Skanken angetreten ist.

Nach ein wenig jazzigem Offbeat sind nun Aiden an der Reihe, und obwohl ich bei dieser Band ob ihrer letztjährigen Performance mit einiger Skepsis entgegen getreten bin muss ich im Nachhinein zugeben, dass ihre Bühnenpräsenz und ihr Engagement weit über dem Durchschnitt des Tages gelegen hat. Hier werden die Gitarristen im Minutentakt zu Saiten bewehrten Derwischen, und Sänger wiL droht sich mehr als einmal mit dem Mikrophonkabel bis zur Ohnmacht zu strangulieren. Absolut überzeugend, und besonders die anwesende Damenschaft scheint das genauso zu sehen.

Die „We Rock Stage“ beherbergt schon kurz vor dem Ende des Aiden- Auftritts die Amis von Tiger Army, und weil Schreiber in besonderen Trainingscamps lernen sich zu zerreißen kann sogar vom Beginn der drei Höllenkatzen berichtet werden. Mit Sonnenbrille, Kontrabass und schicken Spoilerfrisuren die neben den schicken Tattoos wohl mit das ansehnlichste an Psycho- und Rockabilly sind sonnen sie sich da oben auf der Bühne. Ein Set durchsetzt mit alten und neuen Hits, jedoch ohne einen besonderen Schwerpunkt auf nur eine Ära zu legen. Leider muss hier und da ein wenig nachgebessert werden, denn anscheinend fordert die hohe Temperatur heute ausnahmsweise eher bei den Bands als beim Publikum ihren Tribut. Genauer gesagt beim Schlagzeug welches irgendwie auseinander zu fallen droht. Ist aber dann doch recht zugig repariert worden, nur nachdem die ersten vier bis fünf Songs noch so richtig schön gerieben haben seifet der Rest irgendwo zwischen langweilig und nervig den Bühnenboden. Schade.

Schnell also wieder rüber zur „Core Stage“ um für Sparta Spalier zustehen. Das Zelt ist vielleicht halb gefüllt, doch die die da sind, sind total begeistert. Jim Ward `s Stimme balanciert bedächtig zwischen Hauch und Hammer, und so introvertiert wie dieser dünne Mann ist kein zweiter auf dem Groezrock. Doch trotzdem entstehen beim Anblick dieses Hänflings ganz besondere Momente. Hier sieht man fast, dass Ausdruck ein bisschen weh tun muss um beim Publikum anzukommen. Der Rest von Sparta wirkt seltsam gelöst, fast schon schwebend zwischen all diesen nebulösen Klängen. Ganz toll.

Zwanzig Minuten vor Spartas glamourösem Bühnenabgang beginnen Rise Against. Ganz klar, das Zelt quillt über vor Leuten und nicht wenige müssen draußen in der noch immer unerbittlichen Sonne der Show beiwohnen. Hits wie „Alive And Well“, „Ready To Fall“ und natürlich „Like The Angel“ werden vom Publikum textsicher mitgesungen, und mal abgesehen davon dass Rise Against ihre Hochphase auf ihrer ersten Europa Tour mit Sick Of It All hatten war ihr Auftritt solide.

Dank schön arrangiertem Zeitplan ist es möglich gleich im Anschluss an Rise Against die Krawallbrüder Converge zu beschauen. Obwohl extra aus den Staaten für diese eine Show eingeflogen wirken die vier recht entspannt, und von Jetlack keine Spur. Das Licht verdunkelt sich, und Kurt Ballou betritt festen Schrittes die Bühne. Es ertönt das Intro zum aktuellen Longplayer „No Heroes“ und so wie dieser Mann ein paar Akkorde unter die Leute zu schleudern weiß gibt es schon hier gespannte Erwartung. Und tatsächlich: Mit den restlichen auf der Bühne erscheinenden Bandmitgliedern bricht der Sturm los. Wild wie die Raubkatzen stürzen sich Converge ihrem Ruf entsprechend auf die armen Seelen vor der Bühne. Jacob Bannon `s Organ ist die infernalische Verwünschung einer jeden echten Melodie, der Schlusspunkt der organisierten Tonalität. Und es ist eine Freude diesem (menschlich) unkomplizierten Gespann beim Abriss zuzuschauen. Zwar wird ihr Auftritt von einer kleinen Schlägerei gestört, aber Bannon versteht es die Streithähne so bloß zu stellen, dass ihnen schnell die Laune vergeht. Nach „Concubine“ teilt sich die Menge: Hier Verwunderung über das gesehene, dort bestätigendes Grinsen von Die- Hard Fans.

Mittlerweile ist es sieben Uhr durch, und es wird Zeit für ein wenig Thai- Food. Für drei Euro füllt sich der Magen in passablem Umfang und alle sind glücklich.
Strung Out bestätigen im letzten Teil ihres Sets die Befürchtungen aufgrund ihres letzten Groezrockauftrittes. Stimmlich so was von daneben und außerdem auch müde dümpeln ihre eigentlich guten Songs in der warmen Abendluft so dahin – eigentlich das Schlimmste was einer Hardcorekapelle mit dezenten Metalanleihen passieren kann…

Was Strung Out an Power und Begeisterungsfähigkeit vermissen lassen geben uns dafür Terror. Rappelvoll ist die Hütte, Nacken werden eingerenkt und in der Luft liegt eine Brutalität die zu schmecken ist. Und schon brechen sie auch los, die Herren um Scott Vogel, und das gnadenlos. Er ist auch übrigens der Erste der den Sicherheitsleuten richtig Arbeit verschafft. Mehrmals fordert er das Publikum auf die Barrikaden zu stürmen, und nach einigem Zögern holen die Ordner Menschen im Akkord in den Graben. Song für Song wächst der Haufen in der Mitte vor der Bühne, und die Abseitsstehenden können sich geschockte „Ohs“ und „Ahs“ nur schwer verkneifen. Ihr Set besteht aus einer guten Schnittmenge ihrer Alben und Kleinformate. Besonders heftig brettert natürlich „Always The Hard Way“ in den geschundenen Gehörgängen. Einmal Pizza Bollo bitte… Starke Nummer.

Lagwagon und Joey „Two Stage Poses“ Cape wirken dagegen etwas abgeschlafft. Alter? Tourkatarr? Auf jeden Fall war’s schon mal besser bei den Melodic- Punks auf Kalifornien. Nächstes Mal bitte mit etwas mehr Engagement.

Ignite hingegen starten mit „Bleeding“ vom aktuellen Album „Our Darkest Days“ das Fingerpointing für Fortgeschrittene. Und überzeugen können sie nach all den Jahren immer noch wie kaum eine andere Band. Sei es mit diesen kleinen, aber schlüssigen Reden zwischen den Songs, ihrer Spielfreude oder ihrer Aufopferungsbereitschaft. Letzteres bezieht sich insbesondere auf Sänger Zoli Teglas, der trotz anhaltender Probleme mit dem Reflux- Syndrom Stimme bewahrt. „Run Run Run“ und „Veteran“ sowie „Embrace“ werden tatkräftig vom Publikum unterstützt, doch müssen Tim McIllrath und das Organ des Burn The 8 Track- Sängers bei einigen Nummern aushelfen. Klar, denn zu diesem Zeitpunkt hat Zoli noch ca. 10 Shows zu bewältigen, und ein paar Gastmusiker verschaffen dem Set zusätzliche Qualität. Wie immer und trotz erschwerter Umstände absolut sehenswert.

Und während die Sonne ihre letzten Strahlen als warmen Gruß über das zugemüllte Festivalgelände schickt (Kein Pfandsystem! Massig Frittenpappen und Nudelschälchen!) heißt es Bühne frei für Jimmy Eat World. Mit einem recht ähnlichen Set wie bei der GIAN- Tour ein paar Tage vorher in Köln erzeugen Jimmy Eat World gekonnte „weiche“ Klänge die angenehm in den Ohren schmatzen. Und sie sind in Spiellaune, die Amis. Selten habe ich Sänger Jim so gelöst und offen erlebt, sei es bei „Bleed American“, „Sweetness“ und natürlich auch „Pain“. Ob sanftes Wiegen, herbes Gehopse oder trockener Wüstenpogo (der Staub ist unerträglich…), die Fans greifen jede Stimmung wohlwollend auf. Wie immer ein Ohrenschmaus. Doch irgendwann wird es leerer, die Leute ungeduldig und hibbelig. War da nicht noch ein Headliner?

Drüben, auf der „Core- Stage“ stimmt jemand eine kellertief, im schmerzvollen Bereich verzerrte Gitarre. Und da hört man einen Bass so böse wie ein Donnergrollen. Es wird hinübergeeilt, schnell irgendwo ein freier Fleck bezogen bis selbst vor der Zeltwand Menschen stehen. Es wird überdeutlich: Hatebreed sind der kleinste (oder vielmehr „größte“) gemeinsame Nenner auf den sich die Festivalbesucher einigen können. Und plötzlich geht es los, wie eine Wand trifft dieser fast schon gewalttätige Sound auf die Menschenmassen die da ausharren. Jamey Jasta Hat die Menge wieder einmal so was von unter Kontrolle – Es ist zum fürchten. Hände hoch, Springen, totaler Mosh: Jamey befiehlt und die Menge gehorcht. Doch kann sie überhaupt anders? Hier werden die letzten Kräfte für „This Is Now“ und „I Will Be Heard“ mobilisiert, die Freundin vor moshenden Ungetümen beschützt. Es muss einfach noch mal richtig gefeiert werden bevor es nach Hause oder auf den Zeltplatz geht, dafür sind wir schließlich hier, oder? Und dass die Lost Prophets nebenan noch mal versuchen Stimmung zu machen merken die Anwesenden erst als sich Hatebreed von der Bühne runter feiern lassen. Aber wer Shirts für 25 Euro das Stück an den Mann oder die Frau zu bringen versucht gehört auch einfach ein bisschen bestraft…

Und hier die Links zu den Galerien:


Groezrock 2007

WE ROCK STAGE

10:30 11:00 Death Before Disco
11:20 11:55 Hit The Lights
12:15 12:50 The Streetdogs
13:10 13:50 The Ataris
14:15 15:00 MXPX
15:25 16:10 Mad Caddies
16:35 17:20 Tiger Army
17:45 18:35 Rise Against
19:00 20:00 Strung Out
20:30 21:30 Lagwagon
22:00 23:00 Jimmy Eat World
23:30 00:30 Lostprophets

EASTPAK CORE STAGE

11:00 11:30 MeWithoutYou
11:55 12:25 Cancer Bats
12:50 13:25 Full Blown Chaos
13:50 14:30 Deadline
15:00 15:40 The Bronx
16:10 16:50 Aiden
17:20 18:05 Sparta
18:35 19:20 Converge
20:00 20:45 Terror
21:30 22:20 Ignite
23:00 00:00 Hatebreed

Alte Kommentare

von ratatoesk 05.05.2007 13:17

Bin ich der einzige der den Sound bei Hatebreed komplett unterirdisch fand? Das war einer der beschissensten Auftritte die ich je gesehen hab.