28.06.2017: JIMMY EAT WORLD, RAZZ - Berlin - Huxleys

 

Mit einer Ende 2016 erschienenen neuen Platte namens „Integrity Blues“ und über 20 Jahren Bandgeschichte auf dem Buckel, laden JIMMY EAT WORLD am 28. Juni ins Berliner Huxleys ein. Unter dem schwülen Abendhimmel kostet sogar das Biertrinken überdurchschnittlich Kraft, sodass sich der Einlass etwas verzögert. Im Konzertsaal angekommen, sind die jungen Musiker von RAZZ bereits am Werk. Eine an MANDO DIAO erinnernde Stimme mit einer Note Jugendlichkeit gleitet über eine recht glatte Klangwelle irgendwo zwischen Disco Beat und sphärischer Gitarrenmusik. Die Bühnen- und Lichtshow liegt in der Größenordnung, die ein Major-Label hinter dem Künstler-Quartett vermuten lässt – Annahme, die im Zuge der Nachrecherche validiert werden kann. Dennoch ist die Wahl von RAZZ als Opener nicht komplett verfehlt, denn die rauen Töne haben eine gewisse Schnittmenge mit den seichteren Seiten des Hauptacts. Die Band bedankt sich mit heiserer Stimme nach etwa 30 Minuten Vorprogramm und eröffnet eine etwa halbstündige Umbaupause.

Erfreulicherweise kreuzt das Berliner Publikum am Mittwochabend zahlreich auf, sodass das Huxleys auch auf der hinten aufgestellten Tribüne großzügig besetzt ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass JIMMY EAT WORLD neben diversen Festivalauftritten dieses Mal nur zwei Shows in Deutschland spielen. Wie dem auch sei, es ist Showtime und die Emo-Dinos eröffnen mit „You With Me“ – dem Opener des aktuellen Albums – den Abend. Während das Schlagzeug im Hintergrund zu kämpfen hat, ertönt Jim Adkins Gesang mit der gewohnten, und dennoch beeindruckenden, Brillanz und Stimmstabilität. Der zurückhaltende Anfang wird im zweiten Zug von einem brachialen Klassiker mit dem Titel „Bleed American“ abgelöst. Nickende Köpfe eines durchaus gemischten Publikums machen sich breit und die spitzen Riffs sind fast schon zu laut, jedoch zu gut, um tatsächlich störend zu wirken.

Mit „I Will Steal You Back“ vom Album „Damage“ verbessert sich das Gesamt-Soundbild erheblich und mit „Get Right“ kommt der Punch von Bass und Schlagzeug endlich zum Tragen. Die neueren Songs werden zwar mit Kopfnicken vom Großteil des Publikums zur Kenntnis genommen, allerdings scheint es eher für Klassiker wie „Lucky Denver Mint“ und die Ballade „Hear You Me“ hier zu sein. Ein rascher Snaredrum-Wechsel und die Hitparade wird fortgesetzt: „If You Don´t, Don´t“ klingt kraftvoll und frisch, als wäre der Song gerade erst entstanden. Und auch die erste Auskopplung des bereits 10-jährigen „Chase This Light“, „Big Casino“ wird von Adkins überzeugend zum Besten gegeben. Auch der Rest der Band ist warm und das lässt der Frontmann die Anwesenden mit einer emotionalen Danksagung wissen: Es sei nicht selbstverständlich in solch einem großen Saal spielen zu dürfen.

Zur Belohnung und Wertschätzung folgen der starke Prog-Rock-Knaller „Pass The Baby“, „Just Tonight“ vom Album „Futures“ und „Blister“ aus frühen Emo-Tagen. Spätestens jetzt scheint jeder Besucher und jede Besucherin positiv gestimmt, was mit „For Me This Is Heaven“ noch einmal unterstrichen wird. Für mich, scheint dies der Höhepunkt der Show zu sein. Band und Publikum kommunizieren – die Message kommt an – 100 % Emo.

Für einen erfrischenden Neustart sorgen JIMMY EAT WORLD mit „Always Be“ und auch der Power-Popsong „Prais Chorus“ lässt nicht lange auf sich warten. Von diesem Song wird einem einfach nicht langweilig. Und auch der etwas in sich gekehrte „Lucky Denver Mint“ ertönt authentisch und ehrlich. Habe ich gerade Höhepunkt getippt? Ja, aber dabei hatte nicht bedacht, dass eine gewisse Emo-Ballade namens „23“ noch nicht gespielt wurde. Das 7-minütige Gefühlsspektakel dringt von der Huxleys-Bühne bis in die letzte anwesende Seele. Als sollten alle die Emotionalität des Moments noch ein wenig länger auskosten, folgt mit „Work“ einer meiner Lieblingssong von „Futures“. Aber JIMMY EAT WORLD können ja nicht nur soft und befindlich, sondern auch nach vorne peitschen: Mit „Pain“ wird ein hervorragendes Hauptprogramm beendet.

Als wüssten wir es - und die Band es natürlich auch – wird direkt nach einer Zugabe gerufen. Gewiss, denn was wäre ein Abend mit JIMMY EAT WORLD ohne den College-Rock-Smash-Hit „The Middle“? Eben, nur eine halbe Sache. Zur Erinnerung an das jüngste Album wird auch die Single „Sure And Certain“ angestimmt, um mit dem Power-Emo von „Sweetness“ einen durchweg erfreulichen und gelungenen Mittwochabend in Berlin abzuschließen. JIMMY EAT WORLD sind nach über 20 Jahren weiterhin so überzeugend, dass ihre Musik einem zeitlos vorkommt. Wahrscheinlich ist sie es auch.