29.03.2011: Doyle, The Chariot, Mychildren Mybride - Backstage Club - München

 

Schon irgendwie merkwürdig. Da kommen THE CHARIOT, mithin eine der besten, wenn nicht gar DIE beste Liveband dieses verdammten Planeten wieder auf Tour (zum fünften Mal mittlerweile) und jedes Mal wird es leerer. Rational erklärbar ist das nicht, schließlich nimmt der Christenfünfer aus Atlanta ja erfahrungsgemäß so ziemlich jeden Laden komplett auseinander und sorgt stets für freudige Gesichter. Woran lag’s also, dass sich letztlich nur ca. 50 Besucher zum Stelldichein im Münchener Backstage zusammen fanden? OBITUARY im größeren Saal nebenan dürften da wohl kaum der Grund gewesen sein. Vielleicht lag’s ja am Support. Denn statt einer ordentlich gehypten Truppe wie IWRESTLEDABEARONCE auf der letzten Tour waren diesmal zwei Bands im Vorprogramm zu begutachten, die über eine weit geringere Popularität verfügen.

Den Anfang machten die Franzosen DOYLE, die mir zuvor noch überhaupt kein Begriff waren. Überhaupt war ich überrascht, dass statt den im Vorfeld angekündigten zwei Bands nun doch drei aufspielen durften. Und ohnehin: Überraschungen. Die fünf Musiker wussten nämlich tatsächlich durch die Bank zu überzeugen. Mit Herzblut und viel Bewegungs- und Spielfreude heruntergespielter Post-Hardcore war das, der sich nicht auf Schema-F verlässt, sondern durch lang gezogene atmosphärische Instrumentalpassagen und Songwriting der ausgeklügelten Sorte tatsächlich eigene Akzente setzen kann. Augenzeugen der Stuttgart-Show berichteten mir von einem recht blutigen Zwischenfall, als der junge Gitarrist der Band im Eifer des Gefechts seinem ausgesprochen agilen und sicheren Frontmann einen wohl recht schmerzhaften Hieb mit seinem Instrument am Kopf verpasste. Derlei Aktionen gibt es heute nicht zu sehen, doch wenn schon kein Blut, so fließt doch zumindest der Schweiß in Strömen und auch ansonsten sind keine Nachwirkungen festzustellen. Stattdessen deutet die Band schon einmal an, was einen später in geradezu infernalischen Ausmaßen beim Hauptact (deren einer Gitarrist dann auch gleich mal einen kleinen Gastauftritt während des Sets hat) des Abends erwartet: die volle Ausnutzung des Raumes, inklusive halsbrecherischen Kletteraktionen. Mit denen ist definitiv noch zu rechnen!

Ein schöner Einstieg also, doch dann ging es rapide bergab. Mit MYCHILDREN MYBRIDE betraten wenig später fünf ehemalige Labelmates von THE CHARIOT die Bühne, die so wirkten, als wollten sie den Beweis antreten, dass Metalcore zu weiten Teilen eben mittlerweile doch nicht mehr ist als lieblos aneinandergereihte Breakdowns und das eine oder andere Death Metal-Riff der belanglosesten Sorte. Ganz ehrlich: was eine solche Band bei einem doch recht rennomierten, wenn auch sicherlich zwiespältigen Label wie Solid State Records und erst recht auf dieser Tour verloren hat ist mir schleierhaft. Klar, abgeklärt sind die Burschen und versuchen auch immer wieder, das Publikum zu motivieren. Doch abseits von einigen wenigen Anwesenden, die auch noch gewillt sind, den dreißigsten generischen Moshpart mit wildem Armwedeln und Spinkicks aus dem „Mixed Martial Arts für Anfänger“-Kurs zu quittieren ist da völlig zu recht wenig zu holen. Ganz ehrlich: ein dermaßen belangloser und uninspirierter Aufguss dieses Stils ist mir schon lange nicht mehr untergekommen.

Lieber schnell weiter zum eigentlichen Grund (nicht nur) meiner Anwesenheit. Ich sehe THE CHARIOT heute bereits zum vierten Mal und bisher schaffte es die Band noch jedes Mal, mich aufs Neue nicht nur zu überzeugen, sondern auch zu überraschen. So auch an diesem Abend. Zunächst darf jedoch noch Dan Jones, seines Zeichens eine Hälfte des Spoken Word-Indie-Duos LISTENER ran, um im energischen Poetry Slam-Stil einen seiner durchaus gewitzten Texte vorzutragen. Merke ich jedoch leider zu spät, denn bei meinem Wiedereintritt in den Backstage Club ist die Lunge zwar geteert, der Mann aber auch schon gerade bei seinem letzten Satz angelangt. Schade. Warum LISTENER nicht ganz regulär im heutigen Vorprogramm spielen können bleibt ein Rätsel. Zeit genug wäre definitiv gewesen und eine Abwechslung vom strunzlangweiligen Metalcore von MYCHILDREN MYBRIDE mehr als willkommen. Aber sei’s drum. Denn wenige Sekunden später bricht die Hölle los. THE CHARIOT starten ihre Show und überraschen abermals. Sie haben nämlich offensichtlich mitgedacht und kurzerhand ihren Auftritt vor die Bühne verlagert. Nur der Schlagzeuger darf von oben einen Blick auf die Szenerie werfen. Wenn er neben dem energischen Malträtieren seines Instruments noch die Gelegenheit dazu hat. Was er sehen könnte ist eine übliche Show seiner Band. Aber was ist bei THE CHARIOT schon üblich oder gewöhnlich? Schließlich beweisen sie jedes Mal aufs Neue, dass Saiteninstrumente eigentlich tödliche Waffen sind und dazu auch noch ausgezeichnet dazu geeignet, im hohen Bogen durch die Luft geschleudert zu werden. Wer da nicht aufpasst hat schneller eine Beule im Gesicht, als ihm lieb ist. Fragt nur mal den armen Kerl, der sich nach einer unliebsamen Bekanntschaft mit einem Basshals mehrfach in den Mund greift um zu sehen, ob auch wirklich noch alle Zähne vorhanden sind. Hoffen wir das Beste. So was passiert eben im Eifer des Gefechts und geschont wird hier weder Band noch Publikum. Das dreht nämlich zu weiten Teilen völlig hohl und begibt sich immer wieder bereitwillig in die Kampfzone, die so eine „gewöhnliche“ THE CHARIOT-Show eben ist. Sänger Josh Scogin gibt da natürlich nur all zu gerne das Mikro ab und lässt auch mal ganze Passagen, wie beispielsweise den Chor im großartigen „The City“ von seinem frenetischen Publikum intonieren. Als dann bei „David De La Hoz“ abermals Dan Jones die Bühne entert und sich an der dort hängenden Box festklammert um voller Inbrunst seinen kurzen Part in diesem Song zum Besten zu geben hat auch der letzte verstanden: hier geht es um alles. Das sind Vollblutmusiker, die Abend für Abend völlig in ihrer Musik versinken und sich von ihr leiten lassen. Dass dabei ein einziges großes, unglaublich liebenswürdiges Chaos zustande kommt ist eben vor allem den hochenergetischen Songs geschuldet.

Abermals also bestätigt sich der Eindruck, dass THE CHARIOT im aufgenommenen Zustand schon eine sehr gute Band sind, live jedoch tatsächlich zum intensivsten, spannendsten, unterhaltsamsten und ja schlichtweg großartigsten gehören, was ein Mensch heut zu tage erleben kann. Die beste Show, der ich beiwohnen durfte seit, ja seit dem letzten Konzert dieser Band eben. Eine absolute Macht!

Alte Kommentare

von Maxx 08.04.2011 12:25

Definitiv ein cooleres Review als von der Köln-Show, auf der ich war...

von bing 10.04.2011 14:12

gutes review. schade, dass ich nicht hinkonnte...

von awesom-o 11.04.2011 09:57

war gut. war ernstaunt, wie die leute bei the chariot doch noch ziemlich abgegangen sind, war ja wirklich ziemlich leer.

von Hanjo 12.04.2011 18:27

"Abermals also bestätigt sich der Eindruck, dass THE CHARIOT im aufgenommenen Zustand schon eine sehr gute Band sind, live jedoch tatsächlich zum intensivsten, spannendsten, unterhaltsamsten und ja schlichtweg großartigsten gehören, was ein Mensch heut zu tage erleben kann." WORD! Da ist nichts hinzuzufügen... Auch wenn ich der Band höhere Zuschauerzahlen wünsche, haben die kleinen Chaoscore-Konzerte halt doch meistens einen großen Vorteile: man kann die Show genießen und abgehen, ohne Prollo-Typen & "Szene-Nazis"...