29.01.2016: FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS, SKINNY LISTER, WILL VARLEY – Köln - Palladium

 

Ich bin wirklich ein glücklicher Glückskpilz: Nachdem ich im Skaters Palace in Münster vor drei Wochen schon auf der ersten Deutschland-Show von FRANK TURNERS aktueller Europa-Tour dabei sein durfte, ist es jetzt schon wieder so weit, und der Weg führt mich heute ins Kölner Palladium, welches mit Platz für 4000 BesucherInnen locker doppelt so groß wie die Münsteraner Halle ist. Wie bei so vielen Konzerten auf der Tour, ist es Turner in Köln aufs Neue gelungen, das Ding auszuverkaufen, gleichzeitig ist es außerdem die größte Headline-Show seiner bisherigen Karriere außerhalb des Vereinigten Königreichs und Abschluss der mehrwöchigen Tour durch Europa mit seinen Xtra-Mile-Recordings-Kollegen WILL VARLEY und SKINNY LISTER. Alle Zeichen deuten also schon im Vorfeld darauf hin, dass es ein denkwürdiger Abend werden könnte.

Den Anfang macht wieder WILL VARLEY aus Kent, der schon als er die Bühne betritt überwältigt von der Größe der Halle ist; wie er meint eine erfrischende Abwechslung zu seinen üblichen Shows in britischen Pubs. Im Gegensatz zu der Münster-Show wird mir diesmal die Sicht auf die Bühne nicht von störenden Säulen versperrt und es lässt sich feststellen: Der Herr weiß, wie man ein Publikum unterhält, er scheint so gar nicht eingeschüchtert von der Menschenmasse, der er gegenüber steht und liefert für eine halbe Stunde eine humorvolle Show ab, die Lacher hat er auf jeden Fall auf seiner Seite. Die mal mehr, mal weniger ernsten Stücke über T-Mobile-Werbungen, Spam-Mails oder die Geschichte der Menschheit werden nicht zwingend in der festen Album-Version durchgezogen, sondern es wird sich die Freiheit genommen, das Becken vom schon aufgebauten Drumset von SKINNY LISTER am Anfang von  „Weddings & Wars“ als Urknall-Simulator zu nutzen, oder einfach mitten in den Songs zu unterbrechen und deren Inhalt auf seine ganz eigene quirlige Art dem Publikum näher zu bringen. Ein wirklich lustiges Kerlchen, der Mr. Varley. Bleibt nur zu hoffen, dass er bald auch Deutschlands kleineren Clubs einen Besuch abstattet und man ihn so im Vergleich in seiner natürlichen Umgebung erleben darf.

Als zweiten Support gibt’s mit SKINNY LISTER aus London die Sorte Folk-Rock auf die Ohren, die zum Schunkeln und Mitgrölen einlädt. Ist jetzt nicht ganz meine Musik, aber die sechs auf der Bühne geben wie am Anfang der Tour in Münster wieder Vollgas und auch der Kontrabassist lässt sich nicht lumpen und geht wie auch schon vor drei Wochen (und wahrscheinlich wie an jedem Abend der Tour) mit seinem Instrument, auf dem in Anlehnung an Woody Guthrie „This Machine Kills Dubstep!“ steht, auf kleine Crowdsurf-Reise. Man könnte das Ganze vielleicht choreographiert und absehbar nennen, aber irgendwie ist’s ja auch ganz lustig und schließlich tritt man ja auf so einer Tour durch die gesamte Republik jeden Abend vor ein neues Publikum.

Um Punkt 10 ist es dann endlich so weit und FRANK TURNER und seine SLEEPINGS SOULS eröffnen Show #1826 mit "The Next Storm", und schon jetzt lässt sich erahnen, dass das heute was ganz besonderes werden könnte; die Band hat das Publikum vom ersten Akkord an auf ihrer Seite, und beim zweiten Song „The Road“ gibt’s im Saal eigentlich schon kein Halten mehr, die vordere Hälfte der Halle ist auf jeden Fall schon in Partystimmung; es wird getanzt und jedes Wort mitgeschrien. So muss das, Köln. Auf dich ist doch immer wieder Verlass. Im ersten Teil des Sets wird der Motörhead-Klassiker „Ace of Spades“ in Gedenken an den kürzlich verstorbenen Lemmy Kilmister zur Hälfte angespielt; das Münsteraner Publikum bekam vor wenigen Wochen nur die ersten paar Takte zu hören. Wie Turner meint, kamen bei jeder Show ein paar dazu. Das Palladium dankt es ihm mit jedenfalls mit einer noch ausgelasseneren Stimmung.

Was ich an FRANK TURNER-Shows wirklich zu schätzen weiß, ist, dass keine Setlist der anderen gleicht; während andere Bands dieselben Songs von Stadt zu Stadt aufs Neue wiederholen, kramt der Folk-Rocker auch immer mal wieder ein paar alte Schinken aus seiner riesigen Liedkiste hervor. Für den Solo-Teil, bei dem die SLEEPING SOULS für eine kurze Verschnaufpause hinter der Bühne verschwinden, hat er für das Palladium „St. Christopher is Coming Home“ und „A Decent Cup of Tea” ausgewählt. Aber auch abseits der fest in jedem Set verankerten Klassiker wie „Peggy Sang The Blues“, „Photosynthesis“, „I Still Believe“ (bei dem WILL VARLEY das kleine Mundharmonika-Solo übernehmen darf) oder „Four Simple Words“, bei denen heute einfach die ganze verdammte Halle durchzudrehen scheint, werden mit „Love Forty Down“, „Love Ire & Song“ (über das ich mich sehr gefreut habe) und „I Am Disappeared“ (über das ich mich noch mehr gefreut habe) auch ein paar mehr oder weniger aktuelle Raritäten zum Besten gegeben, die man sich öfter für Live-Situation wünscht, aber nur mit ganz viel Glück zu hören bekommt. Eine Setlist, die die Fans der ersten Stunde, aber auch die eher neuere Anhängerschaft des englischen Singer-Songwriter-Barden gleichermaßen zufrieden stellen müsste.   

Das hier ist jetzt mein sechstes FRANK TURNER-Konzert, und ich muss sagen; bisher auch mit Abstand das Beste. Normalerweise bin ich ja eher eine Verfechterin von intimen Clubshows, aber seine Musik funktioniert auch (und vor allem) perfekt in den großen Hallen. Der Herr versteht es einfach, auch in 4000er-Sälen eine Nähe zum Publikum aufkommen zu lassen, nicht ganz unnütz sind dafür wahrscheinlich seine Bodenständigkeit und kleine, ausgefallene Aktionen wie das Crowdsurf-Rennen der zwei Jungs von SKINNY LISTER während der neuen Hau-Drauf-Nummer "Out Of Breath", bei dem das Ziel darin besteht, die sich hinten im Palladium befindlichen Shot-Becher als Erster auf die Bühne zu bringen, damit der Frontmann mit der gesamten Band auf das Ende ihrer über 60 gemeinsamen Konzerte andauernden Welttour (immerhin hat Turner SKINNY LISTER jetzt schon seit September letzten Jahres im Schlepptau) mit einem Drink anstoßen kann. Irgendwie lässt sich das Ganze als großer Kindergeburtstag für Erwachsene und alle, die es noch werden wollen, beschreiben. Oder eben auch nicht, denn wie es heute Abend aus 4000 Kehlen klingt: „I won’t sit down, and I won’t shut up. And most of all I will not grow up!“