30.03.2013: Deftones, Periphery - Bayou Music Place - Houston, TX

 

In der Biografie „Control“ spielt Sam Riley überzeugend den britischen Sänger Ian Curtis, der sich 1980 das Leben nahm. Weder derartig zugedrogt noch sichtlich unterernährt wirft sich Chino Moreno heute muntern und in gutem Gedenken in sein JOY DIVISION T-Shirt – und anschließend dem texanischen Mob vor die Füße. Bevor die DEFTONES überpünktlich ihr Intro in die dunkle Halle entlassen, haben PERIPHERY bereits souverän mit meisterhafter Gitarrenarbeit neben zerstückelten Schaufensterpuppen und Prog-Metal-Kunst abgeliefert. „Enjoy yourselves, motherfuckers!“ verabschiedet der nimmersatte Frontmann Spencer Sotelo sich und seine 5-köpfige Armee, nachdem „Have A Blast“ oder „Icarus Lives“ in Houstons Bayou Music Place nicht nur viele Ohren, sondern auch zahlreiche Münder geöffnet haben.




Ein sympathisches Venue ist die eingebettete Arena inmitten der hässlichen Innenstadt nicht gerade: Die Parkgebühren von sieben Dollar werden noch deutlich übertrumpft von den hiesigen Gastropreisen – wer heute in Geberlaune ist, kann nach Ticketkauf und Wochenenddurst schnell in dreistellige Beträge abrutschen. Nach den ersten Takten von „Rocket Skates“ interessiert sich niemand mehr für die sechs fälligen Dollar pro Fläschchen Sprite. Moreno, Gitarrist Stephen Carpenter, Abe Cunningham sowie „Neu“-Basser Sergio Vega und der versteckt agierende Frank Delgado an Keyboards und Mac haben ausgeschlafen und alle Hausarbeiten erledigt: Das Schlagzeug brät knackig und auf den Punkt, die Riffarbeit von Carpenter und Moreno ist bestimmt und glatt, beinahe wie direkt aus dem Studio. „My Own Summer (Shove It)“ oder „Minerva“ schleudern aus den Boxen, in Verbindung mit den Kreischerzeugnissen des ziegenbärtigen Sängers wird der Standpunkt der DEFTONES klar definiert: „Koi No Yokan“ war ein weiteres Bandlevel, live gelten weiter zusätzliche Spielregeln.




Ob von den Maßstabsalben „Around The Fur“ oder „White Pony“ (u.a. „Be Quiet And Drive (Far Away)“, „Digital Bath“, „Passenger“) oder aus den „frischeren“ Notenheften („Diamond Eyes“, „Tempest“) – die Kalifornier stemmen alle Lasten allein und wie von Geisterhand. Über hundert Minuten gibt es kaum Verschnaufmomente – und wenn, werden scherzend die Modellnamen der BH´s verlesen, die auf die Bühne fliegen oder kurzerhand Publikumsstreitigkeiten geschlichtet. Im Mittelpunkt steht durchgängig das musikalische Pfund, das heute seinen Tourabschluss in Houston finden soll. Ein andauerndes Grinsen steht den Bandmitgliedern glaubhaft ins Gesicht geschrieben, bevor es in den Flieger nach Hause geht. Statt unnötiger Pyroshow gibt es „Back To School“ und „Poltergeist“, statt Arroganz auf der Bühne das beherzte und wiederholte Bad im Publikum. Nach erst Aufs, dann Abs und schließlich neu gezogener Startlinie rücken die DEFTONES nahe zusammen und versüßen den Samstagabend mit einer Wucht aus Alternativerock, ihrer Interpretation von Metal und Stadionelementen - inklusive eines Bassdrumsounds, der jedem Herzschrittmacher die Leviten lesen würde. Das Bayou Music Place schleudert Respekt und Bierduschen im Gegenzug, bis nach drei Zugaben auch der letzte Anwesende bedient ist.








Ob schizophrene Tanzschritte auf DEFTONES- oder Sotelos Maßstabs-Stagedive über drei Meter Graben auf PERIPHERY-Seite (nach dessen „Passenger“-Guestspot am Mikro) – auf dem ewigen Fußweg zurück ins Parkhaus bleibt vor allem ein monströses Konzertevent mit zwei unverkrampften, lebendigen und affinen Livebands im Gedächtnis kleben, dass die „35“ auf dem T-Shirt-Preisschild am Merchandisetisch schon fast unkenntlich kritzelt...