30.11.2013: Less Than Jake, Anti-Flag, Masked Intruder, Get Dead - The Fonda - Hollywood, CA

 

Ob die Bühne des charmanten Fonda Theaters mitten auf dem Hollywood Boulevard heute viel zu groß oder die Dachterrasse mitsamt Bar und Taco-Cart auch ohne Band-Aufgebot einen Besuch wert wäre? Für rhetorische Fragen lässt die Fat Tour 2013 mit ihrem hochkarätigen Line Up keinen Platz. GET DEAD stolzieren Punkt 19 Uhr durch ihr Set wie eine überambitionierte und stocknüchterne Hardcore-Band mit Anfang zwanzig. "Bartender" wird ebenso tight wie rotzig gespielt, "Eight bucks for a Pabst is fuckin' ridiculous" sprudelt es noch während des Openers aus Sänger Sam King in Richtung Tresen. Das Quintett aus San Francisco macht auch musikalisch keine Gefangenen, liefert aus vier Kehlen dynamisch ab und ist im Gegensatz zu manch volltrunkener Europashow heute kaum wieder zu erkennen. Trotz (oder gerade wegen?) des fatalen Autounfalls der Band einige Tage zuvor scheinen Bier und Shots nach "Welcome To Hell" und "One Foot In The Grave" allerdings umgehend wieder zu schmecken.



So kann sich MASKED INTRUDERs persönlicher Partycop voll und ganz auf seine Abendaufgabe - die Motivation des kalifornischen Publikums - konzentrieren. Während "Stick'em Up" und "I Don't Wanna Be Alone Tonight" zunächst mit, ab dem überschnellen "Breakin'" dann auch ohne Shirt, durchgehend jedoch so humorvoll und unberechenbar wie die bunt maskierten Poppunker selbst. Nachdem Intruder Blue das feierfreudige Hollywood im alltäglichen (und richtigen) Umgang mit der Polizei geschult hat, zwingt ebenso der Versuch einer schüchternen Zuschauerin, sich den weiblichen Vocals zu "Heartshaped Guitar" anzunehmen zum schmunzeln. MASKED INTRUDER hetzen pausen-, aber handwerklich nicht ganz makellos durch ihr gut vierzigminütiges Set, Gitarrist Green überzeugt sich im Pit persönlich von den vorherrschenden Tanzqualitäten und neues Songmaterial lechzt nach einem Nachfolger zum Debütalbum.



Knappe zwei Dekaden von jenem entfernt finden sich Justin Sane und seine Band anschließend als Co-Headliner wieder. "The Press Corpse" klingt auch viertausend Kilometer von zu Hause entfernt wunderbar aus Hunderten von Hälsen und zu fliegenden Bierbechern (8 Dollar, Kids - schon vergessen??), neben dem riesigen Circlepit kocht auch Basser Chris #2 zur Höchstform auf. "You've Got To Die For Your Government" und "This Machine Kills Fascists" kennen vielleicht kein Haltbarkeitsdatum, #2's fortwährende Aufrufe zum Weltklasse-Slamdancen und Mitklatschen hingegen schon. Bei einem Uhrwerk wie ANTI-FLAG jedoch kann gut und gerne über unnötige Publikumsanstachelungen hinweggesehen werden. Zu makellos preschen dafür "One Trillion Dollars", "Fuck Police Brutality" und "Broken Bones" aus den Boxen, zuviel Spaß macht die lebendige Show inklusive Anniversary-Setliste und Verlagerung des kompletten Arbeitsplatzes von Drummer Pat Thetic in den Moshpit.
Die Danksagungen aus Richtung ANTI-FLAG wirken ebenso wie die politischen Aufrufe ehrlich und emotional, die Bühnenlogistik samt Securityauftritt und schnellen Umbaupausen durchgängig professionell.



Bei den ersten Takten von "Good Enough" herrscht bereits Feierabendstimmung in der Freiluftlounge, dafür findet sich kaum ein Plätzchen im Fonda Theatre, an dem noch trockener Fußboden zu sehen ist. Wenn Skapunk der ersten Stunde, dann Gainesville, Florida, LESS THAN JAKE. Roger, Chris, Buddy, Vinnie und J.R. bieten Los Angeles zunächst den Eröffnungstrack ihres neuen Albums zum Luft holen an, im Anschluss findet sich zwischen "Johnny Quest Thinks We're Sellouts", "Last One Out Of Liberty City" und "Liquorstore" dazu praktisch keine Gelegenheit mehr. Die gymnastikballgrosse Haarpracht eines Zuschauers wird ebenso charmant und öffentlich von Seiten der Band verspottet wie der Versuch LESS THAN JAKEs, sich vor einem Jahrzehnt via Majorlabel "weiterzuentwickeln". "Der nächste Song lief dreimal im Lokalradio! Davon zweimal um halb vier Uhr nachts!" pokert Bassist und Dreadlock-Befürworter Roger. "Give it up for us!". "All My Friends Are Metalheads" und "Look What Happened" markieren deutlich die Höhepunkte der Bläserpunkparty am heutigen Samstag, bei der das "verwöhnte Los Angeles" ("you guys are getting aaaall the shows here!") einmal mehr eine quicklebendige Figur macht.
Von der Bühne fliegen abwechselnd stagedivende Intruder und Konfettibomben, außerdem laden LESS THAN JAKE ein Damengespann ein, um sich on stage mit "dirty dancing" und dem zuvor genannten Afro-Opfer in Kombination zu beschäftigen. Über 70 Minuten hält der Fünfer Hollywood so an der kurzen Leine, dann leert sich der alte Theatersaal in Sekundenschnelle. Für den Absacker in der nächstgelegenen Divebar blieben noch ganze hundertfünfzig Minuten bis Sperrstunde - der Heimweg durch das nächtliche Baustellennetz geht nur unwesentlich schneller. "Hell Looks A Lot Like LA" wusste die Band bereits auf "Borders And Boundaries" - und daran gibt es ebenso wenig zu rütteln wie an den Live-Qualitäten von LESS THAN JAKE.