30./31.05.2014: Immergut Festival - Neustrelitz

 



Wenn man das diesjährige Immergutfestivalwochenende voll auskosten möchte, nutzt man den freien und den Brückentag und reist bereits am Donnerstag an, um im Landestheater in Neustrelitz noch das norwegische Konzert mitzunehmen. In kleiner beschaulicher, noch sauberer, doch teilweise nicht sonderlich zivilisierter Runde genießt man in weichen Polstersesseln, was die norwegische Indieszene an Perlen zu bieten hat.
SEA CHANGE beginnen den Abend zu zweit und sehr elektronisch. Ist man doch in der Abendsonne gerade total im Entspannungsmodus angekommen, wirkt das trotz der zuckersüßen Stimme von Ellen Sundes ziemlich anstrengend. Erschwert wird der Genuss durch die Lichtshow hinter den beiden Musikern. Viel wunderbarer klingt dagegen MODDI, der mit leicht zerzauster Frisur eine umso sympathischere Show hinlegt. Begleitet von Cello- seinem Hosentaschenorchester- verzaubert er das Publikum mit seiner etwas schrägen aber umso begeisterteren Art. Zwischenzeitlich darf EINAR STRAY am Klavier schonmal einen Einblick auf das eröffnen, was einem in Anschluss erwartet.
EINAR STRAY laufen nach einer kurzen Pause in Vollmontur auf: Klavier, Geige, Cello, Bass und Schlagzeug. Und das man auch mit so freundlichen Instrumenten ein Feuerwerk abfackeln kann, stellen die NorwegerInnen ziemlich schnell unter Beweis, nehmen das Publikum gefangen, schicken erste Vorahnungen an ein großartiges Wochenende in den Raum. So treibt man nach diesem wunderbaren Abend in die kühle Nacht hinaus und geht schnell schlafen, damit das schönste Festival recht bald beginnen kann.

Der Freitag begrüßt mit freundlichstem Sonnenschein, kühler Brise und Schäfchenwolken. Perfektes Festivalwetter. Natürlich ist es seit einigen Wochen ausverkauft und die Vorfreude riesig. In der Stadt werden die letzten Besorgungen für das Wochenende erledigt und dann geht es mit dem kleinen roten Immergutexpress aufs Festivalgelände.




Die Fahnen knattern im Wind, willkommen im Camp Auszeit! Und das ist auch das Motto des Wochenendes. Bereits im Landestheater bekam man sein erstes Abzeichen, den "Kulturpionier", überreicht. Nun geht es also weiter. Sah man in den vergangenen Jahren viele Menschen, die sich dem Motto entsprechend gekleidet hatten, so scheint das diesjährige Thema verkleidungstechnisch nicht besonders gut anzukommen. Nur vereinzelt erblickt man Pionierhemden, -halstücher und -kappen. Die Stimmung ist allerdings wie man sie sich nicht anders wünschen könnte: entspannt, witzig ohne ins Prollige zu kippen, erwartungsvoll.
Betritt man das Festivalgelände so merkt man wieder einmal, dass man aus einem Festival mehr machen kann, als Bühnen aufzubauen und Bands draufzustellen. Es finden sich auf dem überschaubaren Gelände dem Motto angemessene Kunzwerke, die Bühnen sind festlich dekoriert, Blumen im Labelzelt auf den Tischen, eine Pionierprüfungsstation (für das Abzeichen des Meisterpionier), Wimpelketten und wie gehabt keine Werbebanner und Promostände (von Tabakwarenstand mal abgesehen).
Mit einem leckeren immerguten Kaffee lässt man sich vor der kleinsten der drei Bühnen nieder, streckt die Nase in die Sonne und erwartet den Startschuss. Es geht los mit PAUL BOKOWSKI und der macht keine Musik sondern liest erstmal was vor. Die Junikäfer brummen, eine Eidechse erschreckt die arglos lauschenden Menschen, erste Seifenblasen schweben in der Luft. Natur mit Kultur. Kultur heißt in diesem Sinne: Geschichten aus Bus und Bahn mit Fäkalhumor und blutigen Nasen. Was eben so passiert im echten Leben und PAUL BOKOWSKI in seinem Werk "Hauptsache nichts mit Menschen" festgehalten hat.
Es riecht nach Sonnencreme als JAN ROTH die Bühne betritt. Man selbst kann in der Sonne liegen bleiben und bekommt den richtigen Soundtrack zum Wolkentiere schauen und Lachmuskeln entspannen. Ein instrumentales Treiben. Teilweise etwas schräg und takteweise verwirrend. Wie gut, dass im Anschluss alte Bekannte für Erheiterung sorgen. TIERE STREICHELN MENSCHEN sind schon fast Stammgäste auf dem Immergut. Dieses Jahr gibt es sie teilweise mit Verkleidung, um -nach eigener Aussage- die Chancen beim weiblichen Geschlecht zu erhöhen. Zur sicheren und allgemeinen Erheiterung gibt es Geschichten und Lieder aus dem Park, von Sommerdepression und Urlaub mit Mutti. Never change a winning Team. Es passt wie Arsch auf Eimer.
Zum anschließenden Tanzebeine lockern, treten dan MOZES AND THE FIRSTBORN auf die große Bühne und eröffnen eben jene. Es gibt etwas Tanzbares zwischen Britpop und Grunge. Langsam wird es frisch und die ersten roten Nasen wanken andächtig. Ein bisschen mehr Sommergefühl zaubern ALL THE LUCK IN THE WORLD wenig später von der kleinen Bühne in den Birkenhain mit irisch anmutenden Gesangseinlagen und mehrsimmigkeit. Bekannt aus Funk und Fernsehen raunt es bei "Never" durchs Publikum. "Ach die sind das!". Bescheiden drücken sie ihre Rührung über das freundliche Publikum aus.
So schwebt man auf Wolken dann hinein zur Zeltbühne und erwartet Krawall und Remmidemmi als FEINE SAHNE FISCHFILET eben jene entern und zu einer flotten Sohle aufs Tanzparket laden. Die sonst so entspannte Security geht in Hab- Acht- Stellung, das Immergut holt nun das an Rock´n´Roll nach, was im verganenen Jahr fehlte. Und das Publikum kann auch Pogo. FEINE SAHNE FISCHFILET durchbrechen Grenzen, setzen politische Statements, die man auf dieser Wiese sonst eher selten zu hören bekommt.



Es gab Zeiten, da wurde man vom Zelt getanzt. An der Statik hat man gearbeitet, doch die könnte nun fast untergraben werden. Wobei sich die Security merklich entspannt Handyvideos dreht, denn hier passt man aufeinander auf, feiert mit- statt gegeneinander, auch wenn der Punk tobt. Grundsätzlich liefern FEINE SAHNE FISCHFILET was man erwartet und obwohl es irgendwie etwas gegensätzlich erscheint, funktioniert es doch ganz wunderbar. Was soll nun noch kommen? Entsprechend ausgetobt wankt man darum wohl auch zur großen Bühne und ist ein wenig erschrocken ob JUDITH HOLOFERNES´ Mantel und der anschließenden Show. Die klingt nämlich relativ langweilig und eintönig und auch das Duett mit Tobias Jundt von BONAPARTE kann das nicht retten. Zeit sich in aller Ruhe einen amtlichen (veganen) Wagenburger einzuverleiben und das Treiben aus sicherer Entfernung zu beobachten. Schützt sicherlich vor Karies in den Ohren.



Zum Nachtisch gibt es WYE OAK. Die laden ebenso zuckersüß zum Hüftenwiegen ein (da ist ja jetzt ein Burger drauf). Trotz Minimalinstrumentalisierung aus Synthie, Schlagwerk und Bass, treten sie schwer greifbar auf und wogen zur Abenddämmerung. Lieblichfein geht es auch mit HUNDREDS weiter, die es auf dem Immergut mit den Jahren vom Nachmittags- ins Abendprogramm geschafft haben. Von deren Bässen kann man sich mal gepflegt den zerrockten Rücken massieren lassen und dabei davon treiben. Man muss ja auch nicht alles verstehen.
Mittlerweile ist es Nacht geworden in Neustrelitz und wenn die Pioniere schon kein Lagerfeuer entfachen dürfen, so müssen sie sich eben mit Musik aufwärmen. CLOUD NOTHINGS helfen da ganz gut. Es geht wieder etwas rauer zur Sache, nach all dem Zucker etwas Deftiges. Das Tanzbein darf geschwungen werden. Wem das zu anstrengend ist, der kann auch Zigarettenrauch in Seifenblasen pusten und kleine Wunder erzeugen.
Nachdem das Feuer erloschen ist, treten BONAPARTE auf die Bühne. Was nun folgt, gleicht einem Fahrradunfall: Es ist grausam und übt dabei eine Faszination aus, die einen nicht wegschauen lässt. Die Bühnenshow sollte wohl fulminant sein, lädt aber eher zu psychoanalytischem Gefachsimpel ein. Haben doch bisher so viele Bands mit dem Publikum kommuniziert, sind in Inter- statt in therapeutische Aktion getreten, so beschränken sich BONAPARTE auf einen glitzernden Egotrip mit Elektrorock- oder so. Wenigstens gibt es zum Schluss eine Crowdsurfingeinlage und Sektdusche fürs Publikum. Verstört verlässt man das Festival, mit den Gedanken in den Wolken, den Resten von Sonnenstrahlen im Nacken, Konfetti in den Jackentaschen und einem Ohrwurm von "Komplett im Arsch", der so gut von den Füßen gesungen werden könnte.

Der Samstag startet in alter Tradition mit immergutem Kaffee, ein bisschen Beine ausstrecken und Junikäfer jagen in der Sonne vor der Bühne, mit dem geht so witzig FELIX SCHARLAU, der aus seinem Buch die abstruse Geschichte eines DauerDJs vorliest. OUM SHATT kämpfen im Anschluss mit dem Strom aus dem Mikro. Man könnte zu deren Musik sicherlich tanzen, doch der Großteil des Publikums ist dazu offensichtlich noch zu träge. SVEN REGENER erregt da mehr Muskeln. Zumindest in den Gesichtern, mit seinen Geschichten und seinem trockenen hanseatischen Humor.
REAL ESTATE eröffnen wenig später die große Bühne für den heutigen Tag. Sie erinnern sehr an diesen schönen alten Indiepop, der noch wusste, wo die zauberhaften Klänge zu finden sind, was Spielen bedeutet und dass Spielen von Instrumenten jenseits des Kinderzimmers weitergehen darf. Auch unbeschwert. Zauberhhaft macht auch LUCY ROSE weiter. Treibend, sphärisch und zuckersüß. Sie könnte Wespen anlocken. Weiche Wattewölkchen am Himmel und eine milde Brise unterstreichen das Ganze.
Fantastisch geht es dann bei RAH RAH zu. Wieder einmal könnte man vom Zelt getanzt werden. RAH RAH können dieses Gefühl nach den gestrigen FEINE SAHNE FISCHFILET wiederholen, wenn auch auf ihre andere Art und Weise. Die Kanadier feuern an, legen eine großartige, begeisterte, begeisternde Show hin, zaubern mit feinstem Indiepop ein Lächeln ins Publikum. Wilde Instrumentenwechsel werden vollzogen und man erkennt das Team, die Freundschaft und die Freude auf der Bühne. Perfekt!



Man könnte jetzt gehen, denn es war so wundervoll, doch später soll es nochmals so wundervoll werden. Zum Runterkühlen laden GIRLS IN HAWAI ein, ruhigere Zeitgenossen, die wissen, was man mit Instrumenten machen kann. Musik steht im Fokus, weniger das Entertainment. FUTURE ISLANDS erinnern daran, die Flüssigkeitsspeicher wieder aufzufüllen, eine kleine Pause zu machen.
Die Indiegroßhelden von SLUT betreten anschließend die Bühne und scheiden die Geister. Ist das nun langsam oder bombastisch? Man kann sich nicht entscheiden. SLUT sind auf jeden Fall schwer geworden. Die Bühnenshow wird aufgeblasen, doch es geht ruhig daher.
Wer auch immer dieses Jahr das Booking fürs Immergut gemacht hat, kann sich allerspätestens nun einen Pokal, einen Orden und ein fettes Dankeschön abholen kommen. DIE! DIE! DIE! rocken abermals das Zelt. Es wird rauer, härter, schneller und ähnlich wie bei RAH RAH wird getobt. Es ist viel Platz da, denn auf der Hauptbühne will man später in der ersten Reihe stehen. Doch das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mehr Platz zum Tanzen. Und so nutzen DIE! DIE! DIE! auch gleich die freigetanzte Fläche, überschreiten Zäune und spielen im Publikum.



Man könnte abermals gehen. Die Schuhe sind durchtanzt, das Shirt verschwitzt. Mutti hat immer gesagt, man solle gehen, wenn es am Schönsten ist. Doch man gibt sich einen letzten Ruck. Nur noch ein paar Minuten, wie das Kind im Bällchenbad. Und das entpuppt sich als beste Entscheidung des Tages. Das Publikum feiert schon, bevor FM BELFAST aus Island die Bühne betreten und was nun folgt, kann nur als absoluter Wahnsinn, Droge aus Boxen und Party des Jahres abgestempelt werden. In Island scheint man zu wissen, wie man es sich warm macht. FM BELFAST treten zunächst gesittet auf, legen dann aber direkt und ohne Vorwarnung los. Einfachster Indieeltektrosound kann so schön sein. Wenn man das Hirn nicht überstrapazieren muss, lässt es sich umso ungehemmter feiern. Konfetti, Luftschlangen, Girlanden, Hände, Herzen, Mundwinkel. Alles fliegt nach oben. Wer keine Energie mehr hatte, hat sie spätestens nach fünf Minuten zugeworfen bekommen. Und das Immergut, seine Macher und das Publikum zeigen, wie Abfeiern geht.



Perfekter Abschluss für ein perfektes Festival. Wie konnte man nur am Immergut zweifeln? Unter Sternenhimmel, am Zwitschern der Nachtigall vorbei in die Stille trägt man das Lächeln mit und es wird bleiben. Es wird bleiben, wenn das Konfetti beim Auspacken in die Wohnung krümelt, die Grasflecken aus den Jeans gewaschen sind und die Pionierabzeichen festgenäht. Sicher ist: Nächstes Jahr wieder und wieder und wieder.
Danke Immergut e.V.! Macht bitte genau so weiter!