Interview mit Architects

 

Man braucht keine fünf Minuten, um zu merken: Da wirkt jemand bedacht darauf nur das Richtige zu sagen, perfekte Antworten zu geben, die aber wie lahme Standardantworten wirken. Langweilig und eher belanglos. Bloß nicht zu viel verraten. Auf der Bühne dagegen schreit Architects Sänger Sam Carter lust- und kraftvoll Zeilen ins Mikro, die viel preisgeben von sich. Vom Bandleben, von den innersten Gedanken, von dem Punkt, an dem man sich müde und ausgebrannt, einfach nur leer fühlte und die Band begraben wollte. Und das schon mit 22.

Doch dieser Seelenstriptease ist nur für die Bühne bestimmt, wo er sich hinter Geschrei und Gesang verstecken kann, wo alles nicht zu nah an ihn herangelassen wird, weil er es weit in den Raum hineinschreit. Das Ganze dann Abend für Abend in oft ausverkauften Hallen. Mit dem aktuellen Album aber dann so, dass man sich nicht genervt fühlt, nicht müde wird es ständig zu spielen. „Du musst dein Album ja so schreiben, dass du immer noch glücklich damit bist, wenn du es jeden Abend auf deiner Tour spielst. Und das haben wir jetzt bei «The Here And Now» gemacht“, erklärt Carter. Allerdings weiß er, dass nach einer langen Tour auch irgendwann etwas nicht mehr ganz so perfekt klingt: „In dem Moment, in dem du das fertige Album in den Händen hältst, findest du alles gut daran. Das liegt daran, dass du so viel Mühe, Arbeit und Leidenschaft reingesteckt hast. Früher oder später ist es aber oft so, dass du dieses und jenes verbessern willst. Aber jetzt gerade eben noch nicht.“ Es scheint, als wäre die Band noch zu nah dran am Ganzen, um Selbstkritik auszuüben. Noch sehen sie ihr neues Album nur im Hier und Jetzt.

"Ein Album schreiben, ist ein bisschen, wie ein eigenes Restaurant zu führen"

Aber für Kritik gibt es ja die Journalisten. Von den einen wird es zerrissen, weil es zu sehr in Richtung poppige, eingängige und simple Sounds geht, von anderen wird es abgefeiert durch die verstärkten melodischen Parts und den gereiften Clean-Gesang. Über die Komplimente für seine Stimme freut sich Sam Carter, doch auch ein Verriss würde ihm nichts ausmachen. Dafür lässt er das alles nicht nah genug an sich heran, regt sich lieber auf: „Verletzen könnte mich ein Review nicht, egal wie schlecht wir dabei wegkommen. Ich rege mich nur ständig darüber auf, dass uns und anderen Bands aus dem Genre ständig Sell-out vorgeworfen wird. Wir schreiben Musik doch nicht nur, um den Leuten zu gefallen. Wir sind glücklich mit dem, was wir machen. Auch wenn ein Album zu schreiben, die stressigste Arbeit auf der Welt ist. Du musst alles aus dir rausholen, was geht und noch mehr. Es ist ein bisschen, wie ein eigenes Restaurant zu führen und dafür das Essen zu kochen. Du musst ausprobieren, was gut ist und welche Zutaten zusammenpassen.“ Aber das fertig gemischte Hardcoresüppchen muss ja schließlich auch den Gästen schmecken. Ist das der Grund, warum immer öfter zu einer Prise Pop gegriffen wird? „Hardcore wird immer poppiger, weil die Bands gelangweilt davon sind, nur reinen Hardcore zu spielen. Sie wollen gucken, wie weit man gehen kann. Sie probieren aus, wie es klingt, wenn sie noch verschiedene Musikeinflüsse reinbringen“, glaubt Carter. Zu den hörbaren Architects-Veränderungen sagt er: „Wir haben unseren Sound nicht verändert, um bekannter und erfolgreicher zu werden. Er ist nur das Ergebnis, von dem, was wir gerade sein und machen wollen.“

Dass so eine Denkweise vielleicht sogar irgendwann das Aus für eine Band sein kann, weil der Erfolg fehlt, sieht Carter aus einem realistischen Blickwinkel. „Es kann gut sein, dass es uns dann in einigen Jahren nicht mehr geben wird, nicht mehr so als Band.“ Weit entfernt waren Architects vor dem aktuellen Album «The Here and Now» nicht von diesem Trennungsszenario. „Es war in Amerika, als wir an diesen Punkt angelangten. Wir waren schon dreieinhalb Monate auf Tour. Immer in demselben Bus schaust du jeden Morgen in dieselben Gesichter, wenn du aufwachst. Da fingen wir an uns zu fragen, ob es nicht besser wäre, wenn wir einfach nach Hause gehen und aufhören“, erinnert sich Carter. Es ist ihm anzumerken, dass er nicht gerne über diese Zeit redet. Die Zeit, in der er sich leer und ausgebrannt fühlte, in der alles auf der Kippe stand. Es war Gitarrist Tom, der die Band irgendwann Backstage daran erinnerte, dass sie im "Hier und Jetzt" leben und das Glück, das sie haben nutzen und genießen sollten. „Wir haben vergessen, dass wir mit der Band und dem Musikmachen unsere Träume leben. Tom hat uns an diesem Tag mit seinen Worten wieder daran erinnert und deshalb haben wir weiter gemacht“, erklärt er. Mittlerweile machen ihm auch 12 Interviews am Tag nichts mehr aus, er sieht sie nicht mehr als nervig an. Eher im Gegenteil: Er freut sich darüber, dass Leute Interesse an ihrer Musik zeigen. Besonders wichtig ist ihm das Interesse seiner Familie: „Sie stehen hundert Prozent hinter dem, was ich mache und sind stolz auf mich. Das neue Album haben sie rauf und runter gehört. Meine Mum, mein Dad und meine Schwester kommen auch oft zu unseren Shows.“

Die Charts der Zukunft: Metal- und Hardcoremusik ganz weit oben?!

Sollte es die Architects irgendwann wirklich nicht mehr geben, will er auf jeden Fall in der Musikbranche bleiben, sich vielleicht ein Studio kaufen und Bands aufnehmen. Doch so schlecht sieht es gar nicht aus für die Band, falls Carters Rumspinnerei irgendwann mal Realität werden sollte: „Wer weiß, wie die Charts der Zukunft aussehen. Vielleicht ist dann Metal- und Hardcoremusik ganz weit oben in den Charts und die normale Popmusik, wie wir sie kennen, überhaupt nicht mehr.“ Nach einer kurzen Pause fügt er noch hinzu: „Aber hoffentlich werden Bands, die ich nicht mag, nicht berühmter. Wie zum Beispiel Asking Alexandria. Ich hasse diese Band. Ihre Musik ist so langweilig und unoriginell. Es gibt so viele amerikanische Bands, da klingt eine wie die andere. Total uninspiriert.“ Architects scheinen nach Sam Carters Aussagen ihre Inspiration wiedergefunden zu haben und zwar an dem Punkt, an dem sie beschlossen haben, weiterzumachen. Im Hier und Jetzt.

Alte Kommentare

von Soprano 26.01.2011 15:16

super interview! ich hätte bloß noch was gerne zum musikwechsel erfahren!

von Dominik 26.01.2011 20:00

Super Interview, das aufzeigt, welche Schwächen der gerne benutzte "Mailer" doch hat gegenüber einem face-to-face -Interview. Toll auch zu sehen, dass hier gut paraphrasiert und interpretiert wird. Super Job von Marlene, sehr gerne mehr davon!

von ouh yeah 26.01.2011 21:11

und beide daumen hoch dafür, dass er ohne ein blatt vor den mund zu nehmen sagt, dass asking gaylexandria der verachtenswerteste rotz ist!

von veganhardcore 27.01.2011 09:06

missverständlich finde ich, dass im 3. abschnitt über hardcore gesprochen wird und bands, die immer melodischer werden. bands wie architects, oder kse waren nie hardcore...eher irgendwas mit metal und nem minimalen core anteil. acrhitects, bmth und co haben doch nun gar nichts mit hardcore im ursprünglichen sinne zu tun. und ich bin jetzt nicht intolerant oder denke in schubladen, aber ich denke, man sollte doch unterscheiden zwischen 3 akkorde hardcore bands mit message (i like!) und dem was architects und co da zaubern. sind einfach 2 paar schuhe. und diese anbiederung an den mainstream findet hauptsächlich in dem metal(core) bereich statt. und dieses geschwafel um "das ist die musik die wir gerade machen wollen" sagt jede band, keiner wird sagen "wir wollen mehr knete machen". also pure langweile. die band übrigens an sich ist pure lngeweile und das album eine logischer nächster schritt. aber: jeder, wie er mag.

von lllooop 27.01.2011 09:55

ich schließe mich der lobhudelei an. sehr gutes interview!

von Ray 27.01.2011 10:00

Es kommt nicht oft vor aber ich stimme Veganhardcore da zu... Dass er am Ende AA fertig macht ist auch lustig weil die Architects mittlerweile auch nicht die Originellsten sind und gar nicht so großartig anders als Arsching Alexandria.

von boooaaaahhh.... 27.01.2011 10:24

klar, netter versuch. aber so das schema frage, antwort wär mir lieber gewesen! und klar, in einem monumentalen gespräch hat einer der band den neuen albumnamen benutzt um die ach so ausgebrannten jungen kerle daran zu erinnern, dass sie absolut wichtig für diese welt sind... genauso wie irgendeine august mal irgendeinen redd verbrannt haben soll... immer diese aufgesetzten background-stories.

von timsuper 27.01.2011 21:53

gutes interveiw, ich glaube hardcore steht in dem falle wirklich als übergreifendes wort, man hätte auch einfach metal sagen können, aber es war dann halt hardcore. und wenn man sich ein bisschen zeit nimmt und sich auf das labum einlässt merkt man das es schon was einzigartiges hat, auch wenn es einem nicht gefallen mag. ab und zu finde ich die gesangseinsätze etwas zu hochgesetzt, man versucht dort etwas episch zu klingen und ein bisschen dramatik in den sound zu bringen aber das gelingt dann an vielen stellen noch nicht. aber im ganzen kann sich das album als alleiniges gut sehen lassen, auch wenns nich wirklich zur band passt. weiter muss ich sagen das da sicherlich das geld und der erfolg eine rolle spielen, aber wieso auch nich? die leute müssen ja auch irgendwie von irgendwas leben, kann ja keiner so ne soziale wurst sein wie die von hsb die alle noch arbeiten..angeblich. das er da gerade asking alexandria erwähnt is bestimmt auch etwas persönlich, vorallem weil er sie als amerikanische band bezeichnet. die band kommt auch aus england, hat aber einen labeldeal aus amerika und spielen dort dann natürlich auch mehr. naja, genug davon. musik gefällt oder gefällt nicht. is doch schön das es noch leute gibt die etwas mehr erzählen als das typische gelaber.

von fgh 28.01.2011 01:10

es gibt auch guten 'pop' im hardcore. nich so en scheiss wie die fabrizieren.