Interview mit Chuck Ragan

 

Ein Interview mit einem Musiker, der so viel zu erzählen hat. Mit jemandem, der in seinen Antworten weit über das Gefragte hinausgeht. Mit jemandem, der die Kunst beherrscht eine Geschichte in wenigen Sätzen zu erzählen, seine Geschichte. Chuck Ragan im Schnelldurchlauf.

Er kommt in den Backstage-Bereich, den Raum mit den schwarzen Ledersofas und den vollgekritzelten Wänden. Chuck Ragan kramt in seinem schwarzen Rucksack, sucht etwas, dreht sich dabei kurz um. „Oh, hi. Du bist ja schon da“, sagt er. Im Rausgehen ruft er noch: „Sorry, ich komme gleich zurück.“

Interviewzeit: 15 Minuten. Eigentlich. Als Chuck Ragan zurück kommt, hat er seinen Touermanager dabei. „Ihr habt zehn Minuten, okay?“, sagt dieser und verschwindet ohne eine Antwort abzuwarten. Viel zu wenig Zeit für jemanden, der so viel zu erzählen hat. Für jemanden, der in seinen Antworten weit über das Gefragte hinaus geht. Für jemanden, der die Kunst beherrscht eine Geschichte in wenigen Sätzen zu erzählen, seine Geschichte. Dabei wirkt er sachlich, nüchtern und irgendwie müde. Nur ab und zu ein Lächeln. Vor allem, wenn er über seine Frau, seine zwei Hunde und sein Boot redet. Antworten im Minutentakt, Chuck Ragan im Schnelldurchlauf. Die Uhr tickt gegen die Geschichten, die er zu erzählen hat. Und trotzdem schafft er es, recht viel von sich preiszugeben. Obwohl er all das lieber für sich behalten möchte, weil er manchmal gerne ein Niemand wäre, wie er später sagt.

Doch er ist weit davon entfernt ein Niemand, ein Unbekannter zu sein, viele seiner Soloshows sind ausverkauft. Dadurch ist allerdings der Druck größer. Wenn er alleine auf Tour ist, trägt er mehr Verantwortung, erklärt er. „Da steht mein Name auf den Tickets und Tourplakaten. Dann will ich auch was Gutes abliefern. Wie lange ich spiele, wie viel Energie ich reinstecke, das liegt allein in meiner Hand“, sagt er. Und deshalb sei es anstrengender, alleine auf Tour zu sein, unter dem Namen Chuck Ragan durchs Land zu ziehen. Anstrengender als im Rahmen der Revival Tour oder mit Hot Water Music. Das Reisen selbst sei aber in allen musikalischen Kombinationen gleich. Gleich großartig und gleich kräfteraubend. „Musik werde ich immer machen, nur irgendwann gehe ich nicht mehr auf Tour.“ Wann das genau sein wird? Er weiß es noch nicht. Die Tour: eine Art Hassliebe. Er liebt es unterwegs zu sein und Konzerte zu spielen, er hasst es, sein Zuhause dafür zu verlassen „Es ist hart. Nicht nur für mich, auch für meine Familie, meine Frau, meine Freunde. Zu Hause bin ich in einem gewissen Alltags-Rhythmus, aus dem ich rausgerissen werde. Wenn ich das oft mache, ist es schwierig, wieder in den richtigen Rhythmus zu finden.“

Heimatlos, keine Pflichten, nichts zu verlieren: „Es ist gut, dass ich in meinem Leben schon an so einem Punkt war.“

All das hat er sich hart erarbeitet: sein Name auf Tourplakaten und Tickets von sehr gut besuchten, zum Teil ausverkauften Shows und, dass er von der Musik leben kann. Letzteres kann er erst seit vier Jahren. Solange ist es her, dass Chuck Ragan das letzte Mal in seinem eigentlichen Job, als Zimmermann, gearbeitet hat. „Ich werkel jetzt auch noch an Sachen herum, aber nur für mich, für mein eigenes Glück“, erzählt er. Dann erinnert er sich an den langen, harten Weg, den er gehen musste, um dort hinzukommen, wo er jetzt ist. „In der Anfangszeit war es schwer, weil wir mit der Musik kein Geld verdient haben. Ganz im Gegenteil. Wir haben in den Anfängen jedes Mal Verlust gemacht, wenn wir auf Tour waren. Manchmal kamen wir nach Hause und waren heimatlos, haben bei irgendwem auf der Couch geschlafen“, blickt er zurück. Dennoch: Diese Erfahrung möchte er nicht missen. „Klar, das war hart. Aber zugleich auch erfreulich. Ich hatte keine Pflichten und nichts zu verlieren. Es war ein „Alles-kann-passieren“-Gefühl. Es ist gut, dass ich in meinem Leben schon einmal an so einem Punkt war“, erklärt er. Gleichzeitig merkte er aber, dass ihm etwas fehlte. „Ich hatte nichts, wirklich nichts. Keinen Ort, der mein Zuhause war. Keine wundervolle Ehefrau. Keine zwei großartigen Hunde“, zählt er auf. Mittlerweile hat er eine Heimat gefunden. Dabei gehe es ihm weniger um den Ort. Viel mehr meint er damit seine Frau. „Meine jetzige Lebensweise macht mich erst komplett.“ Für ihn zählen die einfachen Dinge im Leben. Diese hat er in der harten Anfangszeit zu schätzen gelernt, sagt er. Auf einem Bügel hängt ein schwarzes Hemd, er wird es später auf der Bühne tragen. Dazu eine schwarze Hose, braune Boots. Die Haare sind fast schulterlang.



Er erzählt von dem komischen Gefühl, dass in ihm ausgelöst wird, wenn jemand ihn als Held seiner Jugend bezeichnet. „Es ist überwältigend und schmeichelt mir. Ich fühle mich geehrt, weil ich weiß, wie ich zu Musikern wie Bruce Springsteen und Bob Dylan aufgeschaut habe, als ich aufgewachsen bin. Trotzdem ist es auch irgendwie unangenehm.“ In solchen Antworten kommt sie besonders deutlich hervor, seine Bescheidenheit, die ihn so sympathisch macht. Genauso bescheiden ist auch das Wichtigste, das Persönlichste, das er bei sich hat, wenn er auf Tour ist: sein Notizbuch. Die Seiten voller Songs – fertige und unfertige. Darin steht das geschrieben, was ihm und später den Zuhörern Gänsehaut bereitet. Ja, richtig: Auch er selbst bekommt Gänsehaut bei seinen Songs. „Ich möchte nicht, dass du das falsch verstehst. Damit will ich nicht sagen, dass ich mir selbst eine Gänsehaut bereite, weil meine Texte so gut sind. Es ist eher eine innere Energieladung, die dafür sorgt, dass meine Nackenhaare aufrecht stehen. Das ist das Beste am Song schreiben, dieses Gefühl.“ Chuck Ragan spürt es, egal ob er an Songs für sein Soloprojekt oder für Hot Water Music arbeitet. Er überlegt sich vorher nicht, wofür das Lied ist, an dem er gerade sitzt. Erst später folgt eine „Das ist eher ein Chuck Ragan Song und das klingt eher nach Hot Water Music“-Abwägung.

Egal ob für sein Soloprojekt oder Hot Water Music: „Die Vorlage für meine Songs war fast immer ein Gedicht.“

In seinem persönlichen Notizbuch landet erst einmal alles, was ihm in den Sinn kommt. Die Zeilen, die er darin aufschreibt sind lyrisch, er selbst spricht von Gedichten. Aus diesen werden später seine Songs. „Natürlich sind die Texte auf dem Album ein wenig anders, mehr an die Musik angepasst. Die Vorlage für meine Songs war aber fast immer ein Gedicht“, erklärt er. Seit vier Jahren arbeitet er an einem Gedichtband. Bedeutet das Umkehrschluss, dass darin sind jede Menge unbeendeter Chuck Ragan Songs stehen werden? „Ja, es ist eine Sammlung von Texten, von Gedichten, aus denen kein Lied entstanden ist.“

In der Zeit, in der wir hier sitzen, hätte Chuck Ragan auch einen Song schreiben können – zeitlich betrachtet. Zum Beispiel Nomad by fate: „Den habe ich in rund 20 Minuten geschrieben, der kam schnell aus mir raus. Das passiert leider nicht immer. Manchmal sitze ich an einem Song und er wird erst nach fünf Jahren fertig. Oder nie.“ Verloren sind seine Worte jedoch nicht, sondern neues Material für seinen Gedichtband. 15 Minuten zeigt das leuchtende Display des Diktiergeräts an. Ich unterbreche ihn nicht. Der Tourmanager unterbricht ihn nicht, als er wieder zur Tür hineinkommt. Chuck Ragan beendet gerade seine letzte Antwort: „Ich versuche zu allen ehrlich sein, weil ich auch so behandelt werden möchte. Dadurch öffne ich mich fremden Leuten gegenüber. Aber eigentlich will ich gar nicht, dass jeder so viel über mich weiß. Manchmal wäre es gut, einfach ein Niemand zu sein.“ Er sagt das, weil er mal darüber nachgedacht hat, eine Autobiografie zu schreiben. Aber er weiß nicht, ob er es machen soll, ist hin- und hergerissen. An einigen Tagen denkt er, es wäre großartig, an anderen möchte er nicht so viel von sich preisgeben. Was allerdings für eine Chuck Ragan Autobiografie spricht: Genug Geschichten zum Erzählen hätte er.