FJØRT - im Interview

 

Allschools: Vielen Dank für eure Zeit für dieses Interview. Morgen kommt euer neues Album "Couleur" über Grand Hotel Van Cleef raus. Was war von Anfang an eure Erwartungshaltung an das Album?
 
FJØRT: Songs zu schreiben ist bei uns ein Prozess, bei dem wir uns von jeglicher Erwartungshaltung komplett abschotten. Unsere Maxime dabei ist immer die, dass wir zu 120% hinter den Songs stehen und das Gefühl haben müssen, genau das gesagt zu haben, was die Platte braucht. Wir sind dann im Tunnel. Wenn wir dort rauskommen, liegt alles weitere nicht mehr in unserer Hand. Ob das dann Leuten schmeckt, weiß man im Voraus nie. Wir selbst sind sehr zufrieden mit diesem Album und die Resonanz bislang ist wahnsinnig gut, worüber wir uns sehr freuen.  


Allschools: Ihr seid ziemlich überraschend mit einem Livevideo eurer "Couleur" Hotelsession an den Start gegangen. Wie kam die Idee dazu?
 
FJØRT: Man möchte neue Musik immer gerne in einer besonderen Art und Weise präsentieren. In unserem Fall war schnell klar: Wir wollen spielen. Das ist unser Ding und macht uns am meisten Spaß, die Songs können sich dabei erst in Gänze entfalten. Dass wir in diesem wunderschönen verlassenen Hotel drehen durften, war ein absolutes Privileg. Das marode Gebäude wird von einem Verein Ehrenamtlicher verwaltet, die uns das ermöglicht haben. Bei der ersten Besichtigung waren wir völlig überfahren von dem, was diese Räume ausstrahlen. Es hat direkt geklickt. Da spielen sich direkt Filme vor dem inneren Auge ab. Wir wussten sofort, die Songs müssen in genau diesem Setting erzählt werden.   


Allschools: Nach dem großen Erfolg von "Kontakt" sind die Leute noch gespannter auf das neue Album. Hat euch das beim Songwriting sehr beeinflusst?
 
FJØRT: Es ist verdammt wichtig, sich von solchen Dingen freizumachen. Wenn du schon anfängst zu überlegen, ob irgendein Part nicht so-und-so Anderen da draußen besser gefallen könnte, wird am Ende nicht das rauskommen was es sein muss. Unsere Messlatte ist das eigene Gefühl. Nur dem folgen wir, wenn wir entscheiden ob der Song gut genug ist, um auf einer Platte zu landen. Wir brauchen das unbedingte "go" von allen drei Köpfen, ansonsten wird das Ding beiseite gelegt. Dabei Kompromisse zu machen, wird der Musik nicht gerecht. Und ich glaube, dass Leute es genauso fühlen, wenn du selbst nicht dahinterstehst. 


Allschools: Im Musikvideo zu "Magnifique" geht ihr eindrucksvoll mit dem Thema Alzheimer um. Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen?
 
FJØRT: Die Idee entstand, als Michi (Iconographic) mit diesem Song auf den Ohren zum ersten mal durch das Hotel lief. Bei Michi und Flora fängt das visuelle an zu fließen, sobald man Ihnen einen Song an die Hand gibt. Wir tun dies immer mit einem 100%-igen Vertrauen und wollen wissen, was sich bei ihm abspielt, wenn er die Musik auf sich wirken lässt. An dem Tag kam er zu uns mit der Geschichte von diesem jungen Paar im Kopf, und erzählte uns von den Szenen, mit denen er sie erzählen möchte. Wir waren absolut baff und berührt davon, dieses selten angefasste Thema zu verbildlichen und wussten: Genau das wollen wir machen. 


Allschools: Eure Lyrics sind auf jeden Fall anspruchsvoll zu verstehen. Was könnt ihr selber inhaltlich zum neuen Album sagen?
 
FJØRT: Der übergreifende Tenor des Albums ist die Auseinandersetzung damit, seine Meinung und sein Weltbild zu äußern. Couleur ist ein Begriff für deine persönliche Ausrichtung, deine Sicht der Dinge, und wie du mit deiner Umwelt und dem, was um dich herum passiert, verfährst. Es gibt viele Gründe dafür und dagegen, seinen Mund in bestimmten Situation und zu bestimmten Themen aufzumachen oder eben nicht. Die Entscheidung ist frei - die Konsequenzen trägst aber entweder du selbst oder viele Andere. Ein Song wie Raison beschreibt eben Letzteres: Wir sehen immer mehr Menschen, die sich gegen den wachsenden Rechtsdruck hierzulande einsetzen und da wo es nötig ist auf der anderen Seite stehen und klar machen: Nicht mit uns! Es wäre fatal, würden diese Leute sich dazu entscheiden, still zu bleiben. Da wo die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird, ist das unabdingbar. Das Album erzählt in vielen Facetten von Dingen, die ausgesprochen werden wollen, oft sogar müssen, oder manchmal auch von dieser Art Ballast, für den zum Aussprechen die Kraft fehlt.     


Allschools: In welcher Beziehung steht das Cover zur Musik auf dem neuen Album?
 
FJØRT: Das Bild basiert auf einem sehr alten Foto, das uns einmal zum richtigen Zeitpunkt beim Durchsehen alter Familienalben in die Hände gefallen ist. Ich hab es beiseite gelegt, nahm es aber kurz später wieder in die Hand und fragte mich, warum diese vermeintlich fröhliche Situation, die da abgelichtet wurde, so unbequem im Kopf sitzt. Du denkst über den Anlass nach, in dem das Foto entstanden ist und darüber, ob die beiden aus freien Stücken da posierten. Es wirkt in einer Form gezwungen, obwohl augenscheinlich unschuldig. Diese Ambivalenz hat uns gefesselt und wirbelte innerlich genau diese Frage auf, aus welchen Gründen du eigentlich die Dinge tust, die du tust. Wieviel von dem, was in deinem Kopf vorgeht, auch den Weg nach draußen findet.


Allschools: Wünscht ihr euch manchmal auf Englisch zu schreiben, um auch mehr im Ausland spielen zu können?
 
FJØRT: Die Texte sind für uns in der Musik ein sehr zentrales Element. In deiner Muttersprache zu schreiben bietet so viele Möglichkeiten, Dinge genau so auf den Punkt zu bringen wie es dir vorschwebt. Wir spielen sehr gerne mit allem was die Sprache bietet, mit Lautmalerischem, mit selten gebräuchlichen Worten, mit Ironie. Es macht sehr viel Spaß, sich daran auszutoben. Um das Auszuschöpfen, sind wir des Englischen nicht mächtig genug, deswegen wäre das für uns nur ein Korsett, was wir uns nicht anziehen wollen. Aber wir bespielen wir sehr gerne neue Orte, und hätten Bock auch mal ein paar andere Länder anzusteuern. Mal sehen, ob und wie das in Zukunft klappt.

 
Allschools: Zum Thema live: Für welche Band wärt ihr wahrscheinlich der beste Support? Bei wem würdet ihr es auch gerne wünschen?
 
FJØRT: Wir hatten schon ein paar mal das Glück, dass uns Bands eingeladen haben mit Ihnen zu spielen, mit denen wir aufgewachsen sind, die so etwas wie unsere "Jugendhelden" sind. Mit Bands wie TURBOSTAAT oder THRICE auf der Bühne zu stehen zu dürfen, war für uns etwas wirklich Großes und sehr surreal. Im Februar spielen wir mit BOYSETSFIRE im Kölner Palladium, auch eine dieser Bands die wir seit damals verfolgen, und eine Bühne so groß wie ein Fußballplatz. Da bist du so klein mit Hut, aber freust dir nen Ast und bist einfach nur dankbar, dass du sowas machen kannst.

 
Allschools: Im Januar geht ihr dann auf "Couleur" Headline Tour durch Deutschland & Österreich. Was ist euch bei Liveshows am Wichtigsten?
 
FJØRT: An der Liveshow tüfteln wir mindestens so gerne wie an einem Album. Neben dem Sound willst den Song visuell transportieren mit allem was die Technik, das Licht und der Laden hergibt. Diese zweite Ebene eröffnet nochmal eine ganz andere Möglichkeit, den Leuten etwas mitzugeben. Wir wollen denen die sich ein Ticket kaufen einfach das Maximum bieten was machbar ist. Man hat immer viel mehr Ideen als überhaupt realisierbar ist, aber je mehr Leute kommen und je mehr Platz auf den Bühnen ist, desto mehr Dinge kann man auch umsetzen, was super ist. Bei jeder Tour versuchen wir, da nochmal aufs Neue Alles rauszuholen. Wir freuen uns sehr drauf, das im Januar dann den Leuten zu zeigen.