Interview mit Grey

 

Hallo GREY. Ich hoffe, dass eine Woche vor Veröffentlichung eures Debüts „Whoneedsyou“ alles bestens ist bei euch?

Pablo: Hi Clement! Wir sind Jakub und Pablo von GREY. Bei uns ist alles bestens, danke. Wir freuen uns tierisch, dass die Platte jetzt rauskommt. Wir haben viel Arbeit in „Whoneedsyou“ gesteckt und da ist es toll, endlich mal ein paar Reaktionen von außen zu bekommen, da man wenn man so lange an einer Platte arbeitet, doch irgendwann etwas den Überblick verliert und manchmal wohl das Gefühl aufkommt den berühmten Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Und bis jetzt sind wir mit den meisten Reaktionen sehr zufrieden. Es kamen zwar auch schon ein paar Reviews bei denen man sich fragt, welche Platte der Rezensent gehört hat, aber man kann und will es ja nicht allen recht machen.


Ihr ward vor GREY bereits bei mehr oder weniger bekannten Bands aktiv. Dann habt ihr aber den ultimativen Sound suchen wollen und habt euch in einer neuen Band gefunden. Seid ihr fündig geworden?

Pablo: Auf jeden Fall. Wobei das was wir früher in unseren anderen Bands getrieben haben ja auch der für uns ultimative Sound war, nur eben zu einer anderen Zeit und unter teilweise anderen Gesichtspunkten. Wir hatten bei GREY wirklich Glück mit der Besetzung. Wir haben uns relativ schnell und unkompliziert eine Konstellation geschaffen, die sowohl musikalisch wie vor allem auch menschlich an einem Strang zieht.


Was unterscheidet den Vibe innerhalb eurer jetzigen Band von den Stimmungen innerhalb von CITIES OF SLEEP oder UNDER SIEGE?

Pablo: Ich kann jetzt natürlich nur über CITIES OF SLEEP sprechen. Damals war ich ja in einer ganz anderen "Szene" unterwegs. Nicht dass ich viel auf dieses Szene-Denken geben würde, aber gerade auf Konzerten ist das schon eine andere Atmosphäre. Innerhalb der Band ist das eigentlich nicht groß was anderes. Ich habe damals mit Freunden CITIES OF SLEEP gegründet, bei GREY haben wir ne Band gegründet, die dann schnell zu Freunden wurde. Letztendlich sind wir aber auch "nur" Freunde, die zusammen Musik machen.


Musikalisch legt ihr trotz des Sommers alles andere als leicht verdauliche Kost vor. Wäre nicht ein Herbst bzw. Winter Release stimmiger zu euren Klängen gewesen?

Pablo: Da hast du nicht ganz unrecht, eine typische Sommerplatte ist „Whoneedsyou“ sicherlich nicht. Aber bei uns denkt eigentlich niemand in "Jahres-Zeiten-Releases". Das Album war fertig, Bastardized (und Ampire die limitierte Vinly) wollten es veröffentlichen und wir waren heiß drauf, das Teil so schnell wie möglich auf die Leute loszulassen. Wem die Platte zu destruktiv ist der kann sich ja die neue Mark Medlock holen und „Whoneedsyou“ bis zum Herbst in den Schrank stellen. Wobei, nein, eigentlich würde ich davon doch eher abraten. Ich denke, dass die Platte auch durchaus im Sommer funktioniert, nur vielleicht nicht unbedingt auf einer Strandparty.


Warum schreibt ihr eigentlich „Whoneedsyou“ zusammen? Soll das demonstrieren, dass das Album eine homogene Lawamasse ist?

Jakub: Wenn ich Dir das sagen würde, müsste ich dich töten! Naja, vielleicht nicht gleich töten. Es begann alles vor ein paar Jahren in Kanada wo mein guter Freund Steven Burlton eine geheimnisvolle Crew gründete. Die Mitglieder bekamen ein kleines Banner mit den Worten ,,Who needs you??" auf die Hand tätowiert. Heute sind es ca. 30 Leute auf der ganzen Welt, die diese Tätowierung tragen. Alle vereint der Gedanke, dass sie ,,brothers and sisters from another mother" sind. Uns hat die starke Aussage gefallen, denn man kann es interpretieren und auslegen wie man möchte. Man kann nicht mit einem Satz festlegen was die exakte Bedeutung von „Whoneedsyou“ ist. Jeder kann darin sehen, was er sehen möchte. Warum wir es zusammen schreiben kann ich dir leider nicht sagen, da eigentlich nichts dahinter steckt, außer dass wir finden, dass es so universeller wirkt und cooler aussieht.


Die einzige deutsche Band, die ich in letzter Zeit gehört habe, die auch eine solch bedrohliche, intensive Stimmung erzeugen kann, sind THE DESTINY PROGRAM. Auch die stammen aus dem Norden Deutschlands. Ihr kommt aus Hamburg. Weiter oben in unserem Land ist anscheinend dunkle Atmosphäre das tägliche Brot!

Pablo: THE DESTINY PROGRAM sind gute Freunde von uns. Außerdem habe ich als Tontechniker sowohl an „Whoneedsyou“ als auch an „Gathas“ mitgewirkt. Parallelen gibt es also durchaus. Ob diese dunkle Atmosphäre mit unserem Wohnort zusammenhängt kann ich nicht sagen, eigentlich geht es uns hier im Norden recht gut und entgegen aller Klischees scheint auch in Hamburg tatsächlich manchmal die liebe Sonne. Das ist wohl einfach die Musik, die entsteht, wenn wir vier zusammen an Songs arbeiten. Es muss sich aber niemand Sorgen um uns machen.


Könnt ihr vielleicht selber kurz den GREYschen Sound einem fachkundigen Hörer beschreiben und Referenzbands nennen?

Pablo: Eine äußerst undankbare Aufgabe möchte ich anmerken, bei nicht fachkundigen Hörern kann man das so angenehm schnell mit "so hartes Zeug mit Gebrüll" erledigen. Aber ich versuchs mal: Ich würde unsere Musik als düsteren, teilweise vertrackten, teilweise noise-lastigen, modernen Hardcore beschreiben. Unser Ziel ist es, Songs zu schreiben, die technisch und fordernd sind aber stets nachvollziehbar bleiben. Bei der Produktion war uns wichtig, dass der Sound nicht zu klinisch wird. Ich glaube sagen zu können, dass das ganz gut gelungen ist, der Sound ist druckvoll und zeitgemäß, hat aber auch den nötigen Schmutz und klingt organisch. Phil Hillen vom SU2 Studio hat da wirklich einen tollen Job gemacht.
Bands die uns sicherlich beeinflusst haben und mir spontan einfallen sind Norma Jean, Converge, Botch. Wir hören aber alle sehr vielfältige Sachen aus den Bereichen Hardcore, Metal, Punk, Alternative, 80's Pop und vieles mehr. Das fließt alles mit ein, mal mehr, mal weniger deutlich hörbar.


Ihr verbindet auf eurem Einstand mörderischen Groove mit technisch komplexen Parts immer im Fokus der Nachvollziehbarkeit. Dabei bindet ihr sehr melodische Refrains in die Songs ein, ohne dass diese zu sehr in den Vordergrund gestellt werden. „Whoneedsyou“ lebt somit ein wenig von den musikalischen Gegensätzen, oder?

Pablo: Das würd ich so unterschreiben. Es war uns wichtig, das Album abwechslungsreich zu gestalten. Die technischen Parts sind für uns als Musiker natürlich spannend, man will sich ja auch ein bisschen fordern. Wir haben aber versucht, den jeweiligen Song nicht aus den Augen zu verlieren. Wir erzwingen nichts, wenn wir zum Beispiel der Meinung sind, dass klarer Gesang angebracht ist, dann machen wir das. Geschrei in der Strophe, Gesang im Refrain ist uns aber als Schema zu langweilig. Wir pressen nicht auf Zwang Parts in die Songs, weil sie gerade angesagt sind oder weil "da halt ein Moshpart hingehört". Was immer dem Song dient kommt auch in den Song.


Meiner Meinung nach habt ihr versucht, einen eigenen Sound zu kreieren. Und ich bin auch der Meinung, dass ihr das geschafft habt. War das auch ein wenig euer Ziel?

Pablo: Das war natürlich ein Stück weit unser Ziel und es ist ein riesen Kompliment, wenn du der Meinung bist, dass wir das geschafft haben. Etwas zu machen, was es schon zigfach gibt finden wir nicht sehr aufregend und Komplimente wie „Cool, ihr klingt ja genau wie…“ halten wir wohl alle für sehr fragwürdig. Natürlich greift man auch auf bewährte Sachen zurück, denn das Genre neu zu erfinden halte ich für utopisch und auch nicht wirklich für nötig. Uns ist es einfach wichtig den Hörer, den Konzertbesucher und uns selbst nicht zu langweilen. Vielleicht kann man unser Schaffen darauf herunterbrechen: Keinen der Beteiligten zu langweilen, sei es im Proberaum, live oder auf der Platte.


Was versucht ihr mit Texten zu „I am God“ oder „Girl with the Pornstar Name“ auszudrücken. Welche lyrische Absicht steckt hinter „Whoneedsyou“?

Jakub: Ich hasse es über meine Texte zu schreiben oder sie erklären zu müssen. Du solltest sie lesen und so interpretieren wie du möchtest, das ist mein Ziel. Ich will keine Texte schreiben in denen man sofort weiß wovon ich rede. Der Empfänger sollte die Freiheit haben, seine eigenen Bilder im Kopf entstehen zu lassen, denn das macht die ganze Geschichte spannend und interessant. Oder würdest du es mögen, wenn du in der Schule sitzt, dir der Lehrer ein Buch zu lesen gibt und dir dann anschließend bis ins kleinste Detail erklärt, was der Autor dir eigentlich sagen will? Das schränkt die Menschen in ihrem Denken ein und macht sie dumm. Die meisten meiner Texte entstehen aus kurzen abstrakten Storys, die ich ab und zu schreibe, die dann später der Musik angepasst werden. Klar weiß ich was ich ausdrücken möchte, aber ich will niemandem vorschreiben was er darin sehen soll! Ich kann Dir nur sagen, dass hinter den Texten von „Whoneedsyou“ ein Teil meines Lebens steckt.


Wie wichtig sind allgemein die Texte für euch?

Jakub: Wichtig ist ein schwieriges Wort in diesem Zusammenhang, die Texte sind für mich auch nur ein Teil des Ganzen. Ich sehe GREY als Einheit, also ist es so, dass ich nicht die Musik oder die Texte einzeln betrachten kann. Ich versuche kein Prediger zu sein, der dir sagt wie du zu leben hast, was du essen sollst oder auf welcher politischen Seite du zu stehen hast. Ich versuche mit meinen Texten die Stimmung der jeweiligen Songs aufzugreifen und irgendwie in Worte zu fassen. Deshalb würde ich sagen, dass meine Texte „nur“ Teil der Musik sind. Viele Bands machen das anders, die Texte sind die Message und das Wichtigste, die Musik kommt erst an zweiter Stelle. Ich versuche mit meinen Texten die Stimmung der Musik zu komplettieren. Das soll aber nicht bedeuten, dass die Texte nicht so wichtig sind. Wenn du die Platte hörst und die Texte liest, dann wirst du begreifen, dass die Texte und die Musik zusammen gehören. Ich hoffe, dass du dich näher mit der Platte beschäftigst und viele Fragen in deinem Kopf entstehen. Das wollen wir von dir, es geht uns nicht darum mit Parolen um uns zu schmeißen, wir wollen, dass die Menschen mitdenken und vielleicht etwas von sich selbst in den Songs wiederfinden, so sehen wir Grey.


Auffallend gut ist auch das Coverartwork. Wer ist dafür verantwortlich und was soll es bedeuten?

Jakub: Es ist ein Ölbild von Jakub Kujawa, einem jungen talentierten Freund von mir aus Polen. Er begann bereits während seiner Zeit an der Kunsthochschule seine Abenteuer mit der Tattoomaschine. Vor ca. einem Jahr hab ich ihn in einem Tattoostudio bei einem Freund in Posen kennengelernt. Dort hing dieses riesige Bild. Es war mindestens 3x2m groß, und hat mich fast umgehauen. Meine erste Frage war ,,Wieviel willst du dafür haben?" Die Antwort war kurz und knapp ,,Niemals!". Ein Jahr später war die ganze Geschichte schon aus meinem Kopf verschwunden, dann nahmen wir unser Debüt auf und es kam die Frage auf, wie wir das Cover gestalten wollten. Hunderte Ideen später kamen wir zu der Gewissheit, dass unsere ganzen Vorschläge ziemlich scheiße waren und eine Woche vor der Deadline erinnerte ich mich wieder an dieses Bild. Ich schrieb Jakub eine Email, die prompte Antwort war zu unserer großen Freude, dass er sich geehrt fühlen würde, sein Gemälde auf unserem Cover wiederzufinden. Ich hoffe, dass sich jetzt mehr Menschen mit seiner Kunst beschäftigen werden. In unseren Platten gibt es auch einen Link zu seiner Webseite, die ihr auf jeden Fall mal abchecken solltet! Wenn es um das Thema Bedeutung geht, solltest du nochmal die Antwort zu meinen Texten lesen, auch hier gilt: Sieh es dir an und mach dir deine eigenen Gedanken.

Pablo: Die beste Notlösung ever! Hätten wir vorher von der Existenz dieses Bildes gewusst hätten wir uns den ganzen Stress nicht machen müssen.


Was macht ihr neben der Musik und welchen Stellenwert räumt ihr GREY zeitlich ein?

Pablo: Wir sind zwei Studenten, ein Tätowierer und ein Tontechniker. Wir investieren schon viel unserer Freizeit in GREY. Es gibt ja immer was zu tun, wenn kein Konzert ansteht basteln wir halt an neuen Songs oder kümmern uns um andere Dinge, die bei einer Band so anfallen.


Wie sieht eure musikalische Zukunft hoffentlich aus?

Pablo: Erstmal hoffen wir natürlich, dass „Whoneedsyou“ seine Hörer findet. Ab Ende August sind wir viel live unterwegs, um das Album zu präsentieren, da wären natürlich ein paar Gleichgesinnte vor der Bühne wünschenswert. In Zukunft werden wir überall spielen wo man uns sehen will und parallel schreiben wir natürlich fleißig an neuen Songs fürs nächste Album.


Das möchtet ihr unbedingt noch loswerden:

Pablo: Checkt die Konzertdaten auf myspace.com/whoneedsyou und kommt vorbei! Denn, mal Hand aufs Herz, dafür machen wir uns doch die ganze Arbeit.


Ich danke euch und wünsche GREY alles Gute!!

Pablo: Vielen Dank an dich und alle Leser für das Interesse!

Jakub: Grüße an alle mein Jungs aus den Bands in denen ich früher gespielt habe: 4 Lofty Guys, In Spite Of, Solitary, Schizma, Pignation und an meine Frau und meine noch ungeborene Tochter Greta!

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von 02.09.2010 01:43

von 02.09.2010 14:45