Interview mit Have Heart / Verse

27.08.2008
 

 

Mit Have Heart und Verse gingen diesen Sommer zwei absolute Flagschiffe des Modern Hardcore auf Tour. Nachdem man erst die USA beackert hatte, flog man anschließend zusammen mit Shipwreck über den großen Teich und machte an zahlreichen Standtorten in Deutschland Station, darunter auch in Bielefeld, wo das folgende Gespräch stattfand. Obwohl Verse-Frontredner Sean Murphy für ausführliche Statements auf der Bühne bekannt ist, nimmt er sich im Interview eher zurück und lässt somit Patrick Flynn von Have Heart Raum für seine Sicht der Dinge.

Was bedeutet Hardcore für euch?

Patrick: Für mich ist es eine Art zu leben. Ich bin zuerst mit der Punkrock-Szene in Berührung gekommen und da gab es einige Aspekte, die mich gestört haben, zum Beispiel das alles so Outfit-orientiert war. Die Hardcore-Szene hat mich dann mehr angesprochen, da sie individueller und nicht so im Mainstream verankert war. Für mich war sie einfach ehrlicher.

Sean: Ich hätte jetzt dasselbe gesagt, exakt das Gleiche gilt auch für mich.

Beschreibt doch bitte eure Heimatstädte und ob sie euch beim Schreiben der Lyrics inspirieren.

Patrick: Boston ist wirklich eine sehr schöne Stadt. Ich mag sie sehr, da es hier keinen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gibt. Es gibt nicht diese riesige Masse an armen Leuten und eine kleine Minderheit Wohlhabender. In anderen Städten hingegen ist es eher so, dass überall extreme Armut herrscht und es dann eine schöne Gegend gibt.
Ich habe viel Familie in Boston, die hier auch historisch verwurzelt ist. Ich bin zwar außerhalb aufgewachsen, dann aber mit 17, 18 in die Stadt gezogen. Es gibt einfach viel, was mich mit der Stadt verbindet. Über Sachen die mich mit etwas verbinden und berühren, schreibe ich auch immer.

Sean: Ich bin in mehreren Städten in Rhode Island aufgewachsen. Hier war es so, dass es ungefähr vier Cityblocks mit reichen Leuten gab und direkt gegenüber war dann eine schreckliche Nachbarschaft. In so einer bin ich auch aufgewachsen und habe folglich viele Leute in aussichtslosen Situationen getroffen, die auch schon häufig schreckliche Dinge getan hatten. Das hatte einen Einfluss auf mein späteres Leben, als ich dann zurückgeblickt habe und mir Gedanken gemacht habe, warum die Dinger so waren, wie sie waren. Vor allem die letzten beiden Verse-Alben wurden davon beeinflusst.

Woher holt ihr euch allgemein die Anregungen für eure Texte?

Sean: Eine Menge handelt von persönlichen Erfahrungen, außerdem lese ich viel, überwiegend Politik- und Geschichtsbücher.

Patrick: Ich schreibe gewöhnlich über Dinge, die ich eher verdränge. Das sind Sachen vor denen ich zu viel Angst habe, als dass ich mich mit ihnen auseinander setzen würde. Für mich zählt vor allem die Lebenserfahrung, die man daraus zieht, wenn man Teil einer Hardcore-Band ist. Das ist der Grund, warum wir so viel touren. Wenn man unterwegs ist, hat man die Möglichkeit jede Nacht über bestimmte Probleme zu singen, sich Gedanken zu machen und sie zu reflektieren. Die meiste Zeit des Tages ist man sonst mit seiner Arbeit beschäftigt und ist dann häufig zu müde, um über die wichtigen Dinge nachzudenken. Viele Fragen und Probleme werden dann einfach unter den Teppich gekehrt. Ich hingegen habe diese großartige Möglichkeit vierzig Minuten lang über Dinge zu singen, die mir sehr wichtig sind.

Das letzte Album ist beispielsweise sehr Familien-orientiert. Ich bin jetzt 23 und habe schon eine Zeitlang die Band gemacht. Ich beginne mich älter zu fühlen und mache mir halt über andere Sachen Gedanken. Ich wachse sozusagen mit der Band auf.

Warum tourt ihr so oft in Europa und besonders in Deutschland?

Patrick: Deutschland ist großartig.

Sean: Die Shows sind einfach geil.

Patrick: Ja genau. Die Leute sind sehr freundlich. Die Shows sind sehr leidenschaftlich, so was gibt es nicht so häufig in den Staaten. Kalifornien ist aber ein sehr guter Ort für Auftritte. Doch in Deutschland wirkt die Hardcore-Szene so groß und die Leute kümmern sich einen Scheiß um Message-Boards und Trends, die dadurch gesetzt werden. Das ist großartig, denn in den Staaten hat sich diese Denkweise wie eine Epidemie ausgebreitet.
Von Anfang an war Deutschland eigentlich immer der beste Platz für uns um zu spielen. Jeder hat uns soviel zurückgegeben und die Leute waren sehr offen.

Sean: Die Gastfreundschaft, großartige Shows, die Kids sind dankbarer. Nach unseren Auftritten kommen oft Leute zu uns und fragen nach den Songs. Dadurch fallen einen dann oft neue Dinge auf und man kann sich unterhalten. In den USA passiert so was vielleicht gerade einmal halb so oft. Und die Shows in Deutschland sind einfach sehr, sehr gut.

Spielt ihr lieber Club- oder Festivalshows?

Sean: Kellershows. Kleine Clubs sind cool. Es ist auch cool, wenn man vor richtig vielen Leuten reden und seine Message verbreiten kann, aber die Intimität einer Clubshow vor 100, 200 Kids fehlt einfach. Für mich persönlich sind solche Gigs dann reizvoller, aber die Power der anderen Shows ist natürlich auch eine gute Sache.

Patrick: Ich mag Clubshows auch lieber, weil sie intimer sind. Man kann sich mit den Leuten verbinden. Das ist alles, worum es bei Have Heart geht. Mir ist es scheißegal, ob tausend Leute schreien. “It’s not about getting heads to react, it’s about getting minds to connect”. Man ist den Menschen näher und kann erkennen, ob während des Sets immer die gleichen Personen vorne stehen oder nicht. Natürlich sind Festivals auch großartig. Wenn ich internationale Festivals spiele, mache ich mir allerdings immer Gedanken, ob man auch alles versteht, was ich auf der Bühne sage. Deswegen erzähle ich dann meistens nicht ganz so viel.

Habt ihr manchmal Angst auf der Bühne, wenn so viele Menschen um euch herum stagediven und mitsingen?

Patrick: Ne, davor habe ich keine Angst. Ich wurde bisher nie wirklich schlimm verletzt. Die Menschen in Europa sind respektvoller als die in den USA, wo sich die Leute schon mal die Gitarren schnappen. Das ist eine seltsame Form von respektlosem Respekt.

Sean: Ich bin 29 Jahre alt, nicht versichert und lebe von nichts. Ich habe Schiss davor mir meine Knochen zu brechen, mich schwer zu verletzen und meine Zähne zu verlieren. Ich will mir meine Zähne auch schon lange richten lassen, habe aber nicht genug Geld dafür.


Warum gibt es in der Hardcore-Szene nicht so viele Frauen?

Patrick: Das war schon seit dem Beginn so. Frauen waren im Hardcore immer Außenseiter. So sollte es natürlich nicht sein. Sie sind auch nicht unbedingt Außenseiter, sonder eher hinter den Kulissen tätig. Ich kenne unzählige Mädels, die viele gute Dinge für die Musik gemacht haben, aber nicht unbedingt auf der Bühne tätig waren. Hardcore wird wegen dem aggressiven Sound häufig als Macho-Ding angesehen. Die Jungs haben die Mädchen damals, als alles angefangen hat, nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Auch heutzutage gibt es Kerle, die es nicht gerne sehen wenn Frauen moshen.

Sean: Neulich war ein Mädel, die gerade Hardcore und Punk für sich entdeckt hatte, auf einer Show und sie wurde von allen Typen von oben bis unten angestarrt. Ich habe mich in der Vergangenheit selber so verhalten, bis ich erkannte habe, dass das eine schreckliche Angewohnheit ist. Frauen sollten auf Shows gleich behandelt werden. Sie können genauso, vorne stehen, mitsingen und stagediven.

Patrick: Ich weiß nicht wie es in Europa ist, aber in Amerika, wo sich Hardcore entwickelt hat…

Sean: Ich erinnere mich an das Dischord-Haus, also dem Haus von Ian MacKayes Mutter, wo sie dieses „No Girls Allowed“-Schild hatten. Es war immer schon so und es hat sich nie geändert.

Patrick: Die Vereinigten Staaten waren schon immer ein sehr sexistisches Land. Frauen wurden viele Jahrzehnte lang als zweitklassig angesehen, aus biologischen und ähnlichen Gründen. Das besondere am Hardcore ist ja, dass es eine Bewegung ist, die von jungen Teenangern gestartet wurde. Leider sind junge Leute aber häufig noch unreif und intolerant.

Weshalb lösen sich so viele moderne Hardcore-Bands schon nach kurzer Zeit wieder auf?

Patrick: Wenn man in einer Hardcore-Band ist, muss man sich mitunter mit wütenden Kids auseinander setzen. Das ist anstrengend. Wir wollten nicht noch einmal genau das gleiche Album schreiben, sondern etwas anderes machen. Uns war aber bewusst, dass wir dafür Kritik ernten würden. Doch damit muss man leben.
Ein anderer Punkt ist, dass in den Staaten das Benzin sehr teuer ist. Bei einer wirklich gut besuchten Show kommen ungefähr 300 Kids. Hier in Europa gibt es diese Festivals wo tausende Leute kommen, so was gibt es in den Staaten nicht einmal im Jahr. Ich spreche nur für die Staaten und dort ist es sehr hart für eine Band aus dieser Szene.

Sean: Man kann in den Staaten einfach nicht vom touren leben. Viele Leute haben Angst dieses Risiko einzugehen.

Patrick: Man muss gewisse Opfer bringen. Ich habe auf Beziehungen und Geld verzichtet. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich mich von allen meinen materiellen Besitztümern getrennt habe, aber ich habe schon vieles aufgegeben. Häufig passiert für eine Band auch alles zu schnell. Man kennt die richtigen Leuten, wird von den richtigen Gruppen supportet und erhält schließlich die Möglichkeit eine Tour zu fahren. Schnell fühlt man sich dann wie die größte Band der Welt, aber das alles bedeutet nichts, wenn man es sich nicht selber erarbeitet hat. Als wir angefangen haben, waren wir nicht die typische Band, die die Leute in Boston oder Rhode Island mögen. Wir haben einfach unser eigenes Ding gemacht und es hat geklappt. Wir haben zwei Alben veröffentlicht, Verse drei.

Macht ihr euch Sorgen über euer Leben nach der Band?

Patrick: Ich habe schon eine Ahnung davon, was ich machen will. Mein Vater hat immer zu mir gesagt, „plan your work and work your plan.“ Das habe ich gehasst. Er meinte damit, wenn du etwas erreichen willst, musst du organisiert sein und es machen. Ich wollte schon als Kind immer in einer Band sein. Mein Vater war beim Militär und ich mochte die Vorstellung im Land herumzureisen und soviel zu sehen wie möglich. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Ziel erreicht habe. Aber ich habe natürlich Wünsche und Vorstellungen, die über die Band hinausgehen.

Sean: Seit ich dich kenne, warst du immer jemand, der sehr ehrgeizig war, immer zur Schule gegangen ist und überall 110 Prozent gegeben hat. Du hattest immer diese Ziele, die du erreichen wolltest, das ist doch großartig.

Patrick: Ich bin sehr glücklich. Ich habe diese Erfahrungen aus der Hardcore-Szene als Teil einer Band, für die ich wirklich sehr dankbar bin. Sie haben mir gezeigt, dass man erreichen kann was man will, wenn man motiviert und überzeugt genug ist.
Ich will irgendwann mal ins Ausland gehen und dort im sozialen Bereich oder als Lehrer arbeiten.

Sean: Ich weiß nicht genau, was ich machen werde, habe aber auch keine wirkliche Angst. Ich werde sicherlich wieder in irgendeiner Form zur Schule gehen oder etwas im sozialen Bereich machen. Keine Ahnung, wann es soweit ist. Vielleicht, wenn ich dreißig bin, vielleicht später.


Was würdet ihr ändern, wenn ihr für einen Tag Präsident der Vereinigten Staaten sein könntet?

Sean: Alle Militärstützpunkte in der Welt abschaffen, alle Truppen aus allen Ländern zurückziehen. Niemals andere Länder besetzen. Keine Weltbank, kein IWF (Internationaler Währungsfonds). Gott, da gibt es echt zu viele Sachen. Ich würde einfach das genaue Gegenteil von diesen Motherfuckern machen.

Patrick: Ich würde, das ganze verschwendete Geld, das in die Rüstungs- oder Raumfahrtindustrie fließt, in die Schulen investieren.

Sean: Man sollte das Geld der machthungrigen Konzernbosse und Politiker, den armen Leuten geben, die es wirklich brauchen.


Label: Bridge Nine Records
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