Interview mit I Am The Avalanche

 

"Welcome to California" grinst Vinnie Caruana in die Runde. Aufgebracht laufen einige Gestalten ueber den Parkplatz und sind sich sicher: "Das waren Schuesse!" sagt der Eine. "Ja" erwiedert ein Naechster. "Aber sicherlich eine halbe Meile weit weg von hier..."





Vinnie schuettelt kurz den Kopf und widmet sich wieder dem Gespraech. Die letzte Nacht hat er nicht viel geschlafen. In Los Angeles wurde bis halb drei gefeiert - um halb sechs bereits war er wieder wach, um "seinem" Team Liverpool zumindest im Fernsehen live beiwohnen zu koennen. "Ich versuche, jedes Spiel zu sehen. Oft muss ich dafuer zwar meinen Schlaf aufgeben, aber es lohnt."
Immerhin war die Fahrt heute eine kurze und sein Tag somit ein voller Erfolg. Der Frontmann von I AM THE AVALANCHE aus Long Island, New York nimmt sich demnach besonders viel Zeit, um das aktuelle Personal seiner Band vorzustellen. "Niemand nennt Brandon "Brandon" - ausser seiner Mutter". Und als Gitarrist ist er einfach das perfekte Mitglied fuer unsere Gang." Diese besteht neben Caruana, der sich selbst schon seit zu langer Zeit als "professional punk rocker" sieht und dem ehemaligen FURTHER SEEMS FOREVER Gitarristen Brandon "Aggro" Swanson aus Gruendungsmitglied und Schlagzeuger Brett "The Ratt" Romnes aus Daytona, Florida, Corey Perez, der als Gitarrist auf Empfehlung der befreundeten THE GASLIGHT ANTHEM zur Band dazustoss, sowie Basser John Oliva, den Vinnie ueber Anthony Raneri von BAYSIDE kennenlernte. Klingt nach einer grossen Familie, meint auch Caruana: "Ich habe mir stetig Denkzettel im Kopf gemacht, wenn ich von Leuten umgeben war, mit denen ich gerne musiziert haette. Diese Denkzettel habe ich abgerufen, als es daran war, Musiker fuer I AM THE AVALANCHE zu finden. Wir sind immer noch mit Mikey und Kellen befreundet und haben uns in aller Freundschaft von ihnen getrennt. Im aktuellen Line Up ist jeder stolz darauf, seinen Beitrag zur Band zu leisten. Da wir nicht stetig touren - so wie jetzt in drei Abschnitten -, sondern auch die Zeit zu Hause mit unseren Frauen, Freunden und Hunden schaetzen, funktioniert die Band heute besser denn je zuvor." Auf den Verlauf von I AM THE AVALANCHE ist Caruana besonders stolz. Natuerlich steht er auch zum Debuetalbum der Band, ist aber davon ueberzeugt, dass das Quintett mit den Jahren gewachsen ist. "Es schockiert mich manchmal, dass es die Band immer noch gibt. Es ist bereits so lange her, dass wir uns gegruendet haben - und wir hatten nie irgendwelche nennenswerten, grossen Erfolge, haben uns nie Haeuser von unserer Musik kaufen koennen. Aber die Band macht einfach allen zu viel Spass und zu sehen, wie wir besser funktionieren und alles ueberstehen, ist toll. Dazu kommen unsere loyalen Fans, keine uns selbst auferlegten Pflichten - wir machen einfach, was wir wollen. Die Leute mit denen wir zusammenarbeiten sind keine Manager oder Geldfuechse."



Auf dem neuen Album "Wolverines" widmet sich Caruana einer schweren Zeit: Nach einem Hockey-Unfall war der Frontmann laengere Zeit auf Medikamente angewiesen und unfassbaren Schmerzen ausgesetzt. Eine Teil seiner Wirbelsaeule drueckte auf einen Rueckennerv, so dass die Zeit in der das Album entstand keine leichte war. "Ich war quasi drei Monate lang ans Bett gefesselt und konnte kaum rausgehen. Dazu kam die Verwuestung, die Hurricane Sandy in meiner Heimatstadt hinterliess. Insgesamt herrschte in meinem Leben daher eine relativ duestere Stimmung, wenngleich ich auch in den Texten versuche, gegen diese Stimmung "anzustinken". Trotz der Konflikte und allem Negativen transportiert die Platte eher den Ausweg: Ja, dieser Mist passiert - aber es gibt Licht am Ende des Tunnels. Auf jeden Fall hatte ich waehrend der Entstehung von "Wolverines" einiges zu sagen", lacht der ehemalige Saenger von THE MOVIELIFE, die in seinem Leben noch immer eine Rolle spielen. "Ich spiele noch immer manche der alten Songs, allerdings finde ich nicht in allen Texten von frueher noch denselben Sinn. Wir haben hauptsaechlich ueber Maedchen gesungen und natuerlich aendern sich hier die Ansichten. Ausserdem haben wir so gut wie gar nicht miteinander kommuniziert. Wir dachten an ein paar spassige Hometownshows, im naechsten Moment fanden wir uns auf grossen Buehnen weltweit wieder - ohne ueberhaupt zu wissen, ob wir mit einander auskamen oder auskommen wollten. Nach THE MOVIELIFE wollte ich vor allem selbst der Songwriter sein. Also habe ich mich hingesetzt und das Debuet geschrieben. Ich wollte mein eigenes Ding machen und mich nicht auf jemanden anders verlassen muessen. Heute bestimmt eher der Mix das Bild: Ca. 75% der neuen Platte gehen auf mein Konto, aber auch Brandon und Mikey haben ihren Beitrag geleistet. Ich denke, genauso mit dieser Arbeitsweise kommen wir gut zurecht."
Dazu pumpt Caruana seine markante Ostkuestensignatur in die Gesangsstimme, der er klar und deutlich Long Island als Entstehungsort zuteilt. "Als wir anfingen, war dieses "throaty melodic thing" schwer angesagt, daher habe ich sicher viel abgekupfert. Was die musikalischen Einfluesse anbetrifft, kann ich keine genauene Linien ziehen. Nicht nur Punkrock und Hardcore haben mich beeinflusst, ich koennte genauso pausenlos Tom Petty hoeren und im Anschluss Punksongs schreiben, wie es Tom Petty taete." Keinesfalls wuerde Vinnie Caruana die Karriere als Musiker anstreben, nur um damit Geld zu verdienen. Gute Songs schreiben, diese noch besser spielen koennen und einfach abwarten, was passiert. Diese Annaehrung ist unter anderem dafuer verantwortlich, dass er heute noch "Vollzeitmusiker" ist. I AM THE AVALANCHE, PEACE'D OUT oder seine Soloshows laufen rund, waehrend Weggefaehrten aus frueheren Tagen heute als Immobilienmakler arbeiten. "Fuer mich muss es eine Art von Integritaet geben, ich muss mich mit der Musik identifizieren koennen. Nicht nur wegen meinem Punk- und Hardcorehintergrund gehoert das fuer mich wie eine Art "Moral" dazu. Ich bereue nichts, ich bin stolz auf mein bisheriges Schaffen. Ich hoffe, ich verkacke es nicht irgendwann."




Solange geniesst Caruana die Gesellschaft zu Hause und Zeit am Strand. "Von meinem Haus aus kann ich das Meer sehen, ich gehe angeln, schwimmen und treffe Freunde in Brooklyns Kneipen. Freunde und Familie bedeuten mir viel, wenn ich nach Hause komme. Manchmal gehe ich auch ans Meer, um in Ruhe zu schreiben. Ich koennte den negativsten Song der Welt schreiben, waehrend ich mit einem Bier und meiner Gitarre am Strand sitze." Dem Nachfolger zu "Wolverines" steht demnach offenbar wenn bloss der Liverpool FC im Wege.