Interview mit Ingo Schmoll

 

Für das neue WDR-Format Rockpalast BACKSTAGE begleitet INGO SCHMOLL einen Künstler, der in NRW ein Konzert gibt, einen ganzen Tag lang. Ob beim Einchecken im Hotel, beim Soundcheck, beim Essen oder auf dem Weg zum Tourbus nach dem Konzert: INGO SCHMOLL ist überall dabei. Bisher hat er CASPER, MAXIMO PARK, THEES UHLMANN und die BEATSTEAKS begleitet. Im Interview erzählt er uns, was er dabei so erlebt hat.



Wie ist die Idee zu dem Format Rockpalast BACKSTAGE entstanden?
Einmal im Jahr gibt es beim WDR eine Innovationsförderung. Das heißt, sie haben Geld, um neue Sachen zu unterstützen und umzusetzen. Elmar Sommer, einer der Realisatoren des Rockpalasts, kam auf mich zu und dann haben wir uns die Sache gemeinsam überlegt. Es wurden rund 80 andere Sachen eingereicht, aber unsere Idee hat es geschafft.

Du verbringst dann 24 Stunden mit den Künstlern, begleitest sie Backstage überall hin vor und nach ihrer Show?
Wir haben bisher immer einen Tag gemacht, nicht 24 Stunden, einfach von morgens bis abends. Wenn die Künstler in der Venue aufschlagen, sind wir meist schon da und bleiben bis nach dem Konzert.

Bisher hast Du Casper, Maximo Park, Thees Uhlmann und den Beatsteaks für das Format über die Schultern geschaut. Mit wem hattest Du den besten Tag?
Das ist schwer. Von meinem eigenen Fantum her würde ich sagen mit den Beatsteaks, weil ich die Musik und die Menschen gerne mag. Bei Casper war es so, dass der Hype um ihn mir vorher total auf die Nerven ging. Aber als ich ihn dann kennenlernte, habe ich ihn ganz anders wahrgenommen. Ich hatte einen guten Tag mit ihm und war überrascht, was für ein netter Kerl er ist. Ich hätte im Vorfeld eher einen introvertierten, verkorksten Typen erwartet, aber es kam dann ja ganz anders.

Hattest Du mit den Künstlern vorher auch schon mal eines dieser normalen Standard-Interviews?
Bis auf Casper hatte ich vorher auch schon mit allen Musikern ganz normale Interviews, wie man sie so kennt.

Was ist anders an den Gesprächen, wenn Du die Künstler einen ganzen Tag lang begleitet?
Es war insofern ein Unterschied, dass es keine klassische Interviewsituation gab. Durch die Länge der Zeit haben sich tiefere Gespräche entwickelt. Was natürlich viel spannender ist. Du kriegst einfach mehr von dem Menschen mit, der sich hinter dem Künstler verbirgt. In der normalen Interviewsituation arbeitest du nur deine Fragen ab, die Zeit reicht dann meist nur, um über das neue Album, die aktuelle Tour zu reden und dann noch ein oder zwei andere Fragen zu stellen und dann war es das. Das ist bei dem Format anders, weil du den Künstlern den ganzen Tag über die Schulter schaust und dabei bist. Wir haben auch extra gesagt, dass wir keine gestellten Situationen drehen. Der Betrieb drum herum, der bleibt so, wie er vor und nach jedem anderen Konzert auch ist.

Hast Du es manchmal als anstrengend empfunden, so viel Zeit mit den Künstlern zu verbringen und ständig Gespräche führen zu müssen?
Eigentlich nicht, weil ich sehr neugierig war. Aber das hat wohl auch mit der Auswahl der Leute zu tun. Manchmal waren auch ruhige Momente, wo keiner was gesagt hat, ganz gut, weil dann daraus wieder Situationen für ein weiteres Thema entstanden. Ich kann zwischendurch auch mal ganz gut Stille aushalten. Das ist genau richtig bei einem Typ wie Thees Uhlmann, der ein sehr spezieller Mensch ist, der hält gerne mal inne. Du fragst ihn was, dann stockt er und es kommt erst einmal gar nichts, bevor er seine Antwort gibt. Aber dann kommen eben tolle Sachen von ihm und er weicht auf. Wenn du ihn voll zuballerst mit Gelaber, dann kommen solche Antworten vielleicht nicht.

Sind denn auch wirklich tiefer gehende Gespräche entstanden?
Ja, beispielsweise bei Arnim von den Beatsteaks. Wir haben viel über seine Familie und den Zusammenhalt geredet. Das ging ihm schon sehr nahe, denn er stand irgendwann auf und sagte »das ist ja die reinste Psychologensession hier«. Es ging auch um seine Tochter, er ist ja vor kurzem Papa geworden. Er sagte, er sei glücklich darüber, dass er durch die Band vier Paten für sie habe, falls er mal irgendwann vors Auto rennt oder so. Das war schon sehr emotional, was da rüberkam. Bei Thees Uhlmann ebenfalls, der hat ja auch eine Tochter. Paul Smith erzählte mir, dass er sich ständig Sorgen macht, wie es so weitergeht. Und seine Oma sagt ihm immer, dass er jederzeit zurück ins Call-Center gehen kann, zurück zu seiner alten Arbeit, wenn alles nicht klappt. Die Gespräche sprengten den üblichen „Rock’n’Roll und wir sind alle cool“-Gedanken. Allerdings musste ich auch ziemlich viel von mir preisgeben, damit eben auch tiefere Gespräche entstehen konnten.

Hast Du im Vorfeld Notfall-Themen gehabt, falls es mal gar nicht läuft, ein Gespräch nicht richtig in Gang kommt?
Notfall-Themen ist das richtige Wort, ja. Ich hatte mir im Vorfeld Stichworte gemacht, welche Themen ich auf jeden Fall noch ansprechen könnte. Die Stichworte waren in meinem Handy gespeichert, für den Fall, dass es nicht läuft. Verrückterweise bin ich nicht dazu gekommen, diese Themen anzusprechen. Was ich im Vorfeld so auch nicht gedacht hätte. Es war ein echter Glücksfall mit den Leuten. Ich hatte das Gefühl, dass die Künstler auch das Bedürfnis hatten, mal mehr zu erzählen, als in dieser Standard-Interviewsituation, die sie ja auch in- und auswendig kennen. Paul Smith beispielsweise hat fast gar nicht mehr aufgehört zu reden. Wir haben den Künstlern zwischendurch auch mal eine halbe Stunde Pause gelassen, in der wir nicht gedreht haben. Und bei Paul Smith war es so, dass er immer ankam und gefragt hat »machen wir jetzt weiter?«.

Was war das Interessanteste, was Du über die Künstler erfahren hast?
Bei Casper fand ich es interessant, wie viel DIY er eigentlich macht. Er hat mir erzählt, dass er sich seine Bühnendeko selbst ausgedacht hat und sie sich selbst kaufen musste. Das hat mich echt überrascht. Insgesamt ist mir aufgefallen, dass bei den Künstlern der DIY-Charakter groß ist, das hat vermutlich auch damit zu tun, wie sich die Musikszene in den letzten Jahren verändert hat. Thees Uhlmann schreibt beispielsweise von unterwegs aus auch mal Grand Hotel van Cleef Newsletter, ohne dass da sein Name druntersteht, ohne, dass man mitkriegt, dass die von ihm verfasst sind. Bei den Beatsteaks ist es so, dass die Band vor allem Geld verdient durch Tour und T-Shirts. Das haben sie ganz speziell betont. Und die T-Shirts gestalten sie auch selbst. Sie gehen zu einem Grafiker und gestalten sie zusammen mit ihm.

Habt Ihr die ganze Zeit nur geredet oder auch mal was anderes gemacht?
Mit Casper bin ich beispielsweise noch nach Münster in die Stadt gefahren. Dort wollten wir eigentlich zu einem Plattenladen, aber als wir da ankamen, haben wir gesehen, dass er abgerissen worden ist. Daneben war aber ein Militär-Laden, dann sind wir da reingegangen. Das war eine völlig ungeplante Situation, aus der was Gutes entstanden ist, weil wir dann in dem Laden über seinen Dad geredet haben. Wir waren noch in einer Apotheke und haben Halstabletten gekauft, aus dieser Situation heraus hat Casper über Schwangerschaftstests gesprochen.

Gibt es eine Band, mit der Du, wenn es möglich wäre, gerne einen Tag verbringen würdest?
Nach dem positiven Erlebnis mit Casper denke ich, dass ich auch Musiker nehmen könnte, die ich selber nicht höre oder auf den ersten Blick gar nicht so spannend finde. Weil sich daraus vielleicht noch viel interessantere Situationen und Gespräche ergeben. Ein Tag mit New Order wäre für mich ein Highlight, ich bin ja ein riesiger Fan. Man könnte auf die alten Tage auch mal was mit den Toten Hosen machen.

Und welche Band willst Du lieber nicht einen ganzen Tag lang auf Schritt und Tritt verfolgen?
Alle Bands, die im Vorfeld sagen, dass sie das vorher sehen wollen, um es zu zensieren. Wir hatten auch eine Anfrage laufen, bei einer Band, die ich nicht nennen kann, die das vor der Veröffentlichung sehen und zensieren wollten. Da haben wird dann Nein gesagt.

Sind weitere Folgen in Planung?
Meistens sind die Sachen, die unter der Innovationsförderung laufen, eher One-Hit-Wonder. Auch wenn es super ankommt. Grundsätzlich würde ich behaupten, dass man ein bisschen mehr darauf gucken könnte, was das für Sachen sind und wie sie ankommen.

Die Rockpalast BACKSTAGE Folgen werden auf Einsfestival ausgestrahlt.
Die Sendetermine:
23.01. – 21.45 Uhr CASPER
30.01. – 21.50 Uhr MAXIMO PARK
06.02. – 22.10 Uhr THEES UHLMANN
13.02. – 21.55 Uhr BEATSTEAKS

Alte Kommentare

von jonsen 21.01.2012 18:04

schönes interview. der typ klingt ziemlich entspannt, ich denke mit dem lässt es sich auch einen tag lang aushalten...:)

von Mulder 24.01.2012 09:04

...sehr schön!

von Clement 24.01.2012 14:05

<3marlene<3

von furz 26.01.2012 22:58

aber auch nur einen tag