Interview mit Kettcar

 




Kein Musikmagazin, das etwas auf sich hält kommt ohne einen Bericht über diese großartige Band aus. Bekannermaßen teilen sie ihre Erfolge auch gerne. Man denke nur an das Label GRAND HOTEL VAN CLEEF, welches von Reimer Bustorff, Marcus Wiebusch und Thees Uhlmann gegründet wurde und sich nach wie vor die Förderung neuerer Bands aus allen Herren Ländern auf die Fahnen geschrieben hat. Wir trafen Gitarrist Erik Langer zum Interview vor dem Tourauftakt zur neuen Platte "Zwischen den Runden" in den Katakomben der Großen Freiheit 36 in Hamburg, direkt gelegen an Deutschlands bekanntester Amüsiermeile.

KETTCAR treiben seit 10 Jahren ihr (Un)Wesen in der deutschen Musikszene und haben gerade ihr viertes Album herausgebracht. "Zehn Jahre harte Arbeit waren das", erzählt Erik. Ob allerdings die Brigitte schon zum Interview aufgelaufen sei, weiß er nicht mehr so genau. "Ich habe da ehrlich gesagt den Überblick verloren." Einem Schreiberling kann es bei soviel Berichterstattung nur schwer fallen, Fragen zu stellen die noch kein Magazin gestellt hat. Vertraut man der bisherigen Berichterstattung, so sind die Songs von KETTCAR keinesfalls als autobiografische Verarbeitung des privat Erlebten der Bandmitglieder zu verstehen. Keine Selbstbefindlichkeitsfixierung also, wie sie ihnen so oft vorgeworfen wird. Woher kommen also die Einflüsse für diese Songs, in welchen sich soviele Menschen aus sovielen unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen wiederfinden? "Sie kommen auf jeden Fall aus unserem Umfeld. Aus den Filmen die wir gucken, aus der Musik, die wir hören, aus den Büchern die wir lesen und relativ wenig bis gar nichts ist authobiografisch. Aber das muss es ja auch nicht sein und kann trotzdem aus dem Leben gegriffen sein und die Menschen ansprechen. Und das ist das Ziel von unseren Songs.", erklärt Erik. "So richtig losgelöst von unserem Leben ist das aber nicht. Es sind aber nur ganz kleine Momente aus denen dann eine Geschichte gemacht wird. Wenn Reimer zum Beispiel sagt, dass bei ihm um die Ecke eine Kneipe ist, wo er immer vorbeigeht und dass da immer die selben Leute drin sitzen, fast 24 Stunden am Tag, dann inspiriert ihn das zu einem Stück wie "Kommt ein Mann in die Bar". Er spinnt dann da Geschichten um diese Menschen in der Bar. Er ist da nicht rein gegangen und hat die Leute interviewt, das ist dann eben ein kleiner Ausschnitt aus seiner Phantasie, die eben auf einer kleinen Momentaufnahme, die auf seinem täglichen Gang von der Arbeit bis zur Haustür herrührt."

Zuhause sind KETTCAR allesamt noch in Hamburg. Heimat ist für sie im philosophischen Kontext eine Gemeinschaft der Gefühle und somit Familie und die Liebsten die Heimat und das Zuhause. So trifft man sich zu Heimspielen des FC St. Pauli im Stadion, hütet gegenseitig Kinder, treibt Pflanzenpflege auf dem Balkon. Wenn es wieder wärmer wird gibt es Feierabendbierchen mit den Kumpels auf den Terassen an den Landungsbrücken. "Wir führen alle ein relativ normales Leben abseits von diesem Tour- und Studioalltag. Reimer sagt immer, wenn er von einer Tour wiederkommt und dann im GRAND HOTEL VAN CLEEF erstmal eine Exeltabelle aufmachen muss, dann findet er das ganz gut, weil ihn das sehr erdet und er dann in der Realität ankommt." Keyboarder Lars betreibt auf dem Land eine kleine Fischräucherei, die er aus Familienbesitz übernommen hat, der Schlagzeuger gibt Schlagzeugunterricht. Beruflicher Alltag, ganz normal, wie bei allen anderen Menschen auch. "Was sollen wir denn sonst machen? Die Nächte durchsaufen? Koksen? Wir sind ja auch nicht so richtige Stars, die in der Gala stehen oder im Fernsehen stattfinden." Allerdings würde auch Erik gerne mal öfter aus sich rausgehen können: "Die neuen blauen Wasserwerfer sehen echt krass aus und ich würde gerne mal einen davon kaputt machen. Ich würde gerne mal an so einem Ungetüm meine Aggressionen auslassen. Das geht aber wahrscheinlich gar nicht..."

Vielleicht ist das eine weitere wichtige Erkenntnis, warum KETTCAR für so viele Menschen funktionieren. Gehirn ist für die Musik auch nicht zwangsläufig Pflicht. "Man muss den Kopf nicht anschalten, man kann auch einfach so der Musik zuhören und sie vorbeiziehen lassen. Und wenn man dann mal ein Satzfragment auffängt, das einen anspricht, dann kann man den Text entdecken. Man muss nicht immer voll dabei sein." Das bunt gemischte Publikum von 16 bis 60 beunruhigt die Band nicht. "Wir sind keine Band des Volkes", meint Erik dazu. "Ich fasse das als Lob auf, dass unser Publikum sehr unterschiedlich ist."

So kann man KETTCAR, wenn man sich das Publikum anschaut, nicht so einfach kategorisieren und auch zum Hardcore haben sie einiges zu erzählen. Aufgrund der langjährigen Erfahrungen in der Musikszene kennen sie sich also auch im Bereich des Hardcore aus, woraufhin sich das Gespräch auch über die Genregrenzen hinwegbewegt. "Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was heutzutage alles als Hardcore zählt. Ist RISE AGAINST eine Hardcore Band? Nee, oder? Das ist eher so eine Popband. Ich freue mich jedenfalls, dass GORILLA BISCUITS mal wieder auf Tour kommen. Vor drei Jahren auf deren Reunionshow habe ich sie in Hamburg im Grünspan gesehen und bin dann auch noch nach Berlin gefahren um sie mir dort auch nochmal anzugucken mit ein paar anderen Freunden und das war großartig. Es ist total super, dass es Bands gibt, die diesen Reunionquatsch machen und bei denen das total cool ist, weil die offensichtlich Spaß damit haben. Bei REFUSED bin ich mir da nicht so sicher ob das so cool ist, wenn sie wieder kommen. Ich glaube ich werde mir das mal ansehen. Die haben sich ja damals aufgelöst, weil sie so zerstritten waren. Dazu muss man sagen, dass nach "The Shape Of Punk To Come" nichts mehr kommen konnte. Das war einfach das Ende des Hardcores für mich. Da konnte nichts mehr drübergehen. Auch heute denke ich noch, wie unglaublich zeitlos diese Platte ist. Schon ganz schön abgefahren. Meine Hardcorephase war damit vorbei", und man könnte meinen Erik würde an dieser Stelle etwas sentimental werden. Allerdings muss er dazu auch anmerken, dass er sich seitdem nicht mehr richtig mit der Szene beschäftigt habe. Vielleicht gäbe es Bands die das schaffen, aber der richtige Kracher, die richtigen Innovationen sei eben nicht mehr dabei. "Aber ich finde die Szene geil." Was diese Leute auf die Beine stellen würden, welche Mühen diese Menschen sich machen auch wenn sie nur 500 Platten verkaufen würden. Dieser internationale Zusammenhalt fasziniere ihn. "Ich finde das auch faszinierend, dass wir zum Beispiel immer wieder Leute von vor 15 Jahren treffen, die wir mal kennengelernt haben, weil die in irgendeinem kleinen Dorf Konzerte organisiert haben und die das immer noch machen. Das ist toll, dass es so viele Leute gibt, die ganz klein angefangen haben, so wie wir, dabei bleiben in irgendeiner Form.", erzählt Erik und fügt hinzu: "Punk wird nie tot sein."