Interview mit Kettcar

01.11.2012
 

 

Marcus Wiebusch blickt im Gespräch auf zehn Jahre Grand Hotel van Cleef zurück, erinnert sich, wie er sich Geld von seiner Mutter leihen musste, mit welchem Satz die großen Plattenfirmen ankamen, als Kettcar dann doch erfolgreich war und erzählt, warum er in manchen Nächten nicht ruhig schlafen kann.

„Wie viel Geld brauchen wir?“ Sie tippen Zahlen in Excel-Tabellen ein. „Woher nehmen wir das Geld?“ Sie wollen es sich von Marcus‘ Mutter leihen. Nach einer Stunde sagt einer dann: „Komm, lass Mario Kart spielen.“ Die Geburtsstunde des Grand Hotel van Cleef. So geht Labelgründung bei Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff und Thees Uhlmann. Zehn Jahre ist dieses Treffen bei Marcus Wiebusch jetzt her. „Die Nintendo aus der Gründungsstunde habe ich immer noch“, erzählt er und lacht. „Das ganze Planen war uns irgendwie zu langweilig, wir haben dann Mario Kart gespielt.“ Aber sie mussten ja planen und rechnen, alles selbst in die Hand nehmen. Für Kettcar hatten sie keine Plattenfirma gefunden, waren enttäuscht. Dann gab es ein Frühstück mit einem Universal Mitarbeiter, Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch. „Der Universal Mitarbeiter hat zu uns gesagt, »wenn euch keiner will, dann müsst ihr das selber machen. Ihr habt doch ein bisschen Erfahrung damit, ihr habt doch in den 90ern schon Platten rausgebracht. Nehmt das selbst in die Hand«.“ Marcus Wiebusch musste überlegen, er wollte erst nicht, sah sich mehr als Musiker als am Schreibtisch sitzend. Dann ging alles Schlag auf Schlag. „Wir müssen das machen, sonst sind wir echt bescheuert“, sagte Wiebusch damals zu den anderen.



Selbst das Szenario »man hat eine Band namens Kettcar, findet keine Plattenfirma und muss es dann selbst machen, obwohl man lieber nur Musiker wäre«, fasst er in einem Satz zusammen, der so als Zeile in einem seiner Kettcar-Song stehen könnte: „Erst kam die leise Frustration gepaart mit kleiner Verzweiflung. Schnell darauf kam die wilde Entschlossenhei. Und dann: Augen zu und durch.“

Für die Labelgründung 15.000 von der Mutter leihen: „Wenn du glaubst du musst das machen, dann mach das.“

Er musste seine Mutter nach Geld fragen - bis dahin hatte er sich noch nie Geld von ihr geliehen. „Wenn du glaubst, du musst das machen, dann mach das“, sagte sie und gab ihm 15.000 Euro. „Ich hab damals noch zu Reimer und Thees gesagt, daran erinnere ich mich noch genau »wenn das jetzt hier so richtig in die Hose geht, so richtig in die Hose geht, dann sind die 15.000 von meiner Mutter das kleinste unserer Probleme. Dann haben wir richtig Schulden. Dann fährt die nächsten zehn Jahre keiner von uns in den Urlaub«. Acht Monate nachdem die Kettcar-Platte „Du und wieviel von deinen Freunden“ draußen war, bekam Mutter Wiebusch ihr Geld zurück. Doch es blieben noch Schulden beim Studiobetreiber fürs Aufnehmen und bei Indigo für die Pressung, zählt Wiebusch auf. Hätten diese Leute nicht an Kettcar geglaubt, hätten sie nicht gesagt »zahlt, wenn ihr könnt«, dann könnte man jetzt nicht auf zehn Jahre Grand Hotel van Cleef zurückblicken.

Das erste Büro war auf der Stresemannstraße in Hamburg. Wahnsinnig laut war es in dem kleinen Raum. Wenn das Fenster offen war, konnte man sich nicht mehr unterhalten geschweige denn telefonieren. Es musste aber ab und zu gelüftet werden, weil Thees und Reimer mit ihren Zigaretten das Büro vollqualmten, erinnert sich Wiebusch. „Ein absurdes, kleines Büro.“ Sie hatten kein stabiles Internet und nur ein Modem, das sie sich zu dritt teilen mussten. Immerhin konnte man die Excel-Tabellen auch ohne Internetzugang mit Zahlen befüllen, das hat Reimer Bustorff in die Hand genommen. Und die anderen beiden? „Ich habe das Schiff an den ersten Standpunkt gebracht. Ich hatte wahrscheinlich den größten Überblick darüber, wie das Business am ehesten funktioniert, weil ich die Kontakte zu Indigo und unserem Firmenanwalt hatte. Thees war im Promobereich gut aufgestellt, der kannte die 15 wichtigsten, blödes Wort, Opinion-Leader und wusste, wie er sie ansprechen musste. Das klingt jetzt nicht so wild, aber es ist extrem wichtig, die richtigen Leute zu kennen, und denen zum richtigen Zeitpunkt die Platte zu präsentieren. Wir drei haben uns perfekt ergänzt.“

Warum beim GHvC nicht demokratisch entschieden wird: „Wir würden überhaupt keine Band mehr signen, unsere Geschmäcker sind zu verschieden.“

Mittlerweile sind die drei aber nicht mehr an vorderster Front im Grand Hotel van Cleef tätig. Das Label und die eigene Musik – das hat sich im Laufe der Jahre zu einer Doppel-Belastung entwickelt. „Man muss auch ganz klar sagen, dass Rainer Ott ist jetzt der heimliche Chef des Grand Hotels ist.“ Reimer Bustorff macht zwar immer noch alles, was mit Zahlen zu hat, wird aber mittlerweile von einer Assistentin unterstützt. Thees Uhlmann hat sich weitestgehend von der Promotätigkeit verabschiedet und geht auf Künstlersuche. Er hat unter anderem Young Rebel Set und die Kilians für das Grand Hotel van Cleef entdeckt. Früher haben sie demokratisch entschieden, wen sie ins Label nehmen – das geht jetzt nicht mehr. „Unsere Musikgeschmäcker haben sich so sehr auseinanderentwickelt, dass wir dann überhaupt keine Band mehr signen würden. Young Rebel Set beispielsweise fand ich anfangs nicht so gut. Ich hab das einfach nicht verstanden. Mittlerweile mag ich sie. Da hat sich Thees einfach mal durchgesetzt. Der kann sich darin sehr stark verbeißen und die und uns dann restlos überzeugen, dass sie beim Grand Hotel signen. Und das ist auch gut so. Wir vertrauen uns da gegenseitig, dass das nicht der letzte Schrott ist, den wir da anschleppen“, sagt er und lacht. Wenn einer der drei für eine Band brennt und ein Produktmanager da ist, der es machen kann, dann wird die Platte eben rausgebracht.



Marcus Wiebusch selbst kümmert sich um den Verlag. Aber in Kombination mit Kettcar und dem Songwriting, wird das oft zu viel. Er fühle sich dann manchmal ausgebrannt. Zum Schreiben zieht er sich komplett aus dem Büro zurück. Wenn er Songs schreibt, checkt er seine Mails nicht, was einige seiner Mitarbeiter zur Weißglut treibt. Es reicht, wenn er die Mails liest und nicht einmal darauf antwortet, und schon blockieren sie seinen Kopf. Zum Schreiben braucht er Ruhe, muss sich fokussieren und mit seinen Gedanken freikommen. Zum Schreiben muss er sich mit Kunst und Kultur umgeben, liest Bücher, guckt Filme, schaut Serien wie „Breaking Bad“ oder „Six Feet Under“. Er spricht wieder von der Musik, von Kettcar, vom Schreiben, er schweift von der eigentlichen Geschichte des Labels ab. Das passiert ihm öfter während des Gesprächs, das eigentlich nur über das Grand Hotel van Cleef gehen sollte. Die einzige logische Konsequenz: Wiebusch bezeichnet Kettcar als sein Lebenswerk - und nicht das Grand Hotel van Cleef. „Ich sehe mich selbst eher als Musiker, der nebenbei ein Label führt, als ein Labelbetreiber, der nebenbei Musik macht.“

Wie die großen Plattenfirmen später ankamen: „Wir haben da voll die gute Idee, wie wir zusammen…“

Auch der schönste Moment in zehn Jahren Grand Hotel van Cleef ist ein Kettcar-Moment aus dem Jahr 2005. Kettcar in den Tagesthemen. „Das war so ein surrealer Moment. Sonntags war in der FAZ ein großer Artikel über Kettcar, mit Foto. Der Tenor: die beste deutsche Band derzeit. Und am Montag kamen dann die Tagesthemen mit einem Beitrag über uns. Wir dachten, dass das gar nicht mal so schlecht ist, dafür, dass uns vor ein paar Jahren keiner wollte. So fühlt sich vermutlich auch ein Ritterschlag an.“

Die großen Plattenfirmen scheinen alle die Tagesschau zu gucken und die Feuilletons der Tageszeitungen zu lesen. Die kamen nämlich alle an, wollten Kettcar plötzlich doch. Ja, alle großen, betont Wiebusch. „Das lief immer so ab: »Wir haben da voll die gute Idee, wie wir zusammen...« Ein völlig absurder Gedanke…, wir mit den Plattenfirmen zusammen, Kräfte steigern und so. Die wollten uns nur als eine Art Brutstätte für Bands benutzen, damit sie sich die Rosinen rauspicken könnten, die auch wirklich Erfolg versprechen. Wir hätten dann die kleinen Indiesachen weitermachen können. Das hat man klar aus den Gesprächen rausgehört.“ Hätten sie das so gemacht, dann würde er jetzt nicht hier sitzen und von zehn Jahren Grand Hotel van Cleef erzählen, sagt er selbst. Das Label braucht die erfolgreichen Bands wie Kettcar und Thees Uhlmann & Band als tragende Säulen, damit man auch die kleinen Bands veröffentlichen kann. Oder auch mal ein riskantes Album aufnehmen kann, wozu Wiebusch das aktuelle Kettcar-Album „Zwischen den Runden“ zählt.



Von den ersten Aufnahmen von Thees Uhlmann & Band war er allerdings nicht begeistert, hat keine Weiterentwicklung zu Tomte gesehen. Zudem heißt es, wenn ein Künstler einer erfolgreichen Band ein Soloalbum rausbringt, drittelt er seinen Erfolg, glaubt Wiebusch. Die Angst war bei Thees Uhlmann & Band auch da. „Man muss dazu sagen, die ersten Demos waren wirklich nicht gut.“

Wie Marcus Wiebusch Tomte anfangs fand: „Streckenweise schlimm, aber man hat was gespürt.“

Er macht einen Gedankensprung, erinnert sich an früher, an Tomte. Auch bei Tomte hatte er damals seine Zweifel. Damals, als er selbst noch bei But Alive spielte und das Label B.A. Records betrieb. Er hatte Tomte auf einem Tape-Sampler entdeckt, der ihm vom Fanzine „Komm küssen“ zugeschickt worden war, genauer gesagt vom heutigen Intro-Redakteur Linus Volkmann. But Alive hatten ein Konzert und Wiebusch wollte Tomte als Vorband spielen lassen, um sich das ganze einmal live anzuhören. „Streckenweise war es echt schlimm. Aber man hat sofort gespürt, dass bei Thees was ist, so eine Art Aura, die man nicht erklären kann. Und allein sein Talent, Songs zu schreiben. »Ich möchte kein Pantera mehr hören müssen, ich werde schon häufig genug angeschrien.« Wenn du so einen Satz im Song hörst, dann weißt du, da ist noch viel mehr. Daraufhin bot ich ihm einen Plattenvertrag an. Das Album war bei B. A. Records aber nur mäßig erfolgreich.“

Dann ist Wiebusch wieder bei Thees Uhlmann & Band und sagt, dass man sich natürlich fragen musste, ob das Album gut genug ist, ob es reicht. „Als er das Album immer weiter konkretisiert hat, war es richtig gut. Ein Hammer-Album. Und es hat geknallt. Das war für uns eine wahnsinnige Entlastung. Thees Uhlmann & Band ist damit in die Fußstapfen von dem Erfolg von Tomte getreten. Aber so was weiß man eben vorher nicht.“ Man muss sich ja auch Gedanken machen, wie es mit der Musik weitergeht.

Als es vor einigen Jahren mit der Musikbranche bergab ging, da reichte es nicht mehr aus, bloß eine Plattenfirma zu sein. Das Grand Hotel van Cleef war ab dann Plattenfirma, Musikverlag, Booking-Agentur und stellte Merchandise für befreundete Künstler her. Wiebusch macht sich viele Gedanken darüber, wie es mit dem Grand Hotel van Cleef weitergeht. „Ich habe auch schon Horror-Szenarien im Kopf, dass wir irgendwann nur noch eine Booking-Agentur sind. Dann entdeckt man eine Band, schickt die auf Tour, und das war es dann. Davon muss man dann leben. Ich weiß heute auch nicht, wie ich in zehn Jahren noch Musik verkaufen soll, ich weiß es wirklich nicht. Die neuesten Entwicklungen lassen mich nicht ruhig schlafen. Stichwort Spotify und Simfy. Aber ich weiß, dass ich immer Musik machen werde. Und ich weiß, dass es immer Leute gibt, die diese Songs hören wollen. Zumindest hoffe ich das. Von mir oder von den Leuten, die wir entdecken. Und wenn nicht, dass ich das irgendwie hingewurschtelt kriegen muss. Das ist halt die Herausforderung.“ Eine Herausforderung, die Marcus Wiebusch annimmt. Eine Herausforderung, die das Grand Hotel van Cleef annimmt, das irgendwie doch auch ein Teil seines Lebenswerks ist.

Foto 1&2: Dennis Dirksen