Interview mit Killing The Dream

 

Eigentlich geschieht es dem Fragensteller ja ganz recht. Da versucht er seinem Interview-Partner – in diesem Falle Chris Chase, Bassist von KILLING THE DREAM – Antworten zu den existenziellen Fragen des Lebens zu entlocken und was macht dieser? Redet über´s Essen…Streng genommen hat der gute Chris ja auch recht. Ohne Essen wäre wir nichts. Das ist ja auch irgendwo existenziell. Trotzdem Leute: Haltet euch an diesen pseudo-pädagogischen Slogan dieser einen Buchhandlung. Lest Bücher! Die Pizza könnt ihr nachher ordern…

Euer Debütalbum für Deathwish Inc. ("In Place, Apart") wurde im Jahre 2005 veröffentlicht. Der Nachfolger "Fractures" erscheint nunmehr drei Jahre später. Warum dauerte der Schreib- und Aufnahmeprozess so lange? Mit welchen Schwierigkeiten hattet ihr zu kämpfen?


Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, warum wir drei Jahre bis zur Fertigstellung von "Fractures" gebraucht haben. Zum einen sind die beiden Gitarristen, mit denen wir "In Place, Apart" aufgenommen haben ausgestiegen und wir mussten sie ersetzen durch zwei Musiker, mit denen wir uns auch wohl fühlten. Zum anderen wollten wir uns einfach die nötige Zeit nehmen und ein Album vorbereiten, mit dem wir uns auch wirklich wohl fühlen. Darüber hinaus waren wir wohl so abgelenkt vom Pizza- und Burittokonsum, dass wir über ein Jahr vergaßen eine Platte zu schreiben.

"Fractures" wurde mit dem fast schon legendären J. Robbins aufgenommen. Wie seid ihr ausgerechnet auf ihn gekommen? Die einzige Hardcore-Platte, an die ich mich erinnern kann, die er in letzter Zeit aufgenommen hat, war die letzte MODERN LIFE IS WAR. Wo siehst Du Unterschiede in seiner Arbeitsweise und jener von Kurt Ballou, mit dem ihr den Vorgänger aufgenommen habt?

Als der Aufnahmetermin immer näher rückte, begannen wir damit uns Gedanken über das passende Studio zu machen. Ich denke eine Mischung aus der Tatsache, dass Kurt hoffnungslos ausgebucht war und wir etwas Neues probieren wollten, führte uns schließlich zu J. Wir sammelten Ideen bezüglich der potentiellen Produzenten und Isaac (Fratini, Schlagzeuger; Anm. d. Verf.) kam mit J. Robbins um die Ecke. Eine Idee, mit der wir alle leben konnten, verbunden allerdings mit der Frage: Warum zur Hölle sollte er ausgerechnet uns aufnehmen wollen?! Er hat einige unserer Lieblingsplatten aufgenommen, also versuchten wir es und er stimmte zu. Generell war die Arbeit mit beiden, also J. und Kurt, ziemlich cool.

Auf eurem neuen Album gibt es fast keine Crew-Shouts und Breakdowns mehr. Etwas, das mir bei einigen (nennen wir sie mal) "new oldschool"-Bands in jüngster Zeit aufgefallen ist. War das eine bewusste Entscheidung?


Naja, bewusst darüber nachgedacht haben wir nicht wirklich. Es war wohl einfach die natürlich Entwicklung unserer Band, auf diese Elemente weitestgehend zu verzichten. Der Fokus lag schlichtweg darauf, eine gute Platte zu schreiben. Eine, die uns besser repräsentiert als es die Vorgänger getan haben. Ich denke, das ist uns gelungen. Wenn wir uns bewusst für einen bestimmten Ansatz entschieden hätten, wären wir wohl die THIRD EYE BLIND-Schiene gefahren. So richtig mit melodischen Refrains und eingängigen Sing-a-longs.

Wenn eure Band ein Buch wäre, welches wäre es?

Das ist jetzt aber wirklich hart. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ich mich nun wirklich nicht daran erinnern kann, jemanden aus dieser Band jemals mit einem Buch in der Hand erwischt zu haben. Vielleicht wären wir eher so etwas wie ein "Hardy Boys"-Abenteuer, stets auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit. Alles, was uns während des Tourens interessiert, sind Orte, an denen wir gut essen können.


War es eure Entscheidung ein Artwork zu wählen, welches dem des Vorgängeralbums sehr ähnlich ist?

Wenn es ums Artwork geht, überlassen wir Jacob Bannon komplett das Feld. Er hört sich unsere Alben an, entscheidet dann was seiner Meinung dazu passen würde und zaubert dann etwas für uns. Er ist wirklich ein großartiger Künstler und sind ihm sehr dankbar für seine Dienste. "Fractures" ist ja eine Weiterentwicklung zu "In Place, Apart". Ein ähnliches Artwork macht somit Sinn.

Im Fotoalbum eurer MySpace-Seite findet sich ein Foto eines Soldaten, der einen KILLING THE DREAM Aufnäher an seinem Hemd trägt. Kannst Du die Geschichte hinter diesem Bild ein wenig näher erläutern? Und warum der Hinweis, dass ihr den Krieg im Irak keinesfalls unterstützt?

Wir haben einige Briefe von Soldaten erhalten, die ihren Militärdienst im Irak ableisten, mit dem Vermerk, dass unsere Musik ihnen durch eine schwierige Zeit helfe. Das bedeutet uns wirklich eine Menge. Einem von ihnen haben wir ein Care-Paket geschickt, in dem auch einige Aufkleber und andere Sachen enthalten waren, um uns solidarisch zu erweisen. Ich kann in diesem Fall nicht für alle in der Band sprechen, denn wir alle haben unsere persönlichen Ansichten und Meinungen. Wir sind jedoch definitiv keine politische Band. Das sind wir einfach nicht. Dennoch unterstützen wir unsere Truppen. Auch während eines Krieges, an den ich persönlich nicht glaube.



AMERICAN NIGHTMARE oder RUINER. Oder anders formuliert: Wie persönlich und ehrlich müssen Texte sein?

Texte sollten so persönlich und ehrlich sein, wie du es möchtest. Das sind übrigens beides großartige Bands, die einen enormen Einfluss auf uns hatten und immer noch haben. Beide Bands schätzen wir sehr. Mit den Jungs von RUINER haben wir definitiv zu viel Zeit verbracht und ich kann lediglich folgendes sagen: Bei einem Pizza-Wettessen würden wir sie unter den Tisch futtern…

Glaubst Du, dass Hardcore heutzutage noch ein extremes musikalisches Genre ist, sowohl auf inhaltlicher wie auch musikalischer Ebene? Oder wurde nicht alles irgendwie schon gesagt, womit das Moment des Extremen hinfällig ist?

Ich denke Hardcore hat sich seit seiner Entstehung in eine unterschiedliche Richtung entwickelt, das passiert jedoch auf lange Sicht mit jedem musikalischen Genre. Es muss da so etwas wie Entwicklung und Fortschritt geben, ansonsten wird es schlichtweg langweilig. Und ja, ich denke diese Musikrichtung kann immer noch extrem sein. Es passieren ständig Dinge in dieser Welt mit denen wir einverstanden sind, oder eben nicht. Hardcore oder jegliche andere Musikform bieten ein fantastisches Medium, um seine Meinungen und Überzeugungen zu verbalisieren. Immer, wenn Du denkst, dass schon alles gesagt wurde und man alles irgendwie bereits gehört hat, kommen neue Bands um die Ecke mit einem wohltuenden, frischen Sound und einer anderen Herangehensweise an Hardcore. Ich glaube nicht, dass Hardcore dieses Moment des Extremen jemals verlieren wird.

Wen würdest Du als prägenden Einfluss Deiner musikalischen Sozialisation benennen? Welche Bands/Platten/Musiker hatten den größten Einfluss auf Deine Entwicklung als Mensch und Musiker?


Meine persönlichen musikalischen Einflüsse sind recht breit gefächert. Sie reichen von RANCID zu Bob Dylan. STAY GOLD hatten den wohl größten Einfluss auf mich im Hardcore-Kontext, sie waren der entscheidende Grund mich für dieses Genre zu interessieren. Das erste Mal als ich sie sah, hingen die Kids ihnen förmlich an den Lippen, sangen mit und konnten sich hundertprozentig mit ihren Inhalten identifizieren, da es Dinge waren, die sie ebenfalls betrafen. Wenn Du Dich auf diese Art mit den Texten einer Band identifizieren kannst, ist das schon ein überragendes Gefühl und schafft eine gewisse Verbindung. RANCID sind allerdings DER Grund, warum ich überhaupt anfing Musik zu machen. Matt Freemans Spiel hat mich einfach total umgehauen und in jenem Moment war mir klar, dass auch ich Bass spielen wollte.



War es denn immer Dein Ziel, Musiker zu werden? Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich in Eurem Genre nun nicht gerade viel Geld verdienen lässt.


Seit ich mich erinnern kann, habe ich eigentlich immer irgendein Instrument gespielt, der Traum war stets in einer Band zu spielen. Ich habe niemals einen Gedanken daran verschwendet, damit Geld zu verdienen. Alles, was ich wollte war mit meinen Freunden um die Welt zu reisen, interessante Leute kennen zulernen und gutes Essen zu konsumieren. Diese Band wird definitiv niemals viel Geld abwerfen, aber was soll´s? Ich hatte die beste Zeit meines Lebens mit ihr. Ich will damit nicht sagen, dass es bisweilen nicht verdammt hart sein kann über die Runden zu kommen. Das Touren entschädigt jedoch für alles. Wenn Du jemals die Chance bekommst zu Touren, verstehst Du warum das große Geld dagegen wertlos ist.

Kommen wir mal zurück auf das neue Album. Die Songs 'Part II (Motel Art)' und 'Resolution' scheinen inhaltlich eng miteinander verknüpft zu sein. Wenn ich ihren Inhalt korrekt gedeutet habe, handeln sie von einem Mangel an Veränderung im Leben. Wovor hast Du in diesem Kontext Angst, vor allem bezogen auf das Tourleben?

Oftmals fühlt man sich in seinem Leben so, als würde man sich auf ausgefahrenen Gleisen bewegen und sich ständig mit denselben Dingen beschäftigen. Dazu gesellt sich die Vorstellung, dass man doch jetzt endlich mal erwachsen werden und ein „richtiges“ Leben beginnen müsse. Unentwegt unterwegs auf Tour zu sein, kann manchmal schon sehr seltsam sein. Es fühlt sich so an, als würde die Zeit stehen bleiben und ehe Du Dich versiehst sind wieder drei weitere Jahre vergangen. Man kann halt nicht sein ganzes Leben auf Tour verbringen, also beginnt man darüber nachzudenken, wie das weitere Leben gestaltet werden soll. Es ist schon manchmal ein Kampf, dennoch sollte aus jedem Tag das Beste gemacht werden.

Wie bestreitet ihr denn euren Lebensunterhalt, wenn ihr nicht gerade unterwegs seid?

Ich arbeite in einem Copy-Shop. DJ ist ein Sandwich-Künstler in einem kleinen Restaurant. Patches besegelt die Ozeane mit seinen Wikinger-Brüdern auf der Suche nach einer Maid. Eli liebt es rumzuhängen, mit Eiscreme, Donuts und Pizza und irgendwelche Typen beim Basketball abzuziehen.

Auf eurer letzen Tour durch Deutschland habt ihr während eures Sets einen SICK OF IT ALL-Song gecovert. Das hat mich auf der einen Seite etwas verwundert, auf der anderen fand ich es jedoch auch sehr cool. Wie würdest Du für Dich persönlich den perfekten Song definieren?

Wieder mal eine schwierige Frage. Ich denke, auf DEN perfekten Song könnte ich jetzt nicht festlegen. In erster Linie berühren mich Songs mit guten Texten, einprägsamen Refrains und viel Melodie, die aber dennoch schnell und hart sind. Das macht jetzt wahrscheinlich überhaupt keinen Sinn. Hm, denke einfach an RISE AGAINST oder so.

Was ist das Schlimmste, das Du jemals bezogen auf Deine Band lesen musstest? Warum denke Journalisten immer sie hätten recht?!

Von schlechter Kritik sind wir bisher glücklicherweise weitgehend verschont geblieben. Vielleicht denke ich das aber auch nur, da ich nicht so viel über uns lese. Das Lustigste, an das ich mich erinnern kann, war der Vergleich von Elis Stimme mit einem sterbenden Nashorn. Journalisten haben eine Meinung, daher schreiben sie ja auch. Ich hoffe mal für sie, dass sie der Meinung sind, sie hätten recht. Warum sollten sie sonst schreiben?!

Welche Bands sind Deiner Meinung relevant heutzutage bzw. werden noch für Aufsehen sorgen?

Als erstes solltet ihr euch die neue VERSE-Platte besorgen. Die ist nämlich absolut fantastisch. THE CARRIER sind ebenfalls großartig und aufstrebend. BASTARDS OF YOUNG sind eine ziemlich coole Band aus Sacramento. Dann fallen mir spontan noch GRAVE MAKER ein, mit denen wir bald auf Tour gehen werden.

Irgendwelche letzten Worte? Besten Dank für das Interview

Kommt und feiert mit mir!!! Esst mehr Pizza und Burritos, schaut euch "Lost" an…Holt euch unsere neue Platte, wenn ihr jemals einem Eisbären begegnet, dann gute Nacht…Und zuguterletzt: habt Spaß in eurem Leben. Denn darum geht es.