Interview mit Lavatch

 

zunächst einmal herzlichen glückwunsch zu "Mental Deterioration"! wie ist die resonanz bisher auf euer drittes vollwertiges album?

Hallo Clement, hallo Allschools! Vielen Dank. Die ersten Resonanzen sind durchweg positiv und man attestiert uns einen guten Weg auf welchen wir uns bewegen. Allerdings wissen wir das Ganze einzuordnen. Auch bei den letzten Platten waren die Kritiken alles andere als schlecht. Die große Kunst besteht darin sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Und das wird diesmal auch geschehen.

auch mit diesem album unternehmt ihr den versuch, der eurer meinung nach ausgewaschenen hc-szene neue impulse einzuhauchen. ist euch das gelungen? was genau stört euch denn an dieser "szene"?

Ganz ehrlich, wir versuchen eigentlich nur die Musik zu machen auf die wir gerade Bock haben. Wir achten da nicht so wirklich auf Szenedinge oder sonstige Nebengeräusche. Wozu auch? Wir wissen wer wir sind, wo wir hinwollen und auf dem Weg steht sicher nirgends das wir uns großartig an Szenegepflogenheiten aufhalten werden. Die HC-Szene sehen wir gar nicht so kritisch wie man annehmen könnte. Es gibt ein ziemlich gutes Netzwerk an
Auftrittsmöglichkeiten, Fanzines, Labels, anderen Bands und und und. Ein sehr kreativer Austausch wie wir finden und es ist ein Privileg dass wir 5 überhaupt die Möglichkeit bekommen unsere Ideen so umzusetzen. Es gibt natürlich ein paar Stereotypen die sich gut für einen Seitenhieb eignen, aber hey: Auch wir legen gern mal ganz typisches Szene-Verhalten an den Tag, wir sind nicht besser als irgendwer anders. Das Problem ist auch keine Szene, sondern das Problem sind Leute die alle 5 Minuten ihre Meinung ändern. Aber das ist nun mal die Generation Internet, es gibt kaum noch Halbwertzeiten, warum sollten die Leute bei ihren Meinungen da dann anders vorgehen? Leider müssen genau diese Zeitgenossen aber all ihre „Erfahrung“ in irgendwelche Foren usw ergießen. Und das ist eben nicht „Hardcore“, sondern das ist meistens üble elitäre Scheiße und gern auch mal üble Nachrede. Und das ist uns selber noch gar nicht passiert, sondern beruht auf Beobachtungen und Kenntnissen wenn man
mal tatsächlich länger als 5 Minuten an einer Sache dran bleibt. Aber dieses Phänomen gibt es überall, nicht auf eine Szene bezogen. Was übrigens nicht heißt das man Sachen nicht auch Scheiße finden darf. Nur sollte man dann auch offen zu seiner Meinung stehen, statt Anonym im Internet rumzuschmieren.

im vergleich zu euren vorherigen alben klingt ihr reifer (logisch!), etwas straighter und vor allem klingt eure aggressivität deutlich besser wegen einer sehr guten produktion. wo seht ihr die vorzüge des neuen albums und wer war für den sound verantwortlich?

Wir glauben das straighter und reifer gehen hier Hand in Hand. Wir wollten die neue Platte auf gar keinen Fall überladen klingen lassen. Das Album davor „Mammoths Of Cold Souls“ hatte 12 Songs, 50 Minuten lang…wir haben dann oft von Leuten gehört dass sie alles cool finden, aber am Stück war es dann einfach too much. Von daher diesmal 8 Songs, 34 Minuten und vielen überflüssigen Ballast über Board. Den Song einfach mal Song sein lassen, was übrigens den Lyrics in die Karten spielte, weil man hier nun viel mehr Spielraum hatte und Dinge anders angehen konnte. Aufgenommen hat das Ganze Martin Buchwalter vom Gernhart Studio in Troisdorf (www.facebook.com/gernhartstudio)mit dem wir schon die letzte Platte gemacht hatten. Martin wusste genau wo wir als Band hinwollen und
hat uns dann einen wirklichen tollen Sound für unsere Songs gebastelt. Wir sind mehr als zufrieden und können allen Bands da draußen den Martin auch nur ans Herz legen. Geiles Studio, geiler Typ!

"Mental Deterioration" ist in verbindung mit dem coverartwork bereits ein statement, dass ihr im album untermauert. textlich klingt das album manchmal wie ein hilfeschrei, oder?

Mental Deterioration ist natürlich ein Statement. Jeden Tag denken wir uns: Das kann doch nicht alles wahr sein. Dort machen sie Jagd auf Schwule, hier wird wieder ein bisschen Nationalstolz schick, und irgendwie scheint es keinen zu interessieren was so auf der Welt los
ist. Irgendwo fließt ein wenig radioaktives Wasser ins Meer, aber mir doch egal, Hauptsache die Party heute Abend wir gut! Irgendwie war es zwangsläufig dass die Platte so heißt. Einen besseren Namen hätte es zur Zeit nicht gegeben. Ein Hilfeschrei ist es aber nicht, das war die Platte davor. Mehr eine Beobachtung. Zeitzeugen der Verblödung.

ihr werdet immer wieder (meiner meinung nach zu recht!) mit ETID und NORMA JEAN verglichen. ehre oder hängt euch das so langsam aber sicher zum hals raus?

Musikalisch gibt es mit Sicherheit viele Überschneidungen, inhaltlich eher weniger. Aber es freut uns mit Bands verglichen zu werden, mit denen wir selber auch viel anfangen können. Der Mensch braucht halt auch seine Schubladen und wenn man uns nicht kennt hat man so wenigstens einen Anhaltspunkt wo man uns verorten kann. Ist also absolut ok. Wir haben nur
nichts mit irgendwelchen Christensachen am Kopf, die Gefahr ist ja bei Norma Jean gegeben, dass man das falsch verstehen kann.

ihr veröffentlicht auf dem noch jungen label mudcore records. wie kam es zur zusammenarbeit und was genau macht ein gutes label in zeiten, wo es kaum noch cd-verkäufe gibt, aus?

Zur Zusammenarbeit kam es, weil die Mudcore Jungs und wir uns halt von Konzerten schon kannten. Wir wollten ursprünglich die neue Platte ganz allein machen. Wir sind der Meinung dass man mit Herzblut und Vollgas mehr erreichen kann als wenn man sich auf andere verlässt. Irgendwann kam aber Markus von Mudcore auf uns zu. Wir haben dieselben Vorstellungen davon wie eine Band und ein Label zusammenarbeiten zu haben. Und da wir Markus sehr schätzen und wissen dass er auch nicht erst seit gestern in der Szene tätig ist, war dann sehr schnell klar dass wir die erste Band bei Mudcore werden. Wir sind sehr froh wie es bisher läuft und genießen es Teil einer neuer Sache zu sein. Warum Markus und Co. mit Mudcore ein neues Label in schwierigen Zeiten aufgemacht haben? Keine Ahnung. Aber genau das klingt so sehr nach uns selber, das passt!

was haltet ihr eigentlich von streaming-diensten wie spotify? meiner meinung nach
liegen künstler blutend am boden und durch die streaming sachen tritt der endverbraucher diesen noch direkt in die fresse.


Schwieriges Thema. Wir setzen weiterhin auf das Medium CD/LP. Wir selber wollen schöne Artworks in der Hand halten, versuchen auch immer selber da was Schönes auf die Beine zu stellen. Mit Streaming-Anbietern erreichst du natürlich viel mehr Leute, vielleicht kommen von denen ja dann ein paar zu den Konzerten, wir wissen es nicht. Das ganze Thema ist so undurchsichtig.

Es gibt massig Bands, von denen kann nicht jede Band von der Musik leben. Liegt es jetzt am Streaming das Bands weniger Platten loswerden? Oder an der erschlagenden Menge an Bands? Jeder kann innerhalb von Sekunden jede Band der Welt abchecken. Da musst du natürlich irgendwas bieten im Konkurrenzsumpf. Wir verkaufen das Meiste auf Konzerten. Viel Live spielen und dabei alles geben ist ein gutes Mittel dagegen.

was mir auch aufgefallen ist: ihr seid nicht mehr ganz so verkopft, aber dennoch streckenweise ungemein aggressiv. dann aber mal wieder zurückgezogener. im grunde habt ihr mehr dynamik und abwechslung. was hat sich so zwischenzeitlich seit eurem letzten release "Mammoths of cold souls" getan?

Dank der Themen die uns beschäftigen, würde alles andere als aggressiv auch irgendwie überhaupt nicht passen. Wir wollten dennoch den Songs einfach mal Raum lassen. Dass wir ganz gut darin sind ordentlich Krach zu machen, haben mittlerweile alle Interessierten verstanden. Wir hören selber auch gern sehr melodische Bands, warum diese Einflüsse außen vor lassen? Dadurch entstehen diese ruhigeren Momente, die Dynamik, die dann die aggressiven Parts noch heftiger klingen lassen.

Zwischen den Alben haben wir 2 Bassisten Wechsel gehabt. Das gehört leider dazu. So kamen aber nochmal andere Ansichten und Perspektiven in die Band. Und das scheint uns insgesamt nicht geschadet zu haben. Und in der jetzigen Konstellation passt es sehr gut. Wir haben eine gute Zeit zusammen und wir denken das kann man auch hören.

habt ihr noch tipps für unsere leser, was sie mal anchecken sollten?

Wir sind immer große Freunde davon wenn Leute sich von den Dingen da draußen selber ein Bild machen. Unser Tipp lautet also: Geht auf Konzerte, entdeckt die Bands für euch selbst. Die Lieblingsband des besten Freundes muss nicht deine Lieblingsband sein. Fangt an eure eigenen Köpfe zu benutzen, es hilft in so vielen Lebenslagen.

das müsst ihr noch loswerden:

Vergesst alles was wir oben gesagt haben: Kauft die Platte, macht uns reich! Danke fürs lesen!