Interview mit Nachtgeschrei

 

Hallo NACHTGESCHREI. Mit wem habe ich das Vergnügen?

Hallo Clement, ich bin Stefan von Nachtgeschrei und bediene dort das
Schlagzeug

Es ist noch nicht lange her, da stellte ich Fragen zu "Am Rande Der Welt". Was ist seitdem geschehen?

Gemessen daran, dass der Release von "Am Rande Der Welt" erst anderthalb Jahre her ist - ziemlich viel! Wir haben sehr viel live gespielt, uns im Proberaum eingeschlossen um Songs für die neue Scheibe "Ardeo" zu schreiben, haben Bandwochenenden im Schwarzwald verbracht... und dann eben noch diese Kleinigkeiten, die einen vom Musik machen aufhalten.

3 Alben in 3 Jahren stehen auf eurer Habenseite, und meiner Meinung nach konntet ihr euch dreimal steigern! Wie könnt ihr das erklären?

Jetzt, wo Du es sagst, frag ich mich das auch! Im Ernst: Generell entwickelt man sich natürlich stetig weiter. Frage ist nur - wohin. Wenn Du es als Steigerung empfindest ist das für uns natürlich ein Kompliment, über das wir uns freuen.
Im Laufe der Zeit spielt man sich besser aufeinander ein, nicht zuletzt wegen vielen gemeinsam verbrachten Gigs. Das Songwriting wird auch effektiver. Erstmal weiß nach einer gewissen Zeit, wer für was Talent hat. Also wer ist eher der Riff-, Themen-, Arrangements-Typ. Noch dazu, wenn man bereits ein paar Songs auf der Kerbe hat, wird man etwas mutiger und probiert auch mal mehr aus. Und so haben wir es geschafft, relativ schnell wieder mit einer neuen Platte dazustehen. Das klingt jetzt so einfach... nun, wir haben uns das Ziel gesetzt, 2010 die nächste zu veröffentlichen. Offensichtlich funktionieren wir mit ein bisschen Druck nicht schlecht.

"Ardeo" ist für mich eine melancholische, sehr intensive Reise gespickt mit mittelalterlichen sowie aktuellen Themen. Was benutzt ihr als textlichen Hintergrund, was inspiriert euch lyrisch?

Ja, melancholisch ist so ein Ding. Ich hab das schon mal irgendwo erwähnt... hier pack ich gern die Anekdote aus, was Phil sagte nachdem ich den letzten Song eingetrommelt hatte: "Jungs, kann das sein, dass die Platte ne ganze Ecke düsterer ist?" Also, im Endeffekt geht die Schere der Grundstimmung weiter auseinander. Manche Songs sind härter, manche deutlich ruhiger. Das wirkliche Mittelmaß gibt es auf Ardeo nicht.
Ich gehöre zwar nicht zu den Textschreibern, kann aber dazu sagen, dass Legenden wie z.B. die von Ikarus (hier also Vorlage für den Titelsong
"Ardeo") gerne mal als Einfluss genommen werden, allerdings kann es auch durchaus brandaktuelle Themen betreffen. Nik hat mal schön
charakterisiert, dass wir keine "Märchenonkel" sind. Wichtig ist, eine Stimmung zu erzeugen, die zur Musik passt und allgemein genug ist, dass
sich der Hörer darin wiederfinden kann.

Ich gebe zu, am Anfang etwas enttäuscht gewesen zu sein. Aber schnell ist dieser Gedanke verflogen, denn "Ardeo" lud zum immer wieder hören
ein. Danach entfaltete sich ein schlicht wunderbares Werk, das vor allem zum Punkt kommt und nicht um ihn herumspaziert. Wo seht ihr die Stärken des neuen Albums?


Es geht mir auch oft so, dass ich mich (vor allem bei meinen Lieblingsbands) erst ein paar Mal reinhören muss, dann aber komplett drauf abfahre. Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass alle, die die Scheibe von Anfang an gemocht haben... hähähähä...
Die Stärken des Albums sehen wir in den bereits erwähnten Extremen. Geht es Dir gut oder geht es Dir schlecht, es ist immer ein Stück drauf, das Du zum Soundtrack Deines Lebens hinzufügen kannst. Soll aber nicht heißen dass Du in normaler Stimmung die Platte nicht hören
kannst: In solchen Momenten sind es einfach die eingängigen Melodien, die einen bei der Stange halten.


"An mein Ende", "Ardeo" und "Der Reisende" sind für mich eure bisher besten Songs. Diese drei stehen Pate für euer drittes Album, das sog.
make it or break it Output. Wo seht ihr euch mittlerweile in der "Mittelalter"-Szene?


Eine schöne Auswahl, vielen Dank!

Schwierig zu beschreiben, wie wir uns selbst sehen. Man hat immer unfreiwillig Scheuklappen auf. Als ich vor ca. zweieinhalb Jahren in die
Band einstieg war es für mich schon mal ein echt gutes Ding, regelmäßige Gigs zu haben und ein bisschen rumzukommen. Inzwischen haben wir uns nochmal eine Ecke gesteigert. Wir haben Feuer und wollen Ardeo nutzen, um live noch präsenter zu werden. Für 2011 stecken schon ein paar schöne Überraschungen in der Pipeline. We'll make it & won't break it :)


Ich bin auch deshalb ein Anhänger von euch, da ihr immer wieder das Material von einem nicht aufgesetzten Metal Groove drücken lasst. Die
harten Gitarren sind fester Bestandteil neben Dudelsack, Flöte und Akkordeon. Meiner Meinung nach werden diese immer mehr von den etablierten Mittelalter Acts ignoriert. Wie seht ihr das?


Bei uns ist das ein ganz natürlicher Effekt. Die musikalische Herkunft der verschiedenen Bandmitglieder reicht von Folk bis Death Metal. So
bringt sich jeder gleichermaÃein und am Schluss steht da ein Song, den jeder von uns mit der Band identifiziert. Um ein Beispiel aus meinem
eigenen Background zu geben: Vorher habe ich hauptsächlich "laute Gitarrenmusik" gemacht. Joe und Nik bereichern mit ihren Instrumenten
den ganzen Mix so, dass man viel mehr Möglichkeiten hat, sich auszudrücken. Ohne dabei an Authentizität zu verlieren.

Was ist eigentlich besser als eine Hotti Stimme? Natürlich zwei Hotti Stimmen! So unterlegt er sich auf "Der Reisende" selbst. Er schafft es auf "Ardeo", den Hörer festzunehmen und über Gesamtlänge festzuhalten. Großes Gesangskino, oder?

Auf jeden Fall! Mir hat es vor allem eine Stelle bei "Ich Hör Nichts Mehr" angetan, bei der er im Hintergrund mehrstimmig einen Ton hält und
nach einer Weile ein Stück abfallen lässt. Was für eine Wand! Live präsentieren wir das Ganze, indem Hotti die angenehmste Stimmlage heraussucht
um sie zu performen, der Rest kommt vom Band um die Fülle herzustellen. Jedes Mal lege ich Leuten, die Nachtgeschrei zum ersten Mal hören ans
Herz - kommt vorbei, hört Euch den Typen live an. Der hat sie nicht mehr alle. Geil!

Ihr wolltet das 2. Album geradliniger und druckvoller als das erste Album gestalten. Welche Vorgaben gab es für das 3. Album? Meiner Meinung
nach wolltet ihr noch geradliniger und vor allem intensiver, melancholischer, dunkler und feinfühliger werden.


Wir hatten die Vorgabe, rechtzeitig genug Songs für ein weiteres Album zu schreiben! Spaß beiseite - Du hast schon vollkommen Recht. In etwa
so ist es gewesen, vor allem, nachdem wir die ersten Ideen gesammelt hatten und bereits eine Tendenz erkennen konnten. Als Vorausblick: Das
nÀchste Album möchte ich persönlich noch ein Stück heavier werden lassen. Und eine up tempo Nummer, so dass ihr die Tanzschuhe auspacken
könnt muss auch mal sein.

Hervorzuheben ist auch die Produktion, die sehr warm, aber auch druckvoll arrangiert wurde. Wer war dafür verantwortlich und wie verlief
die Zusammenarbeit?


Phil Hillen aus dem SU2 Studio in Illingen. Wir haben bereits "Am Rande Der Welt" bei ihm eingespielt und freuen uns sehr, dass er noch nicht genug von uns hat. Wir sind ihm sehr dankbar für seine tolle Arbeit, seine konstruktive Kritik, die zu-Hause-AtomsphÀre im Studio und so etwas wie einer Freundschaft, die sich inzwischen entwickelt hat.

Die letzten Worte gebühren euch:

Clement, vielen Dank für das Interview und Dein Interesse an uns!

Leute, die sich mit unserer Musik auseinander setzen geben Wasser auf die Mühlen von Nachtgeschrei. Wir hoffen, Euch bald alle irgendwo live begrüßen zu dürfen. Vielleicht langts dann ja auch auf einen Plausch
nach dem Gig am Merchstand.

Ich danke euch sehr und bis zum nächsten Jahr!

Danke... cool, schon haben wir wieder den nötigen Druck! ;-)